Lüdenscheider Start-up mit „Mindermengen“: Screwerk und die Industrie 4.0

Start-Up "Screwerk": Einzelne Schrauben in die Welt

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Ruhige Minuten sind für Alexander Hoffmann (rechts) und Heiko Schlabach selten. Auf dem Weg zum selbst gesetzten Ziel, mit ihrer Firma Screwerk einen globalen Champion im Schraubenhandel zu etablieren, zählen Digitalisierung, Geschwindigkeit und Beweglichkeit.

Lüdenscheid - Wie so oft, stand am Anfang eine ganz einfache Erkenntnis: „Kleine Mengen gibt es nicht zu kaufen in unserer unperfekten, analogen Welt.“ Wenn große Schraubenhersteller für „Mindermengen“ ihre Maschinen gar nicht erst anwerfen, woher bekommt ein Kunde dann einzelne Schrauben? Heute geben Alexander Hoffmann und Heiko Schlabach die Antwort: „Von Screwerk.“

Das Firmenkonzept des Start-up-Unternehmens ist es, „jede gewünschte Menge ab einem Stück und ohne Einschränkung durch Verpackungseinheiten“ weltweit zu liefern.

Seit 2013 verfeinern die beiden 43-Jährigen ihr Geschäftsmodell, seit 2014 gibt es den Online-Shop und die eigens für ihre Firma konzipierte Software – das Spezialgebiet des IT-Experten Heiko Schlabach. Inzwischen entwickele sich auch das Tochterunternehmen in den USA schon „hervorragend“.

Begonnen hat alles in einem Keller in Halver, weiter ging’s auf 900-Quadratmetern, bevor sie den alten Hirt-Komplex an der Lösenbacher Landstraße 160 kauften. Man wuchs auf rund 25 Mitarbeiter und musste „im wachsenden Geschäft 6400 Quadratmeter renovieren und eine eigene Fertigung aufbauen“. Seitdem definiert man sich als „Händler, der sein Beschaffungsproblem über eine eigene Fertigung gelöst hat“. Doch selbst Alexander Hoffmann sagt im Rückblick auf 2017: „Das muss ich nicht jedes Jahr haben.“

Das alles funktioniert, weil Screwerk sich als Spezialist für Schrauben für Kunststoffe definiert. „Wir verkaufen nicht Schrauben, wir verkaufen Verfügbarkeit“, sagt Hoffmann. Sofortige Verfügbarkeit. Das Standard-Sortiment im Lager umfasst mehr als 200 Millionen Schrauben, 8000 Varianten, 16 Durchmesser. Und jede einzelne zählt. Das Konzept geht auf. Heute sagen sie: „Wir wussten nicht, ob die Kuh fliegt. Aber der Bedarf ist immens.“ Sie schicken 500 Schrauben bis Neuseeland und bekommen „Danke, dass es euch gibt“-Mails zurück.

Das Team gibt’s seit der Grundschule in Halver. Früh begannen die Jungs, Eigenes zu entwickeln, gründeten einen Skateboard-Verein, eine Schülerzeitung. Nach dem Abi 1993 ging der eine zum Studium, ins Ausland, sammelte Erfahrungen in Marketing- und Vertriebsjobs. Der andere blieb in Halver, gründete das eine oder andere Unternehmen, spezialisierte sich auf IT. Man blieb in Kontakt, tauschte Erfahrungen aus und richtete ab 2013 gemeinsam „den Fokus auf die Schrauben“.

Angst vor Quantensprüngen hat Alexander Hoffmann nicht. Und er hat auch keine Angst vor den noch leeren, weitläufigen Fabrikräumen hinter der nächsten Tür. Das Thema „Platz“ rangiert zwar hinter „Kapital“ und „Personal“, aber es ist immer präsent. Spätestens Ende 2018, davon ist der ehrgeizige Unternehmer überzeugt, wird der Platz wieder knapp.

Mit dieser Geschwindigkeit hält nicht jeder mit. In den ausgeklügelten Fünf-Jahres-Plänen von Banken findet sich die junge Firma nicht wieder. Wenn fünf Jahre alles strikt nach Plan ginge, liefe etwas falsch, glaubt Hoffmann: „Ein ganz wichtiger Baustein in unserem Wachstum ist die Flexibilität.“ Die rasante Entwicklung des Unternehmens gibt ihm recht.

Screwerk: Umsatzzuwachs von 151 Prozent

Der Umsatzzuwachs von 151 Prozent im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre katapultierte die Lüdenscheider auf den ersten Platz im Ranking der am schnellsten wachsenden Handels- und E-Commerce-Unternehmen Deutschlands. Diese Rangliste veröffentlicht Focus Business in seiner aktuellen Sonderausgabe „Wachstumschampions 2018“.

Vor großen Vergleichen ist Alexander Hoffmann daher nicht bange. „Wir wollen eine Modellfabrik für die Industrie 4.0 werden“, sagt er. Beispielhaft dafür, wie Industrie heute, dank Internet und Digitalisierung, funktionieren kann. 2015 haben sich die Gründer ausgiebig dort umgesehen, wo’s läuft: in Silicon Valley. „Eigentlich müssten wir wieder dorthin“, sagt Hoffmann. So viel dürfte sich getan haben. So viele gute Ideen, die man adaptieren könnte. So viele Impulse, die man ins eigene Tal, ins Lösenbacher Tal, holen könnte.

Doch noch haben die beiden alle Hände voll zu tun, ihr erfolgreich gestartetes Geschäftsmodell zu verfeinern. „Wir wissen, was wir tun müssen“, sagen sie. Aber um das zu stemmen, brauche man dringend die richtigen Leute. Elektroniker, Mechatroniker, Kaltumformer – in vielen Bereichen ist der Bedarf groß an aufgeschlossenen Menschen, noch nicht vollgesogen von der analogen Welt, sondern aufnahmebereit für die digitale. Die klarkommen mit Sätzen wie: „Totale Offenheit ist unser Mantra und Teil des Erfolges“ und „Hoheitswissen wird hier kategorisch abgelehnt“. Man setzt auf Transparenz im Tal, auf Open-Source-Software und auf die Überzeugung, „dass Abkapselung der Vergangenheit angehört“.

Die Gegenwart ist auch in Köln: Softwareentwicklung und Controlling. Dort sei diese Kompetenz. „Doch die Musik spielt hier. Wir sehen uns als Kind der Region. Screwerk hätte nirgendwo in Deutschland so existieren können wie hier“, schwärmt Hoffmann. Die Dynamik, geballtes Fachwissen im Institut für Umformtechnik und das bestehende Netzwerk – davon profitiere man.

Doch die Jungunternehmer sehen bei aller industriellen Tradition in der Region auch unschätzbare Vorteile im Neuanfang. „Wir können neu denken. Wir werden nicht durch bestehende Strukturen behindert.“ Deshalb stehe man auch schon wieder vor der nächsten Entscheidung: „Entweder, wir machen einen kleinen Mittelständler daraus, oder wir machen es richtig.“ Was das bedeuten kann, erläutert Alexander Hoffmann gerne: „Amazon musste auch erst einmal mit Büchern angefangen“, sagt er dann augenzwinkernd.

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