Eine Plastiktüte voller Beweismittel

Lüdenscheid - Jetzt hat er doch extra eine Plastiktüte mit Beweismitteln dabei. Aber Strafrichter Thomas Kabus zeigt sich unbeeindruckt. Selbst, als der Ladendieb unter den Augen der Justiz ein paar Waren auf den Tisch packt, darunter Glasreiniger, und sagt, das habe er ehrlich gekauft, „ich war immer ein guter Netto-Kunde“ – selbst da verbessert sich seine Lage strafrechtlich nicht.

Denn es geht nicht um Glasreiniger. Es geht um ein Pfund Kaffee, Jacobs Krönung für 5,49 Euro. Woher er die Packung inklusive Sicherungsetikett hatte, darüber macht er unterschiedliche Angaben. „Von meinem Vermieter geschenkt bekommen, da können Sie ihn fragen“, lautet eine Version. „Im Penny-Markt gekauft, da bin ich 100-prozentig sicher“, eine andere.

Doch der junge Verkäufer, der den Kaffeedieb vom Laden bis fast zur Christuskirche verfolgt hat, ist auch 100-prozentig sicher. „Es piepte, als der Mann den Laden verließ.“ Auch dafür hat der Mann mit der lauten Stimme eine Erklärung parat. „Ich dachte, mein Handy klingelt.“ Und überhaupt: „Ich war nur in dem Laden, weil es woanders gerade keine Noisette-Schokolade gab. Das kann ich beweisen.“

Diesen Beweis bleibt der Angeklagte dem Gericht aber schuldig. Wohl auch deshalb, weil Richter Kabus und Oberamtsanwalt Hans Dieter Lehmann sich bemühen, derlei Ausflüchte zu überhören – und die Beweisaufnahme äußerlich ungerührt vorantreiben.

So geht es dem Beschuldigten auch, als er wieder in seine Beweismitteltüte greift und Schmerztropfen und Tabletten hervorkramt. „Ich bin nämlich zusammengeschlagen worden.“ Er meint das kleine Handgemenge mit dem Netto-Mann. Und er sei, um das noch einmal zu sagen, „echt entsetzt“ über die Vorwürfe, „eine Unverschämtheit“.

Ein psychiatrischer Sachverständiger attestiert dem Lüdenscheider trotzdem volle Schuldfähigkeit. Die Indizien lassen laut Lehmann den Schluss zu, dass die Anklage berechtigt ist. Richter Kabus stimmt ihm zu und verurteilt den Ladendieb zu einer Geldstrafe von 450 Euro. Der kündigt Berufung an. „Ich bin der Geschädigte hier.“

Von Olaf Moos

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