Singer

Eine elektrische Nähmaschine aus dem Jahr 1924

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Nähmaschinen von Singer waren früh in der ganzen Welt verbreitet.

Lüdenscheid - Handarbeiten und insbesondere das Nähen sind in der jüngsten Zeit wieder in Mode gekommen – vor allem als Hobby. Vor rund 170 Jahren begann der weltweite Siegeszug der Nähmaschine. Einer der ältesten und bis heute bekannten Hersteller ist das US-amerikanische Unternehmen Singer. Eine Singer-Nähmaschine aus dem Jahr 1924 wird heute zum Objekt im Virtuellen Museum.

Ein solches Stück dürfte in den Jahren der Weimarer Republik durchaus ein Luxus-Artikel gewesen sein, aber einer, auf den in vielen Haushalten dringend gespart wurde. Selbst zu nähen war für die Hausfrauen in früheren Jahrzehnten essenziell wichtig. Kleidung war teuer. Vieles wurde daher eigenhändig zuhause angefertigt, selbst in Zeiten als die industrielle Produktion immer mehr auf dem Vormarsch war, einfach, um Geld zu sparen.

Besonders wichtig war die Nähmaschine zuhause aber auch, um Kleidung zu reparieren oder umzuarbeiten. Es war bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg hinein Standard, dass Hausfrauen notwendige Änderungen, wie das Kürzen von Hosen, selbst erledigten. Außerdem wurde so manches Stück, das nicht mehr passte, entsprechend verändert, bisweilen zu einem komplett neuen Teil gearbeitet, wenn es der Stoff hergab. Ganz zu schweigen davon, dass vieles, das kaputt war – zum Beispiel Hosen und Hemden von Kindern, die beim Spielen zerrissen waren – geflickt wurde.

Es war schlicht und ergreifend den meisten Familien nicht möglich, regelmäßig viel Geld für neue Kleidung auszugeben. Alles wurde aufgetragen und mitunter an die jüngeren Geschwister weiter gegeben, bis es nicht mehr ging. Bis in die 1970er- und 1980er-Jahre hinein war das Nähen von Kleidung, insbesondere nach Schnittmustern aus den zahlreichen Handarbeitszeitschriften, populär. Wer geschickt darin war, konnte sich für relativ kleines Geld eine modische, individuelle Garderobe zaubern. Dieses Hobby ist derzeit wieder gewaltig auf dem Vormarsch.

Erste elektrische Nähmaschine 1889 produziert

Dass eine Nähmaschine im Jahr 1924 einen elektrischen Antrieb hatte, war nicht selbstverständlich. In der Produktliste der Firma Singer finden sich einige Modelle, die die Möglichkeit hatten, einen Motor anzubauen, so dass die Kunden die Wahl hatten oder vielleicht auch später nachrüsten konnten. Das ist bei dem Museumsstück nicht der Fall. Dieses Modell verfügte über einen festen Motor. Obwohl Elektrizität im Lauf des 20. Jahrhunderts zumindest in den Industrienationen zum selbstverständlichen Gut in allen Haushalten wurde, waren Nähmaschinen mit Fußantrieb noch lange verbreitet. Einen elektrischen Anschluss hatten sie in späteren Jahren bisweilen trotzdem – für ein Leuchtmittel.

Der Anschluss für das Kabel.

Wer das Nähen lernte, musste sich bei einer Nähmaschine mit Fußantrieb zusätzlich zu den Fertigkeiten im Umgang mit Stoff, Nadeln und Faden auch auf die Koordination des Antriebs konzentrieren. Vielen Frauen, die diese Technik gewohnt waren, fiel es schwer, sich auf eine elektrische Maschine umzustellen. Sie blieben lieber beim Gewohnten. Die erste elektrische Nähmaschine hatte Singer, damals bereits weltweiter Marktführer, schon 1889 produziert.

Die ersten Ideen, verschiedene Näharbeiten auf Maschinen zu übertragen, reichen bis in das Ende des 18. Jahrhunderts zurück. In der Mitte des 19. Jahrhunderts schließlich war es Isaac Merritt Singer, der gemeinsam mit seinem Anwalt Edward Clark 1851 die Firma I. M. Singer & Co. gründete und erstmals Nähmaschinen fabrikmäßig herstellte. Sein Produkt basierte auf einer Idee, die der US-Amerikaner Elias Howe 1846 zum Patent angemeldet hatte. Nach einem Prozess erhielt Howe zeitlebens von Singer wöchentlich eine Patentgebühr.

Rund 100 Hersteller in Deutschland

Singer war es allerdings, der die Nähmaschine am Markt etablierte. Innerhalb von zwei Jahren wurde er der größte Hersteller in den USA, weitere zwei Jahre später auch weltweit. 1855 gewann die Singer Nähmaschine auf der Weltausstellung in Paris einen ersten Preis. 1890 hatte Singer laut Unternehmensangaben einen Weltmarktanteil von 90 Prozent, Wikipedia schreibt von 80 Prozent. Seit dem frühen 20. Jahrhundert gründete das Unternehmen Produktionsniederlassungen weltweit.

Der Motor ist an der Rückseite angebaut.

Der erste deutsche Nähmaschinen-Hersteller war Clemens Müller 1855 in Dresden. Ihm folgten rund 100 weitere Unternehmen. Die amerikanischen Unternehmen hatten deshalb immer große Probleme auf dem deutschen Markt – mit Ausnahme des Singer-Unternehmens von Georg Neidlinger in Hamburg. Zu den erfolgreichsten deutschen Produzenten zählte Georg Michael Pfaff aus Kaiserslautern, der seit 1862 nach dem Vorbild von Howe und Singer Nähmaschinen baute. Nähmaschinen waren – sicher wegen des großen Bedarfs in so ziemlich allen Haushalten – ein wichtiger Industriezweig in Deutschland, der allerdings im Lauf des 20. Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung verlor. Pfaff war eines der letzten Unternehmen, das 1999 die Haushaltsnähmaschinensparte mit deutschem Produktionsstandort verkaufte.

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