Körperverletzung vor Gericht: „Billige Schwalbe“?

Lüdenscheid - Ein Betrug ist auch angeklagt. Aber das ist Nebensache. Strafrichter Andreas Lyra will klären, ob der Fotograf wirklich der Körperverletzung schuldig ist. Der 50-Jährige weist alle Vorwürfe zurück – wortgewaltig und weinerlich.

Der Satz „Ich habe ihn nicht angefasst“ hätte es auch getan. Aber sein Streit mit einem Lkw-Fahrer ist ihm eine lange Geschichte wert. Und so erzählt er ausschweifend, wie sein Gegner den Laster auf dem Platz vor seinem Fotostudio abgestellt habe, wie er ihn in einer benachbarten Bäckerei bei der Kaffeepause „ruhig und freundlich“ aufgefordert habe, den Wagen zu entfernen. Und wie der Fahrer sich im Zuge der hitziger werdenden Auseinandersetzung „sehr langsam“ auf den Boden gelegt habe – „es hat ausgesehen wie eine billige Regionalliga-Schwalbe“. Zeugen habe es nicht gegeben.

Aber dann, als die Polizei eintraf, „habe ich mich gefühlt wie der letzte Neger auf einer Baumwollplantage“. Sein Widersacher habe behauptet, geschubst worden zu sein. Man habe ihm suggerieren wollen, einen Fehler gemacht zu haben. Im Polizeiprotokoll steht, der 50-Jährige sei „aufbrausend und uneinsichtig“ gewesen.

Den Streit hat außer den Kontrahenten niemand mitbekommen. Selbst der Vertreter der Staatsanwaltschaft glaubt nicht mehr so recht an eine Verurteilung. „Da steht Aussage gegen Aussage.“ Es handele sich wohl eher um eine Privatklagesache.

Aber damit gibt sich der Richter nicht zufrieden. Er ruft den Lasterfahrer in den Zeugenstand, 51 Jahre alt, kahlköpfig, gedrungen, Typ Kampfkugel. Mit seiner laut Andreas Lyra „unaufgeregten“ und „ruhigen“ Aussage – teilweise bestätigt durch die Bäckereiverkäuferin – verpasst der Zeuge der Geschichte die entscheidende Wendung. Das Ergebnis: Der Fotograf hat den Fahrer wüst beschimpft, war aggressiv und hat ihn geschubst. Leichte Blessuren sind ärztlich attestiert. Der Oberamtsanwalt gesteht ein, auf den Sermon des Angeklagten „beinahe reingefallen“ zu sein. Richter Lyra folgt seinem Antrag und verurteilt den Fotografen wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 500 Euro.

Das trifft den Mann hart. Denn er ist hoffnungslos pleite. Auto abgemeldet, Räumungsklage für sein Studio am Hals, Rentenversicherung beliehen, Konten gesperrt. Da hilft auch der kleine Umsatz mit einem Internet-Versandshop nichts. Einen Arbeitsoverall hat er für 95,90 Euro verkauft und vom Kunden zurückbekommen – zu groß. Aber das Geld behielt er für sich anstatt es zu erstatten. Das ist Betrug. Er muss bezahlen, dann wird das Verfahren endgültig eingestellt.

Olaf Moos

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare