Bierchen und Frikadelle mit Senf statt Zittern und Hadern

Bierchen und Frikadelle statt Zittern und Hadern

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Na, wer ist hier das politische Schwergewicht? Der Bürgermeister lässt sich zum Gruppenfoto mit einigen Pakistani aus seiner Nachbarschaft bitten.

Lüdenscheid - Die Grünen sind spät dran. Hektik auf dem Sternplatz. In ein paar Minuten soll die Wahlparty im Rathaus beginnen. Aber die letzten Brocken aus ihrem Wahlstand wollen nicht ins Auto passen. Frontmann Otto Bodenheimer nennt das mit einem Augenzwinkern „Kampf um Stimmen bis zur letzten Sekunde“. Aber die Freunde der Sonnenblume, sie verpassen nicht viel im Bürgerforum.

von Olaf Moos

Die Wahlparty beginnt recht müde. Und richtige Stimmung, Bangen und Hoffen, Zittern und Hadern, das kommt bis zum Ende kaum auf. Obwohl: Ein Besucher spricht angesichts der roten Überlegenheit von einem „Massaker an der CDU“. Aber maßlos überrascht wirkt hier kaum jemand. Enttäuscht, ja. Aber nicht schockiert.

Na, Kay Henze vielleicht. Der Wirt des Kaffee Klatsch nebenan hat die Verpflegung übernommen, belegte Brötchen, Frikadellen, Krustenbraten und Pizzaecken vorbereitet. Und 500 Liter Bier besorgt. „Ich rechne so mit bis zu 500 Leuten.“ Gegen 17.40 Uhr sind gerade mal 15 da, mit Henzes Kellnern sogar 20.

Um 18 Uhr die erste Prognose. Die Resonanz der inzwischen 30 Schlachtenbummler ist kaum hörbar. Ein Händepaar macht „Patsch“. Im Fernsehen sagt ein gewisser Herr Lucke den Satz „Es ist Frühling in Deutschland.“ Jemand im Bürgerforum ruft: „Oh, ein Experte!“

Die anfängliche Skepsis bei den Sozialdemokraten weicht schnell einer fröhlichen Zufriedenheit.

Nun nimmt die Wahlparty doch ein wenig Fahrt auf. Die ersten kommunalen Ergebnisse tröpfeln ein. Ratsvertreter recken Hälse. Stadtsprecher Wolfgang Löhn betet Zahlenkolonnen herunter. Um 18.52 Uhr gibt’s einen ersten richtigen Applaus: Der Bürgermeister liegt bei noch 72 Prozent. Dzewas’ Genosse Michael Thielicke grient: „Das könnte ein schöner Abend werden.“

Es ist 19.15 Uhr, als Dieter Dzewas erscheint, braun gebrannt nach einer Woche Urlaub. Zuerst das Allerwichtigste: ein Frikadellen-Brötchen mit viel Senf und ein Bier, bitte! Kommt sofort.

Michael Thielicke behält Recht. Der erste Jubel bricht um 19.25 Uhr los, als bekannt wird, dass er seinen Wahlkreis direkt gewonnen hat. Jetzt eilen auch immer mehr Wahlvorstände durch die Szenerie. Wie gemein, sie müssen an der Biertheke entlang, ab in den Ratssaal, zählen, prüfen, Formalitäten erledigen. Eine Gruppe beleibter Pakistani, offenbar gut mit dem Stadtoberhaupt bekannt, bittet Dzewas zum Gruppenbild. Jürgen Kotziers und „Kalla“ Spangenberg, die beiden Hausmeister im Rathaus, stehen mit verschränkten Armen etwas abseits.

Jörg Geßler mit Stimmzetteln auf dem Weg zum Ratssaal.

Spangenberg sagt, er habe schon um 5.15 Uhr seine Schicht begonnen heute. Die Unterlagen mussten in die 81 Wahllokale geschafft werden. 24 Leute in zwölf Autos waren dafür unterwegs. Irgendwer muss die ja schließlich rein- und rauslassen, was muss, das muss. Zum Glück war das Bürgerforum schon seit Freitagabend fertig eingerichtet für die Party. Dass die neuen BSV-Majestäten mittags dort am Wahlsonntag mit ihrem Hofstaat zusammentreffen, hat die Hausmeister nicht weiter gestört.

Die Grünen haben ihren Kram – na klar! – verstaut und rätseln nun, ob sie sich freuen oder ärgern sollen. Es bleibt bei vier Ratsmandaten. Kay Henze guckt entspannt, es hätte schlimmer kommen können. Die Hausmeister machen Feierabend. Und die Parteisoldaten marschieren in ihre Kneipen – jede Partei für sich. Noch.

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