Eifersucht bei „Hempels unterm Sofa“

LÜDENSCHEID ▪ Seit 14 Jahren lebt er in Deutschland. Er drückt sich solide aus, absolviert eine Lehre, zahlt Unterhalt für seinen Sohn, wirkt offen und einsichtig – und hat seine Lebensgefährtin fast bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Dafür bekam der 20-Jährige gestern vom Jugendschöffengericht die Quittung: ein Jahr mit Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung.

Das Opfer (21), Mutter eines zweijährigen Jungen, macht nicht gerade einen erwachsenen Eindruck auf das Gericht. Die blaulackierten Fingernägel abgekaut, auffällig geschminkt, zierlich, eine süße Parfümwolke hinter sich herziehend, berichtet sie den Prozessbeteiligten, was passiert ist an jenem Tag, dem 10. November, morgens um 5 Uhr.

Das Tatmotiv lautet Eifersucht. Als die junge Frau nach einem Treffen „mit meinem besten Freund“ – er ist heute ihr Lebensgefährte – nach Hause kommt, entbrennt ein Streit. Anfangs begnügt sich der Dachdecker-Lehrling damit, eine Cola-Flasche in den Fernseher zu schleudern. „Das war nicht so schlimm.“ Der Richter reagiert verständnisvoll. „Nein, das ist nicht so schlimm. Kommt ja sowieso nichts Vernünftiges mehr im Fernsehen.“

Sie habe ihn beschimpft, räumt die junge Mutter ein. „Vielleicht auch beleidigt.“ Da ergreift ihr Freund eine Brotscheibe und versucht, sie ihr in den Mund zu stopfen. „Ich könnte dich umbringen, und keiner würde es merken“, zitiert sie ihn. Er nickt: „Habe ich gesagt, stimmt.“ Und dann die Würge-Attacke, drei Minuten lang vielleicht. Sie erinnert sich: „Ich habe gespuckt und gehechelt.“ Er habe um Entschuldigung gebeten und sei mit zur Polizei gegangen, um sich zu stellen. „Aber verzeihen? Das ist nicht so einfach!“

Der Richter blättert in der Akte. Zu den Fotos aus der Wohnung sagt er: „Schrecklich! Da sieht’ ja aus wie bei Hempels unterm Sofa.“ Da könne doch kein zweijähriges Kind aufgezogen werden. Und er blättert im Vorstrafenregister des Angeklagten. Kleinigkeiten eher, aber die letzten beiden Sachen einschlägig: Körperverletzung. Der Staatsanwalt sagt: „Er hat sich einfach nicht in der Gewalt.“

Er beantragt ein Jahr mit Bewährung. Das Gericht folgt dem Antrag. Einen Verteidiger hat der junge Mann nicht. Er gelobt Besserung. Das Urteil findet er „okay“.

Olaf Moos

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