Die Palliativstation ist keine Sterbestation

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„Für mich war es eine Wiederbelebungsstation“, sagt Henning Schwarz van Berk und spendet 5000 Euro an die Palliativstation. Bettina vom Brocke und Dr. Skodra bedanken sich. 

Lüdenscheid - Henning Schwarz van Berk war dem Tod näher als dem Leben, als er am 26. Juni auf die Palliativstation des Lüdenscheider Klimikums kam. „Für mich war es eine Wiederbelebungsstation“, sagt der 79-Jährige knapp zwei Monate später.

Wo kämen wir hin, wenn alle sagen: „Wo kämen wir hin?“ Und niemand ginge, um einmal nachzuschauen, wohin man käme, wenn man ginge. Vielleicht passieren dann völlig unerwartete Dinge. Solche, die zwischen Himmel und Erde niemand erklären kann.

„Aber irgendetwas gibt es da, was die Medizin nicht in der Hand hat“, sagt Thorsten Skodra, Leitender Oberarzt auf der Palliativstation im Lüdenscheider Klinikum. Und so wundert er sich nicht, dass Henning Schwarz van Berk ihm lächelnd die Hand schüttelt. „Es ist schön, Sie so munter zu sehen“, freut sich der Arzt über den Besuch seines ehemaligen Patienten.

"Steben hatte ich ohnehin ausgeschlossen"

„Sterben hatte ich ohnehin ausgeschlossen“, witzelt Henning Schwarz van Berk, der einen großen Scheck dabei hat. 5000 Euro möchte er dem Förderverein der Palliativstation spenden. Aus der eigenen Tasche. Als Dankeschön.

„Das ist für uns eine riesige Summe“, strahlt Bettina vom Brocke vom Förderverein, als sie Henning Schwarz van Berk auf der Palliativstation begrüßt. Dem Lüdenscheider sieht man seine schwere Krankheit kaum an. Er leidet an Lymphdrüsenkrebs. „Er ist inoperabel, weil der Tumor vom Dünndarm umschlossen ist“, erzählt Henning Schwarz van Berk.

Fachmann für die eigene Krankheit

Längst ist er Fachmann für seine eigene Krankheit, die im März entdeckt wurde. „Ich war schwach und appetitlos. Nach einem MRT konnte man den Krebsbefall feststellen, „man wusste aber noch nicht, welcher Krebs es ist. Das hat man erst hier im Klinikum herausgefunden.“

Die Chemo vertrug er nicht. Doch als wäre das nicht schlimm genug, steckte sich der ehemalige selbstständige Industrievertreter mit dem Krankenhauskeim Clostridium an. Aufgrund des Durchfallerregers lag Schwarz van Berk mehrere Wochen auf dem Isolierzimmer.

Mehrere Infusionen halfen nicht

 „Als ich entlassen wurde, war es nicht mehr akut, doch dann ist der Durchfall wiedergekommen.“ Mehrere Infusionen, die der ältere Herr von seinem Hausarzt bekam, halfen nicht. „Ich war so schwach, dass ich dann hier auf die Palliativstation gekommen bin“, erzählt der 79-Jährige. Und wie durch ein Wunder ging es ihm bald besser.

„Innerhalb von zehn Tagen hatte sich mein Blutbild normalisiert“, strahlt Schwarz van Berk, der dann am 9. Juli nach Hause durfte. Nicht ins Hospiz, sondern in seine eigenen vier Wände. Ambulant will er nun die nächste Chemo versuchen. „So schnell gebe ich ja nicht auf.“

Dass Patienten auf die Palliativstation kommen, bei denen man Schlimmstes befürchtet, die sich dann aber wieder „berappeln“, ist nichts Ungewöhnliches. „Manchmal glauben wir, nichts mehr tun zu können, dann kommt es aber ganz anders“, sagt Dr. Skodra. „Wir haben dann noch mal Zeit geschenkt bekommen.“

Palliativstation ist keine Sterbestation

Doch ebenso gibt es auch Patienten, die versterben – ohne dass man es so schnell vermutet hätte. Tatsächlich ist die Palliativstation keine Sterbestation. „Wir reden uns den Mund fusselig, um das allen deutlich zu machen“, sagt Bettina vom Brocke.

Auf die Palliativstation kommen Patienten, die meist unter fortgeschrittener Tumorerkrankung leiden. Patienten mit Schmerzen, Angstzuständen oder anderen mit der Erkrankung auftretenden Symptomen. Es kommen Menschen mit einer weit fortgeschrittenen, nicht heilbaren Erkrankung, die intensive medizinische, pflegerische und menschliche Hilfe brauchen. Palliativmedizin ist eine eindeutige Absage an die Sterbehilfe. Sie bemüht sich um Fürsorge und Geborgenheit. Sie bietet Unterstützung und Begleitung an, damit der Patient die bestmögliche Lebensqualität in der ihm verbleibenden Zeit erreichen kann.

Ein Netzwerk für den Patienten

„Unser erstes Ziel ist, die Patienten wieder in die häusliche Umgebung entlassen zu können“, sagt Dr. Skodra. Dabei wird sehr frühzeitig ein Netzwerk für den Patienten aufgebaut, der im Durchschnitt sieben Tage auf der Station 3.5 verbringt. Die Palliativstation – in Hellersen mit acht Plätzen – ist eine Zwischenstation. Für die Patienten geht es nach Hause oder im Anschluss in ein Hospiz. Henning Schwarz van Berk ist einer von den Glücklichen. „Mir ist bedeutend geholfen worden“, sagt er. Und über seine Spende in der Höhe: „Ich finde, dass man das Gefühl haben muss, es nicht mit Links gemacht zu haben.“

Förderverein engagiert sich vielfältig

Für den Förderverein ist das Geld ein Segen. Vor vier Jahren gegründet, kümmert er sich darum, dass viele Dinge möglich gemacht werden, die mit dem normalen Budget nicht zu stemmen sind. Der Förderverein organisiert zum Beispiel Fortbildungs- und Informationsveranstaltungen für Betroffene, Angehörige, Ärzte und Pflegepersonal.

Wer möchte, kann Mitglied im Förderverein der Palliativstation am Klinikum Lüdenscheid werden. (Jahresbeitrag ab 15 Euro, steuerlich absetzbar). Wer spenden möchte: Bankverbindung Spendenkonto Kontonummer 354 191 BLZ 458 500 05 Sparkasse Lüdenscheid

Er organisiert auch den Palli-Cup (ein Benefiz-Fußballturnier des Klinikums), bei dem in diesem Jahr 20 Mannschaften dabei waren und so einen Reinerlös von 9500 Euro für den Förderverein erspielten. Das Geld wird dringend benötigt, um auch auf Wünsche der Patienten eingehen zu können – eine wohnliche Umgebung schaffen zu können, vielleicht Düfte, Entspannungsmassagen, Musik. Auch die Kaffeemaschine für Angehörige und Patienten hat der Förderverein angeschafft.

Dass der Tod nicht tabuisiert wird, dass auch durch Supervision der emotionale Alltag der Mitarbeiter aufgearbeitet werden kann, ist dem Förderverein zu verdanken. Es braucht Menschen, die mit dem Herzen bei dieser manchmal nicht einfachen Arbeit sind, und Menschen, die diese Arbeit unterstützen.

Wunsch nach einer Terasse

Doch es gibt einen Punkt, bei dem noch keine Wunscherfüllung in Sicht ist: „Es wäre schon schön, wenn es eine Terrasse geben würde, damit die Menschen frische Luft schnappen können“, sagt Dr. Skodra. Die Räumlichkeiten auf Station 3.5 sind auch nicht dafür geeignet, dass zum Beispiel Haustiere die Patienten begleiten. „Da gibt es oft starke Bindungen. Aber wir können hier keine Hunde und Katzen rumlaufen lassen“, sagt er mit Blick auf die Tatsache, dass die Palliativstation interdisziplinär mit der Strahlenmedizin und den Internisten untergebracht ist.

 „Es wäre schön, wenn die Patienten ein bisschen mehr ein Zuhause auf Zeit hätten“, sagt Bettina vom Brocke. Der Förderverein der Palliativstation am Klinikum Lüdenscheid hat sich unter Federführung von Thorsten Skodra 2010 gegründet. - von Susanne Fischer-Bolz

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