„Dunkelfeld wird sich vergrößern“:

Kinderschützer aus MK kritisieren neues Gesetz

Es gibt vielfältige Bedrohungen für das Kindeswohl.
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Bedrohungen für Kinder sind ganz unterschiedlicher Art.

Das Jugendamt, in eine Rolle als Strafverfolgungsbehörde gedrängt - Kinderschützer sehen falsche Schwerpunkte im neuen Gesetz.

Lüdenscheid - Der Appell ist sechs Seiten lang, die Kernbotschaft in einen Satz zu fassen: Der aktuell beratene Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen (KJSG) laufe vielen langjährigen bewährten Strukturen und Prozessen im Kinderschutz zuwider. Das kritisieren Fachleute, die sich dem Kinderschutz mit all seinen Facetten verschrieben haben. Sie sehen durch den Gesetzentwurf insbesondere das Jugendamt stärker in die Rolle einer Strafverfolgungsbehörde gedrängt. Dabei gehe es doch vielmehr um Schutz- und Hilfeaufgaben, die das Jugendamt wahrnehme. Doch der Entwurf stelle Intervention vor Hilfe.

„Die Bereitschaft, sich dem Jugendamt gegenüber zu öffnen und Hilfe anzunehmen, setzt Vertrauen voraus“, heißt es in der gemeinsamen Stellungnahme von zehn Fachverbänden und Vereinen. Darunter sind die Bundesarbeitsgemeinschaften Allgemeiner Sozialer Dienst und „Die Kinderschutz-Zentren“. Auch Ansgar Röhrbein, als Systemischer Therapeut und Supervisor unter anderem für das Märkische Kinderschutz-Zentrum tätig, gehört mit anderen Vertretern betroffener Lüdenscheider Kinderschutz-Institutionen zu den Kritikern des Gesetzentwurfs.

Eine Vertrauensbeziehung zwischen Eltern, Kindern und professionellen Akteuren sei die Grundlage für die Annahme von Hilfe und eine nachhaltige Veränderung der familiären Situation, betonen die Fachverbände in ihrer Stellungnahme. Doch einige der Vorschläge im Gesetzentwurf seien ungeeignet und hochproblematisch, denn sie konterkarierten den niederschwelligen Ansatz und die professionelle Breite des Kinderschutzes. Mehr noch: „Sie erschüttern die Balance zwischen Hilfe, die nachhaltig gestaltet ist, und Kontrolle in ihren Grundfesten – zum Nachteil für den Schutz von Kindern.“

Kindeswohlgefährdung hat viele Aspekte

„Vieles in der Gesetzgebung richtet sich auf brutalen Missbrauch aus“, sagt Ansgar Röhrbein. Diese Schwerpunktsetzung sei sicherlich schon sehr getrieben worden durch die spektakulären Prozesse der jüngsten Zeit, glaubt auch Matthias Reuver, Fachbereichsleiter Jugend, Bildung und Sport.

Doch das ist eben nur ein Aspekt von Kindeswohlgefährdung, wenngleich ein besonders abstoßender. Aber bei Fragen des Kinderschutzes, das betonen die Fachleute, stehe man nie vor einfachen Wenn-dann-Zusammenhängen, sondern vor einer hochkomplexen Problematik. Dazu komme die Unterscheidung: „Wo handelt es sich um organisierte Kriminalität und wo handelt es sich um Überforderung? Das darf man nicht in einen Topf werfen“, sagt Ansgar Röhrbein. Daher brauche man vor allem dringend Fachkräfte, die mit Komplexität und Abgründen umgehen könnten. Was man aber nicht brauche, sei ein Schnellschuss, der nur zu einer Verschärfung führe: „Schnellschüsse sind im Kinderschutz wenig bis gar nicht geeignet.“ Matthias Reuver, städtischer Fachbereichsleiter Jugend, Bildung und Sport befürchtet sogar: „Das Dunkelfeld wird sich vergrößern. Es ist gut gemeint, aber schlecht gemacht.“

„Wir werden zu Strafverfolgungsbehörden“, beschreibt Nathalie Kompernaß eine Konsequenz aus dem Entwurf aus ihrer Sicht. Eine Meldepflicht führe nicht zu stärkerem Schutz, glaubt die Fachdienstleiterin Allgemeiner Sozialer Dienst beim Jugendamt. Viel eher werde sich der „Teufelskreis“ des negativen Images des Jugendamtes auf diese Weise verstärken, glaubt auch Röhrbein, falls die Politik die Stellungnahme in den Gesetzesformulierungen nicht berücksichtige. Dieser massive Aufschrei der Fachverbände werde seine Wirkung entfalten, davon ist er überzeugt. Röhrbein: „So einen einmütigen Einwurf hat es noch nicht gegeben. Da kann die Politik nicht dran vorbei.“

„Das Jugendamt hat das Image, das es hat“, weiß auch Nathalie Kompernaß: „Die Multiprofessionalität, die wir aufgebaut haben, wird ignoriert.“ In der Außenwirkung vielleicht mitunter, nicht aber in den Ergebnissen. Das sieht man anhand von Zahlen. Beispielsweise leiste das Jugendamt rund 400 laufende Hilfen zur Erziehung, sagt sie, mehr ambulante als stationäre. Und: „Über 80 Prozent der Hilfen werden positiv beendet – mit Erreichen der Ziele“, erzählt sie. Zwei bis drei Jahre sei die durchschnittliche Dauer. Der längste Fall habe sie sieben Jahre lang beschäftigt.

Immer wieder führe Überforderung zu Problemen, wissen die Fachleute. „Es ist wichtig, dass Mütter und Väter Verantwortung für ihr Handeln übernehmen“, betont Ansgar Röhrbein. Während des Pandemie-Jahres seien die Zahlen von Kindeswohlgefährdung leicht gestiegen – von circa 450 Kindern und Jugendlichen auf 527 in 2020. Sehr viele Familien habe man häufiger gesehen. Beengte Wohnverhältnisse, schwierige persönliche Verhältnisse, mitunter langes Warten auf Therapieplätze für Eltern, Familien mit vielen Kindern – und dann der zusätzliche Druck durch die Pandemie. „Das hat sich schon ausgewirkt“, weiß Nathalie Kompernaß. „Aber es geht eben um die Hilfe“, sagt sie. Und bei Überforderung habe das Jugendamt gute Angebote für die Eltern, immer orientiert an der Frage: „Was brauchen die Eltern, um ihren Job gut machen zu können?“ Trotz allem weiß sie: „Kindeswohlgefährdung ist nicht linear.“ Deshalb sei der richtige Hilfe-Ansatz so wichtig, die Eintrittskarte. Und da wiederum sei vor allem eines entscheidend: „Es braucht im Kinderschutz auch den Vertrauensschutz“, betont Ansgar Röhrbein. „Das ist ein kostbares Gut, wo wir uns unserer Verantwortung bewusst sein müssen.“

Bis das Gesetz tatsächlich in Kraft treten kann, muss es noch Diskussionen – und damit Hürden – überwinden. „Die Länder spielen eine große Rolle“, sagt Matthias Reuver. Ob Bundesfamilienministerin Franziska Giffey das neue Gesetz noch vor der Wahl durchsetzen könne, sei nicht sicher. „Es ist ein sehr ambitionierter Zeitplan“, findet der Fachbereichsleiter. Professionelle Kinderschützer wie Ansgar Röhrbein drängt neben dem Feilen am Gesetzentwurf aber noch ein ganz anderer Wunsch an die Politik: „Sie muss uns mit Manpower ausstatten, damit wir handlungsfähig bleiben.“

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