Dumbledore und die DDR

Das gerade erschienene Buch und sein Initiator: Mit der alten Leica schuf der Fotograf Dirk Vogel ein einzigartiges Porträtwerk, das gleichermaßen anzuschauen und zu lesen lohnt.

LÜDENSCHEID ▪ Keiner sollte wichtiger sein als der andere. Und so sind die 63 Porträts in dem jetzt erschienenen Buch des Lüdenscheider Fotografen Dirk Vogel alphabetisch angeordnet. Von Michael Arnold bis Christoph Wonneberger zeigen die „Gesichter der Friedlichen Revolution“ nichts weniger als Helden, „natürlich waren sie Helden“, schreibt trotzig die Berliner Schriftstellerin Claudia Rusch in ihrem herausragenden Essay zur Einleitung.

Helden, weil sie zu Zeiten der DDR „den richtigen Weg gingen und nicht den leichten“. So beschreibt Rusch das Dilemma, vor das sich viele Bürger in der Diktatur gestellt sahen. Das Zitat stammt vom weisen Schulleiter der Harry-Potter-Romane, Albus Dumbledore. Die realen Helden in Vogels Buch gingen bis November 1989 den Weg des Widerstandes, nicht den der Anpassung. Es  sind Menschen, die wir heute Bürgerrechtler rufen, für die es vor dem Mauerfall in der DDR aber keine Bezeichnung gab. Nur ihre Namen wurden, so Rusch, „hinter vorgehaltender Hand ehrfurchtsvoll durch die Republik geraunt“.

Wie der Name Bärbel Bohley. Sie ist auf dem Einband zu sehen, wie sie sich, von Krankheit gezeichnet, ersichtlich zusammennimmt. Mit der Erschütterung über Bohleys Tod beginnt Ruschs Essay. Die Lieder der Mutigen, schreibt sie, wurden hinter der Mauer heimlich gesungen, ihre Texte gelesen, abgeschrieben und weitergereicht von denen, die versuchten, in der Diktatur so anständig und aufrichtig wie möglich zu leben, ohne selbst offenen Widerstand zu wagen.

Und dann, gut 20 Jahre, nachdem all das überstanden ist, kommt ein Dirk Vogel aus Lüdenscheid nach Berlin – mit der Idee, Menschen aus der Bürgerrechtsbewegung zu porträtieren, und das einzig und allein, weil er es wichtig findet. Kann das gutgehen?

Es kann. Das zeigen beeindruckende Porträts, die unsere Zeitung druckte, als sie noch ungedruckt waren. Das zeigen jetzt, nach Erscheinen von 1500 Buch-Exemplaren, die kundigen Texte namhafter Autoren. Der unbedarfte Wessi Dirk Vogel gewann sie alle, die Porträtierten wie ihre gleichfalls überwiegend ostdeutschen Laudatoren, wobei Vogel die Hilfen der Robert-Havemann-Gesellschaft als Herausgeberin unterstreicht.

Das Ergebnis: Jede Doppelseite, links Text, rechts Bild, wirft ein Schlaglicht auf einen Menschen, der eine Diktatur besiegte. Und der Bildband wird zum Buch.

Angesichts der Fotos verwundert es nicht, dass Rusch das Heldenhafte heraushebt, denn die Porträtierten scheinen wenig davon wissen zu wollen. Ihr Betrachter sieht selbstbewusste Menschen nach ihrem gewonnenen Freiheitskampf, aber keine Triumphe, eher Selbstironie.

Treffend schreibt Helmuth Frauendorfer zum Porträt des Jenaer Autors Lutz Rathenow: „Da steht er, mit verschränkten Armen und einem Blick, in dem der Schalk die Satire jagt.“ Und dann erzählt Frauendorfer, wie dieser Lutz Rathenow als Gründer eines oppositionellen Literaturkreises verhaftet, später im Zuge der Biermann-Ausbürgerung exmatrikuliert und dank seines Buches „Mit dem Schlimmsten schon gerechnet“ erneut ins Gefängnis geworfen wurde. Diesmal in den berüchtigten Stasi-Knast Berlin-Hohenschönhausen.

Dort, in der heutigen Gedenkstätte an der Genslerstraße 66, sind Vogels Bilder ausgestellt, noch bis 15. Mai. Zur Eröffnung der Wanderausstellung kamen Prominente wie der Liedermacher Stephan Krawczyk, der Vogel zum Dank ein Lied machte. Auf der Leipziger Buchmesse Mitte März wurden die „Gesichter“ vorgestellt.

Und wir Wessis? Was sagt uns, denen zur DDR aktuell der übergewichtige Vopo-Hubschrauber aus Polizeiruf-Krimis einfällt, uns, die wir Dumbledore kennen, aber nicht Rathenow, so ein Buch?

Das braucht es gar nicht, denn das Buch sagt auf seine Weise viel über uns. Auch in Frauendorfers Text zu Rathenow: „Er war im März 1989 zum Lyrik-Wettbewerb um den Leonce-und-Lena-Preis nach Darmstadt eingeladen worden. Von den DDR-Behörden wurden jedoch nur Kurt Drawert und Rainer Schedlinski (ein IM mit festem monatlichen Agentenhonorar) die Teilnahme gewährt. Beide erhielten auch Preise.“

Das Buch kostet 19,80 Euro und ist u.a. unter http://gesichter-vogel.blogspot.com zu bestellen. Zur  Ausstellung siehe auch http://www.stiftung-hsh.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare