Urteil am Amtsgericht

Dreijähriger Junge stirbt: Tod im Gartenteich aufgearbeitet

Ein Rettungswagen im Einsatz. (Symbolbildsammlung)
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Ein Rettungswagen im Einsatz. (Symbolbild)

Der Tod eines dreijährigen Jungen, der im April vergangenen Jahres in einem Gartenteich ertrunken war, ist aufgearbeitet – zumindest juristisch.

Lüdenscheid - Strafrichter Andreas Lyra verurteilte die Pflegemutter (60) des Kindes wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 1800 Euro. Das ist nur die rechtliche Konsequenz. An den seelischen Folgen des Unglücks wird die Frau offenkundig noch lange sehr schwer tragen.

Die Prozessbeteiligten sind sich einig. Es war eine „Verkettung äußerst unglücklicher Umstände“, so Verteidiger Dirk Löber. Eine „Katastrophe“, so der Staatsanwalt. Das Ergebnis der Beweisaufnahme bestätigt die polizeilichen Ermittlungen. Demnach war der Junge noch im Haus, als seine Pflegemutter kurz zur Toilette ging, und rannte in diesem unbeaufsichtigten Moment in den weitläufigen Garten. Ihn zu rufen, „hatte keinen Sinn“, erklärt die Lüdenscheiderin weinend. Das Kind war taub.

Arbeit der Behörden rückt ins Blickfeld

Die Aussage der Angeklagten rückt auch die Arbeit der Behörden ins Blickfeld. Von der Behinderung habe sie nämlich erst erfahren, als der Junge und sein ein Jahr älterer Bruder bei ihr waren. Zuvor, berichtet sie, habe sie nur Tagespflegekinder betreut oder minderjährige Flüchtlinge.

Doch der vom Jugendamt Dortmund beauftragte Anruf eines Zentrums für interkulturelle Erziehungshilfen in Bochum klang „ganz dringend“. Sie sei gezwungen gewesen, sofort alles zu organisieren – bis hin zum Kauf von Kinderbettchen oder Wäsche. „Im Nachhinein betrachtet ein einziges Chaos“, erinnert sich die Frau. Sie hat es zwei Jahre lang bewältigt. Inklusive einer Odyssee zu diversen Ärzten, die den Gehörschaden aber offenbar auch nicht heilen konnten.

Zudem galten die Brüder laut Staatsanwalt als „schwierige und verhaltensauffällige Kinder“ – wohl auch wegen hässlicher Erlebnisse in ihrer Herkunftsfamilie. Die Angeklagte sagt, der Kleine habe „kein Lachen oder fröhliches Spielen“ gezeigt. „Eine Puppe hat mehr Ausdruckskraft im Gesicht als er.“

„Keine akute Kindeswohlgefährdung“ festgestellt

Hinweise ans Jugendamt, teils anonym verfasst, lösten wiederholt Kontrollbesuche im Haus der 60-Jährigen aus. Eine Sozialarbeiterin der Stadt Lüdenscheid fasst zusammen: „Es gab Überforderungstendenzen, aber keine akute Kindeswohlgefährdung.“ Auch für den Tag des tödlichen Unglücks bescheinigt der Anklagevertreter der Pflegemutter, „keine Pflichtverletzung“ begangen zu haben. „Ein kurzer Gang zur Toilette muss möglich sein.“

Die leibliche Mutter der Brüder hat Nebenklage erhoben, ist aber nicht zum Prozess gekommen. Ihre Anwältin Jennifer Schönborn sagt: „Gut, dass die Mutter nicht hier ist, sie hätte es uns nicht leicht gemacht.“ Der ältere Bruder sei inzwischen in einer Diagnostikgruppe. „Es gab einen sexuellen Missbrauch.“ Die Angeklagte berichtet von Anrufen aus der Familie der Kinder. „Ich bin beschimpft und bedroht worden.“

Strafrichter Lyra beurteilt „den Grad der Fahrlässigkeit“ im Handeln der Angeklagten als „nicht besonders hoch“. Obwohl der Zaun vor dem Gartenteich längst hätte repariert werden müssen, sei „nicht ernsthaft damit zu rechnen gewesen“, dass der Junge dorthin geht. „Es geht 5000mal gut, und einmal leider nicht.“ Die 60-Jährige schluchzt: „Ich träume von dem kleinen Kerl. Er ist in meinen Armen gestorben.“

Zum Abschied sagt der Richter zu der Frau: „Ich wünsche Ihnen, dass Sie daran bitte nicht zerbrechen.“

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