Drei Jahre Gefängnis für ein wahres „Multitalent“

LÜDENSCHEID ▪ „Warum sollte man zwischen Supermarkt-Regalen Sicherungsetiketten von Schnapsflaschen abknibbeln – wenn man „wirklich ganz ehrlich“ nichts klauen will? Nicht nur diese Frage beschäftigte das Schöffengericht.

Zum Beispiel auch die, welchen Namen der Angeklagte trägt. „Es gibt ja so viele Alias-Namen“, stöhnt Amtsrichter Jürgen Leichter. Und: Welche seiner Delikte sind schon abgeurteilt, welche noch „offen“?

Klar ist hingegen, dass der 31-jährige Armenier erstens „viel rumgekommen“ ist, wie Leichter anmerkt – seine Spur zieht sich durch die Strafjustiz von Berlin über Bielefeld, Dortmund, Hagen, Oberhausen oder Lüdenscheid. Und zweitens ist er offensichtlich ein „Multitalent“. Diebstähle, schwerer Raub, gefährliche Körperverletzung, Betrügereien, Fahren ohne Führerschein, Unfallflucht oder Geldfälschung gehen auf sein Konto. Der breitschultrige Kerl, geboren in Eriwan, „gelernter Pizza-Bäcker, Herr Richter“, hört’s und bleibt äußerlich völlig entspannt. Und gesteht lässig einen Diebstahl in einer Edel-Parfümerie.

Doch als er Ende Januar im Netto-Markt am „Knapp“ mit sechs Flaschen Raki ohne Sicherungsetiketten und ohne Kassenbon den Laden verlassen will, ist er höchst angespannt. Denn der Filialleiter erweist sich als wackerer Verfolger, hält den Dieb fest, „bis mir fast die Puste ausging“, und zerrt ihn quer durch den Laden bis ins Lager.

Der Angeklagte bleibt bei seiner Version. „Ehrlich, ich habe die Etiketten nur deshalb abgeknibbelt, damit sie im nächsten Geschäft nicht plötzlich Alarm auslösen.“ Und außerdem sei das kein Raki gewesen, sondern Ramazotti – „für die Pizzeria“.

Die Richter glauben ihm nicht. Denn der Filialleiter und ein Polizist schwören auf Raki. Und das nächste Geschäft sollte nach Überzeugung Jürgen Leichters dasjenige sein, in dem der Ladendieb seine Beute verkaufen wollte. Und vom Erlös sollte Heroin besorgt werden. „Ich brauchte bis zu fünf Gramm am Tag.“ Und als Geldfälscher hatte er sich ja früher schon erfolglos versucht.

Inzwischen hat der Mann eine Therapie angetreten. Aber es nützt ihm nichts. Aus zwei Verurteilungen vom Januar und Februar wegen Diebstahls und verbotenen Autofahrens sowie den neuen Delikten bildet das Gericht eine Gesamtstrafe: drei Jahre Gefängnis – selbstverständlich ohne Bewährung.

Olaf Moos

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