Die Hoffnung auf eine Chance

Drei Flüchtlinge arbeiten im Bonhoeffer-Altenzentrum 

Lüdenscheid - Udo Terschanski freut sich sehr über die vom Moos befreiten und sauberen Garagentore am Dietrich-Bonhoeffer-Altenzentrum. „Diese Arbeit lag schon lange an. Unsere Hausmeister hatten einfach nicht die Zeit. Aber zum Glück haben wir ja unsere drei tüchtigen Helfer“, erklärt der Leiter des Altenzentrums. Die „tüchtigen Helfer“ sind Muhamet Llumnica, Euglent Bitri und Mahad Arale Omar – drei Flüchtlinge, die seit September vergangenen Jahres als Ein-Euro-Jobber im Dietrich-Bonhoeffer-Altenzentrum arbeiten.

Was tun die drei jungen Männer, wenn sie im Einsatz sind? „Wir arbeiten mit den Hausmeistern zusammen und übernehmen Tätigkeiten im Garten und im Haus. Wir schleifen Stühle ab und streichen sie neu. Wir schneiden Bäume und Sträucher. Wir machen alles, was getan werden muss“, erklärt der 25-jährige Muhamet Llumnica.

Eingewöhnung in der Fremde

Er kam Anfang 2015 aus dem Kosovo nach Deutschland – zuerst nach Bonn und dann, im Juni, nach Lüdenscheid. Einfach fiel es dem jungen Kosovaren nicht, sich in seiner neuen Umgebung zurechtzufinden. „Es war alles neu für mich. Ich kannte mich nicht aus und wusste auch wenig über Deutschland, speziell über Lüdenscheid.“ Ein Zustand, der den Alltag des jungen Mannes nicht einfach machte, denn er kam ohne seine Familie nach Deutschland.

„Ich brauche eine sinnvolle Aufgabe“

Also machte er sich auf den Weg, erkundete die Bergstadt, versuchte sein Deutsch zu verbessern und eine Arbeit zu finden. „Ich ging zum Sozialamt. Und ich habe sofort gesagt: ‘Ich will unbedingt arbeiten. Ich arbeite auch ohne Lohn. Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, um mir die Taschen mit Geld vollzupacken. Ich brauche nur eine sinnvolle Aufgabe.’ Wenn man keine Aufgabe hat, dann ist das nicht gut für einen Menschen. Dann wird man depressiv.“

Die erste Rückmeldung von der Mitarbeiterin des Sozialamtes war niederschmetternd: „Sie müssen warten.“

Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche

Konstantinos Fachouridis kümmert sich bei der Stadt Lüdenscheid um Flüchtlingsangelegenheiten und weiß um die Probleme. „Einen normalen Job zu finden – das ist schwierig bis unmöglich. Umso dankbarer sind wir, dass das Perthes-Werk, zu dem das Dietrich-Bonhoeffer-Altenzentrum gehört, als Träger bereiterklärt hat, Ein-Euro-Job-Möglichkeiten für Flüchtlinge zu schaffen. So können hier im Altenzentrum und auch im Sozialkaufhaus ‘Traumland’ Menschen eine sinnvolle Aufgabe finden. Aber manchmal dauert es eben, bis sich eine solche Möglichkeit findet.“

Zur Untätigkeit verdammt

Für Muhamet Llumnica hat sich das Warten gelohnt. „Eines Tages kam die Nachricht, dass man eine Arbeit für mich gefunden hatte – hier im Dietrich-Bonhoeffer-Altenzentrum. Ich war richtig glücklich“, erinnert sich der junge Kosovare. Und zwar vor allem aus einem Grund: „Als Flüchtling kann man eigentlich nichts tun. Man ist den ganzen Tag auf dem Zimmer. Ich habe viel geschlafen. Aber ich bin nicht nach Deutschland gekommen, um zu schlafen. Ich wollte arbeiten, Deutschland und die Art, wie die Menschen hier leben, kennenlernen. Das kann ich durch meine Arbeit jetzt tun. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.“

„Ich wollte mir hier etwas Neues aufbauen“

Auch Euglent Bitri und Mahad Arale Omar sind dankbar und freuen sich über die Chance, die sie durch die Tätigkeit im Dietrich-Bonhoeffer-Altenzentrum erhalten haben. „Es ist nicht leicht, hier in Deutschland eine Arbeit zu finden“, sagt Euglent Bitri. Doch war genau das seine Hoffnung, die ihn zur Flucht nach Deutschland trieb. „Ich wollte mir hier etwas Neues aufbauen. Zuhause in Albanien hatte ich keine Chance.“

Muhamet Llumnica erklärt die Aussage seines Kollegen. „Im Kosovo und in Albanien haben zwischen 35 und 40 Prozent der Bevölkerung nur 1,05 Euro pro Tag zur Verfügung. Davon müssen sie leben. Das ist das Problem – das Problem, das uns nach Deutschland gebracht hat.“ Muhamet Llumnica und Euglent Bitri wissen, dass ihre Chancen schlecht stehen: „Es ist unwahrscheinlich, dass unser Asylverfahren positiv ausgeht.“

„Aber wir haben auch große Probleme“

Die beiden jungen Männer wissen auch, dass es für Syrier und Iraker und manche Afrikaner weitaus besser aussieht. „Ja, diese Menschen fliehen vor Krieg und Terror. Das ist uns bewusst. Wir haben keinen Krieg mehr in unserer Heimat. Aber wir haben auch Probleme. Große Probleme.“ Im Kosovo hat Muhamet Llumnica ein Bachelor-Studium im Bereich Ökonomie erfolgreich beendet. Aber eine Anstellung hat er nicht gefunden.

Die Hoffnung auf ein vernünftiges Leben

Muhamet Llumnica hält einen Augenblick inne, bevor er weiterspricht. „Ich habe mich im Kosovo immer wieder gefragt, warum ich lebe und nicht tot bin. Wir haben keine Perspektive, keine Chance auf ein vernünftiges Leben. Das Einzige, was ich will, ist eine Chance auf ein Leben.“ Der 25-Jährige schluckt. Und spricht dann langsam weiter. „Es gibt Represalien im Kosovo, wenn man die Regierung und die Verwaltung kritisiert. Sie drohen denen, die das machen, ganz offen. Sie kommen abends zu dir nach Hause, sie lauern dir auf. Das alles ist nicht leicht. Es ist eine Katastrophe.“

Die Angst vor Terror-Milizen und Mord

Mahad Arale Omar hat bisher geschwiegen. Aber nun erzählt auch er seine Geschichte. Der 19-Jährige stammt aus Somalia. Er floh allein. Seine Familie lebt noch in Afrika – der Teil seiner Familie, der noch am Leben ist. „Meinen Bruder haben die Terror-Milizen getötet. Und mein Vater wird vermisst. Ich weiß nicht, wo er ist und ob er noch lebt“, erzählt der Afrikaner mit leerem Blick.

Warten auf den Asylantrag

Die Angst, selbst getötet zu werden, war der Grund, warum Mahad Arale Omar seine Heimat verließ. Über Kenia, den Sudan und Libyen kam er nach Europa. Und wartet nun darauf, dass er einen Antrag auf Asyl stellen kann. Dies sei bisher noch nicht geschehen. Das Warten ist für den jungen Afrikaner nicht leicht zu ertragen. Aber: „Schlimmer ist die Ungewissheit, was mit meinem Vater passiert ist.“

Dennoch ist auch Mahad Arale Omar froh, dass er in Lüdenscheid und in Sicherheit leben kann. Bald, so verrät der 19-Jährige, wird er aus dem Flüchtlingsheim in eine eigene Wohnung umziehen. Ein Hoffnungsschimmer.

Freundlichkeit und Lebensqualität

Hoffnungen, in Deutschland bleiben zu können, macht sich Muhamet Llumnica nicht. Aber trotz dieser Ahnung, sei er, wie er immer wieder betont, für vieles dankbar, was er in Lüdenscheid erfahren habe. Dafür, dass alle Menschen, denen er im Dietrich-Bonhoeffer-Altenzentrum begegnet, sehr freundlich zu ihm sind, ihm offen begegnen. „Und wir können auch hier essen. Das ist etwas ganz besonders Tolles für mich, weil ich nicht gut kochen kann.“ Er ist dankbar für das Busticket, das er bekommen hat. Das schaffe Mobilität – und das wiederum Lebensqualität.

Dankbarkeit für Hilfsbereitschaft

Muhamet Llumnica lächelt. „Ich wusste am Anfang wenig über Deutschland. Aber ich habe viel gelernt. Heute weiß ich, dass die Menschen hier Flüchtlingen helfen, so gut sie können. Sie geben uns Geld, eine Wohnung. Die Deutschen lassen niemanden auf der Straße schlafen. Dafür werde ich immer dankbar sein.“

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