„Dr. Apple“ laut Gutachten schuldfähig

Lüdenscheid - Bis Sommer 2017 bleibt er sowieso in Haft – Strafe für 49 Taten. Nach seiner Rückkehr vom Fluchtpunkt Fortaleza in Brasilien erwartet der als „Dr. Apple“ berüchtigte Betrüger (48) jetzt seinen Nachschlag.

20 Minuten benötigt Staatsanwalt Dr. Marco Klein, um 43 neue Anklagepunkte zu verlesen. Doch der Lüdenscheider will sich „im Moment nicht äußern“, sagt Strafverteidigerin Andrea Schubert aus Düsseldorf.

Es ist immer dieselbe Masche: Hochwertige Elektronikartikel, vorzugsweise Apple-Produkte, bietet der chronisch arbeitslose Familienvater auf verschiedenen Internet-Plattformen an, stets knapp unter Tagespreis – und findet reichlich Kunden. Er nennt sich “Dr. Apple“, „Asian Heroe“, „Bad Paul“ oder IPhone5“, von Brasilien aus ist er als „Benjamin Plate“ aktiv, und Vorkasse ist bei ihm obligatorisch. Die Ware nicht zu liefern, auch. Er hat sie gar nicht.

Zurück bleiben geprellte Kunden im ganzen Bundesgebiet, aber auch in der Schweiz, in Österreich und in Slowenien. Die Artikel, die er anbietet – Handys, Laptops, Fernseher, Kameras – haben summa summarum einen Wert von mehr als 31 000 Euro.

Ihm auf die Schliche gekommen zu sein, beschreibt ein Kripo-Mann (59) im Zeugenstand als „relativ einfach“. Denn „Dr. Apple“ liefert selbst den Nachweis seiner Schuld: Er schickt seinen Opfern Kopien seines Personalausweises, um sie in Sicherheit zu wiegen. Das Erweiterte Schöffengericht unter Vorsitz von Amtsrichter Jürgen Leichter erfährt von Kunden, wie der Angeklagte sie vertröstet und veräppelt hat. Ein Student aus Aurich erinnert sich: „Erst hat er auf meine Mails nicht mehr geantwortet, dann hat er sich von der Website abgemeldet, dann ging er nicht mehr ans Telefon.“ Der Ermittler sagt, dass „Dr. Apple“ sogar die Post haftbar machen wollte, für Pakete, die angeblich auf dem Transportweg verschütt gegangen sind.

Und immer wieder schreibt der Lüdenscheider zornigen Kunden per Mail, dass er „gerade im Stress“, „schwer krank“ oder „in der Reha“ sei oder „gerade auf neue Medikamente eingestellt“ werde. Zu den Richtern sagt der Angeklagte: „Es tut mir weh im Kopf. Es ist schwer zu gestehen, an was man sich nicht erinnern kann.“ Er habe eine „schlimme Krankheit“.

Ob tatsächlich eine Depression vorliegt oder ob sich der verurteilte Betrüger hinter dieser Legende verschanzt und eingeschränkte Schuldfähigkeit mimt – das zu begutachten ist Aufgabe des Dortmunder Psychiaters Dr. Oliver Braatz. Er hat mehrere Versuche gebraucht, um den Mann untersuchen zu können. „Er hat Termine nicht wahrgenommen, und dann war er ja weg“ – in Brasilien.

Das vorläufige Gutachten liegt nun vor. Darin steht sinngemäß unter anderem: Das kommunikative Verhalten des Angeklagten, die intelligente Planung der Taten, seine uneingeschränkte Handlungs-, Einsichts- und Steuerungsfähigkeit, auf alle Fragen wohlüberlegt die passenden Antworten zu haben, die Fähigkeit zur Selbstreflexion – „das kann niemand, der so schwer beeinträchtigt ist“, sagt Dr. Braatz.

Von Olaf Moos

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