Unregelmäßigkeiten bei Online-Aktion

Wie Trump 2016: SPD nutzt NationBuilder-Plattform - P&C-Petition manipulierbar

+
Stein des Anstoßes: Die leerstehende P&C-Immobilie gilt als Hemmnis für die Innenstadtentwicklung.

Lüdenscheid – Mit einer Petition will die SPD Lüdenscheid die Eigentümer des P&C-Gebäudes zum Verkauf der Immobilie an der Wilhelmstraße bewegen. Jetzt gibt es Unregelmäßigkeiten.

Wörtlich heißt es in der Protestmail an Catharina und John Cloppenburg (Inhaber Peek & Cloppenburg): „Geben Sie das Gebäude frei für eine neue Verwendung – zu einem fairen Preis!“ Recherchen unserer Zeitung zeigen nun, wie einfach die SPD-Aktion zu manipulieren ist. Auch Donald Trump, Martin Schulz und Annegret Kramp-Karrenbauer machen demnach mittlerweile gegen P&C mobil. 

Petition wurde mit falschen Namen unterzeichnet

Noch am Sonntag freute sich Stadtverbandsvorsitzender Fabian Ferber beim Neujahrsempfang über 600 Unterstützer der Aktion – 550 davon seien keine SPD-Mitglieder, hob er heraus. Doch wie viele Unterzeichner davon „echt“ sind, ist unklar

So wurden in mehreren Fällen frei einsehbare Namen und E-Mail-Adressen von Redaktionsmitgliedern durch unbekannte Dritte missbraucht, um die Petition in ihrem Namen zu unterzeichnen. Die Betroffenen erhielten nur durch Antwortmails von Sebastian Wagemeyer („Danke“) und P&C Kenntnis von der missbräuchlichen Verwendung ihrer Namen. 

Bürgermeisterkandidat räumt Unregelmäßigkeiten ein

Bürgermeisterkandidat Wagemeyer räumte am Montag in einer ersten Reaktion Unregelmäßigkeiten ein. Man habe den Dienstleister am Wochenende auf die Probleme aufmerksam gemacht. Dieser habe versprochen, „an der einen oder anderen Stelle eine doppelte Absicherung einzubauen.“ 

Ein Test unserer Redaktion bestätigte den ersten Verdacht, denn auch am Montag war die SPD-Aktion noch ohne Weiteres manipulierbar. So gab die Redaktion auf der Petitions-Internetseite (http://petition.spdluedenscheid.de, extern) neben gültigen E-Mail-Adressen mehrfach Namen von erfundenen, prominenten oder verstorbenen Personen an. 

Fake-Anfragen werden vom System nicht erkannt oder abgelehnt

In allen Fällen bot der Dienstleister keine Verifikationsmöglichkeit an, ob der angegebene Name auch tatsächlich zum Absender gehört – zum Beispiel über einensonst üblichen Bestätigungslink per E-Mail. Trotz der offensichtlichen Falschangaben gab es am Montagmorgen keinerlei Beanstandungen oder gar Sperrungen. 

„Mit freundlichen Grüßen Donald Trump“: Der Beweis, wie einfach die SPD-Petition zu manipulieren war.

Stattdessen hatte die Redaktion kurz darauf in allen Test-Fällen eine E-Mail von Sebastian Wagemeyer im Postfach mit dem Betreff: „Danke, dass Du Dich für unser Zuhause engagierst!“ Ob der fiktive Name Gregor Jankow, die Prominenten Annegret Kramp-Karrenbauer, Martin Schulz, Donald Trump oder der verstorbene Schalke-Fußballer Ernst Kuzorra. Die Protestmail wurde unter falschen Namen anstandslos an Catharina und John Cloppenburg weitergeleitet. 

Mail geht ans Karriereportal von Peek & Cloppenburg

Der Wortlaut der Dankes-Mail: „Guten Tag Donald [Martin, Annegret, Gregor, Ernst]! Danke für Deine Unterstützung und Deine eMail an Catharina Cloppenburg und John Cloppenburg! Gemeinsam sorgen wir dafür, dass der Schandfleck in der Wilhelmstraße endlich wieder belebt wird. Wir bringen das Verhalten von Peek&Cloppenburg an die Öffentlichkeit. [...] Unten siehst Du Deine eMail an Catharina Cloppenburg und John Cloppenburg. Dein Sebastian Wagemeyer und das Team der SPD Lüdenscheid.“ 

Am Ende der Mail steht. „Mit freundlichen Grüßen Donald Trump“

Es folgt die E-Mail an P&C, die übrigens nicht direkt an die Inhaber, sondern an die zentrale Bewerber-E-Mail-Adresse („karriere@...“) versandt wird. Automatisch wird am Ende der Mail „Mit freundlichen Grüßen Donald Trump“ eingefügt. 

Angekündigte doppelte Absicherung funktioniert am Montag nicht

Weitere Tests am Montagmorgen ergaben, dass sowohl von einem PC als auch von einer E-Mail-Adresse mehrere Protestmails mit unterschiedlichen Fake-Namen verschickt werden konnten – ohne einfache oder doppelte Absicherung. 

Für die Petition greift die SPD Lüdenscheid auf die kostenpflichtigen Dienste der Mitmacht GmbH in Berlin zurück, die die technische Infrastruktur liefert. Verkürzt gesagt, organisiert das Unternehmen Kampagnen für Kunden, in diesem Fall für die SPD Lüdenscheid. 

Schon Donald Trump nutzte die umstrittene Plattform in seinem Wahlkampf 2016

Auf der Mitmacht-Homepage werden Besucher mit einem Video-Ausschnitt von US-Präsident Barack Obama begrüßt. Tatsächlich sind die Verbindungen in die USA eng. So wird die „Plattform für Engagement“ im Auftrag der deutschen Mitmacht GmbH von der US-amerikanischen Firma NationBuilder bereitgestellt. 

Die Software von NationBuilder ist umstritten. Sie wurde unter anderem von US-Präsident Donald Trump für seine erfolgreiche politische Kampagne im US-Wahlkampf 2016 eingesetzt. Beobachter schreiben den überraschenden Wahlsieg auch der Verwendung von NationBuilder zu. 

SPD Lüdenscheid hat Vertrag mit Mitmacht GmbH abgeschlossen

Jetzt greift also die Lüdenscheider SPD auf die Plattform aus dem Silicon Valley zurück, um eine Kampagne für die Kommunalwahl und ihren Bürgermeisterkandidaten auf die Beine zu stellen. Die Petition zum Aufreger-Thema P&C in Lüdenscheid dient auch dazu, die Bevölkerung für den Wahlkampf zu mobilisieren. Bürgermeister-Kandidat Wagemeyer sieht darin kein Problem: „Wir stehen vor der Frage, wie es gelingt, viel mehr Öffentlichkeitsbeteiligung zu bekommen.“ Das Mitmacht-Angebot sei eine gute Möglichkeit, „die Stadtgesellschaft zum Mitmachen zu bewegen“. 

Datenschutz-Lücken finden sich erst im Kleingedruckten

Mit der Anmeldung auf der eigens eingerichteten Lüdenscheider Petitionsseite stimmen die Unterzeichner auch den Datenschutzbestimmungen zu. Der Teufel steckt dabei im Detail. Mit dem Abschicken der Protestmail willigt der Teilnehmer der Vernetzung mit anderen Kampagnenmitgliedern und der „Herstellung unmittelbarer Kontakte“ ein. 

Erst im Kleingedruckten wird deutlich, dass alle gesammelten und eingegebenen Daten sofort in die USA übermittelt werden. Weiter heißt es im Zustimmungstext: „Mir ist bewusst, dass der Datenschutz in den Vereinigten Staaten von Amerika hinter den europäischen Standards zurückbleibt und dass trotz des Abkommens zum „EU-US Privacy Shield“ ein der DSGVO vergleichbarer Datenschutz (beispielsweise auch wegen geheimdienstlicher Tätigkeiten) nicht gewährleistet werden kann.“ Wagemeyer dazu: „Wir haben einen Vertrag mit einer deutschen Agentur. Wir verlassen uns darauf, dass die deutschen Gesetze eingehalten werden.“ 

SPD Lüdenscheid will Petition trotz der Unregelmäßigkeiten weiterlaufen lassen

Die aktuelle Petition werde vorerst weiterlaufen. Ein Enddatum der Aktion sei nicht definiert, sagte Sebastian Wagemeyer. Weitere Kampagnen mit der Mitmacht GmbH werden folgen. Konkrete Projekte wollte Wagemeyer aber noch nicht nennen. 

Die Petition gegen einen privaten Eigentümer soll aber keine Blaupause für künftige Auseinandersetzungen sein, verspricht Wagemeyer: „Keine Sorge, wir werden nicht einzelne Hausbesitzer mit Petitionen überziehen.“ 

Peek & Cloppenburg äußert sich auf Anfrage nicht

Peek & Cloppenburg bestätigte den Eingang zahlreicher Protestmails in der Zentrale in Düsseldorf. Unklar blieb, ob und wie das Unternehmen gegen die Massen-Mail aus Lüdenscheid vorgeht. Eine entsprechende Anfrage blieb gestern unbeantwortet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare