Dirk Vogels „Gesichter der friedlichen Revolution“

Katrin Hattenhauer stellte sich der Kamera von Dirk Vogel – wie Bärbel Bohley, Marianne Birthler, Wolf Biermann, Walter Schilling, Stephan Krawczyk, Katrin Hattenhauer, Gesine Oltmanns, Jutta Seidel und andere DDR-Bürgerrechtler.

LÜDENSCHEID - Dirk Vogel, in Lüdenscheid geboren und in Rosmart und Dortmund zuhause, ist freier Fotograf, und das im doppelten Sinn. Nicht angestellt zu sein heißt für ihn bei allen Widrigkeiten eben auch, tun zu können, was ihm wichtig ist.

So war es kein Zufall, dass ihn vor Jahren eine Zeitungsmeldung empörte, in der beschrieben war, wie sich Ex-Stasi-Leute in Hohenschönhausen unter die Besucher des einstigen Gefängnisses der DDR-Staatssicherheit mischten, um die Führungen zu stören, die frühere Insassen durchführten. „Da wurde mir klar, dass ich 1989 zwar den Mauerfall bei der Bundeswehr bewusst erlebt hatte, weil wir unsere Kaserne für die Aufnahme von Übersiedlern herrichten mussten“, berichtet Vogel. „Aber von den Menschen aus der DDR-Opposition, die diesen Wechsel herbeiführten, kannte ich außer wenigen Prominenten niemanden.“ Das ist jetzt anders.

63 Porträts wird er in Kürze in einem Bildband vorlegen, der „Gesichter der friedlichen Revolution“ zeigt. 20 Jahre danach, klassisch fotografiert auf Schwarzweißfilm in Leica-M-Sucherkameras Baujahr 1956 und ‘63. Die begeisterten Liedermacher Wolf Biermann: „Sie fotografieren ja noch richtig!“ Das Eis war gebrochen, Biermann erzählte von seiner Lieblingsgitarre, die auch schon viele Jahre auf der Zarge hat. Freiheit ist auch Ungewissheit. Dirk Vogel plante kein Bild, ließ jede einzelne seiner Berliner Begegnungen auf sich wirken, wie sie war. So erzählt jede Aufnahme eine Geschichte. „Mal hatte ich einen ganzen Tag Zeit, mal nur ein paar Minuten. Und vorher war ich immer aufgeregt, weil ich nie wusste, was kam.“

Umstände, Licht, Atmosphäre, alles war jedesmal anders, jedesmal neu. Und doch gibt es Merkmale, die nahezu alle diese Porträts auszeichnen und das Buch von einer Bilderserie zum Werk machen: Entspannung, Freundlichkeit, Leichtigkeit.

Das andere muss man sich erst wieder vorstellen bei der Betrachtung der Bilder. Bärbel Bohley, Marianne Birthler, Wolf Biermann, Walter Schilling, Stephan Krawczyk, Katrin Hattenhauer, Gesine Oltmanns, Jutta Seidel – Namen, die mit Dramen verbunden sind im Kampf um Freiheit: Ausbürgerung, Bedrohung, Gefängnis, Demonstrationen, Besetzungen, schließlich Beifall, Auftritte, Ehrungen und auch Staatsämter.

Die Robert-Havemann-Gesellschaft, die den Band in zunächst 1500 Exemplaren verlegen wird, hatte Dirk Vogel die ersten Türen geöffnet. „Das war wichtig, auch gegenüber den Menschen, die ich zeigen wollte. Wenn du einen Verlag hast, dann ist klar, dass die Bilder wirklich erscheinen.“

Vogel bleibt bei aller Zurückhaltung, die viele Bürgerrechtler bis heute auszeichnet, vor allem die Offenheit seiner Gesprächspartner in Erinnerung, die Fremdheit und Förmlichkeit meist rasch verfliegen ließ. Seine Bilder zeigen Menschen nach einem Kampf, in dem sie alles aufs Spiel setzten. Und sie zeigen ohne Worte, dass es sich zu kämpfen lohnt.

Denn gerade bei denen, die heute längst nicht mehr in der Öffentlichkeit stehen, die sich mit dem Alter oder mit Kindern, im Zweifel auch mit Hartz IV herumschlagen, gibt es eine Grundzufriedenheit mit ihrem Leben. Weil es ein Leben in Freiheit ist. Auch das korrespondierte mit der Einstellung des Fotografen: „Ich will jedes Porträt mit dem Porträtierten machen“, sagt Vogel. „Für mich ist es wie eine Niederlage, wenn ihm mein Bild nicht gefällt.“

Jetzt geht es daran, den Band fertigzustellen, denn erscheinen soll er noch in diesem Jahr. Das letzte Foto ist aber geschossen: Marianne Birthler, noch bis März Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, empfing Vogel am Samstag zuhause in Berlin. Sie hatte einen Kampf gerade erst hinter sich: Ihre Behörde wird es noch auf Jahre geben. Auch, weil es noch zu viele Säcke voller Aktenschnipsel gibt, die zusammengesetzt werden müssen.

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