111 Dinge (80): Eine Brunnen-Tour durch die Stadt unternehmen

Der Brunnen auf dem Rathausplatz lässt gutwillige Naturen an den Markusplatz in Venedig denken.

Geocacher haben Lüdenscheids Brunnen längst als attraktive Ziele entdeckt. Wer mag, kann nach ihrem Besuch Fragen beantworten wie diese: „Wann wurde Graf Engelbert I. von der Mark geboren?“ „Aus wie vielen Löchern tritt das Wasser beim Wien-Brunnen aus?“ oder „Wie heißt der Industrielle, geboren in Peddensiepen, der diesen Brunnen seinem Vater gewidmet hat?“

Womit wir mit letzterer Frage beim schönsten, aber auch trockensten Brunnen der Bergstadt sind, dem Selve-Brunnen am ehemaligen Amtshaus. Wer Lüdenscheids Brunnen kennenlernen möchte, sollte sich vom Wassermangel im gut 100 Jahre alten Prachtstück des italienischen Bildhauers Luigi Calderini nicht abschrecken lassen. Der Brunnen stellt seine Herkunft aus einem noch sehr ländlichen Lüdenscheid in den Jahreszeiten-Reliefs zur Schau – trotz der Industriellen-Familie Selve, die an seinem Ursprung stand.

Viele Jahrzehnte später schuf K. T. Neumann, ein Kunstschmied mit großen künstlerischen Fähigkeiten, Ende der 1970er-Jahre den Neumann-Brunnen auf dem Sternplatz – verglichen mit anderen Arbeiten eine eher etwas grobschlächtige Arbeit, deren Rand bei Kindern aber für eine Umrundung des Brunnens sehr beliebt ist. Nach dem Vorbild anderer Brunnen erzählt auch dieser in seinen Reliefs Episoden aus der Geschichte – in seinem Fall natürlich der Lüdenscheider.

Um den Startpunkt der Bergstadt geht es in dem ungleich feingliedriger gestalteten Brunnen auf dem Graf- Engelbert-Platz. Den Stadtgründer Lüdenscheids gestaltete K. T. Neumann auf einem der Brunnenreliefs mit zwei Dokumentenrollen in den Händen. 1249 wurde Graf Engelbert I. von der Mark geboren – so verkündet es das Relief auch den suchenden Geocachern.

Jener Brunnen, der mit einigem Recht den Anspruch erheben kann, der originellste Brunnen der Bergstadt zu sein, steht seit 2011 im Schatten der Erlöserkirche in der Oberstadt. Wer mag, kann an dem kuriosen, aber gestalterisch eben auch angenehm modernen Brunnen von Waldemar Wien die Auslassöffnungen für das Wasser zählen, die mit dem kostbaren Nass eher sparsam umgehen. Alle anderen mögen sich einfach freuen an dieser schicken Neuerwerbung der Oberstadt.

Brunnen lassen Betrachter oft an Italien denken – das noch sehr junge Betonbecken auf dem Rathausplatz tut dies auf eine eher überraschende Weise. Wer hier die richtige Perspektive findet, kann den Eindruck bekommen, der Rathausplatz sei geflutet wie der Markusplatz in Venedig. Im alten Babylon wurden mit Hilfe solcher Wasserspiegel die Gestirne vermessen. Das macht heute niemand mehr. So verdient dieser Brunnen leider seine bösartige Qualifikation als „Vogeltränke“. Das funktioniert.

Auf privatem Grund schließlich, mit etwas Geschick oder Beziehungen aber dennoch zugänglich, steht eine vor der Kulisse des ehemaligen Amtsgerichts aufgestellte riesige Amphore, die von einer gekräuselten Wasserfläche gekrönt wird. Wohl dem Wanderer, der an diesem Ort ein wenig verweilen darf. - Thomas Krumm

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