111 Dinge (74): Eine Architektur-Tour durch Lüdenscheid unternehmen

Jugendstil trifft Moderne: das Inselhaus im Spiegel der Fassade des „New Yorker“-Gebäudes.

LÜDENSCHEID - Stolz reckt sich der Turm des Hauses an der Ecke Bahnhofstraße/Friedhofstraße dem Stadtzentrum entgegen. Wie viele andere Häuser aus seiner Entstehungszeit verrät es selbst sein Baujahr: 1899. Womit der Besucher schon direkt neben dem Bahnhof in jener Zeit angekommen wäre, die wie keine andere Lüdenscheids Gesicht geprägt hat: die Gründerzeit.

Wer Zeit hat, kann den ausgedehnten Gang in die Stadtmitte noch ein wenig aufschieben und die Bahnhofstraße bis zur Christuskirche hinaufgehen, die ebenfalls zwischen 1900 und 1902 errichtet wurde.

Nur wenige Bausünden und die stark befahrenen Durchgangsstraßen trüben die Zeitreise in eine Epoche, in der Lüdenscheid architektonisch entscheidend geprägt wurde. Wer sich nach diesem ersten Eindruck weiter auf die Suche machen möchte, sollte zwei Gewissheiten mit auf den Weg nehmen: Die Lüdenscheider waren in der Regel bereit, ihr einstmals recht prächtiges Stadtbild für den Verkehr, für Wirtschaft und Handel, also kurz für’s Geldverdienen, zu opfern. Andererseits umfasst die Denkmalliste der Stadt derzeit immer noch rund 160 Objekte. Dazu kommen weitere Gebäude, deren Denkmalwert wenigstens der Lüdenscheider Geschichts- und Heimatverein würdigte.

Die Suche und ein aufmerksamer Rundgang lohnen sich also. Vor allem dann, wenn man nach dem Überqueren des runderneuerten Rathausplatzes den Blick einmal nicht auf die Auslagen im Erdgeschoss der Wilhelmstraße wirft, sondern in die Etagen darüber: Prächtige Bürgerhäuser mit all jenem schönen Zierrat, der den Charme der Gründerzeit ausmachte, stehen hier in Reihe. In zentraler Lage befindet sich das im Jugendstil erbaute Inselhaus, das wie wenige andere nicht durch die damals so beliebten historistischen Anleihen in der Vergangenheit besticht. Neo-Renaissance, Neo-Barock und Neo-Klassizismus lassen grüßen.

Der rot leuchtende Eckturm der Adler-Apotheke weist den weiteren Weg zur Erlöserkirche im Zentrum der Altstadt. Dort ist viel zu entdecken: Das alte Rathaus, das aus dem 18. Jahrhundert stammende Gebäude Rathausplatz 3, und die Nebenstraßen aus der gleichen Zeit: An der Herzogstraße erwartet die Besucher ein ganzes Ensemble von klassizistischen Bürgerhäusern aus dem 18. Jahrhundert.

Wer danach noch Luft und Lust auf mehr hat, dem bietet sich ein reiches Angebot an prächtigen Fabrikantenvillen und backsteinernen „Fabriksken“ aus jener Zeit, in der das Wort „Gewerbegebiet“ noch fremd war und keine ausgeprägte Funktionsteilung zwischen Wohnen und Arbeiten existierte.

Einen Besuch wert sind am Rande des Zentrums auch jene prachtvollen Funktionsgebäude, die ebenfalls in der Gründerzeit errichtet wurden: das Gebäude der alten Hauptpost an der Altenaer Straße (1891-1893), das Zeppelingymnasium (1890) und das alte Amtsgericht an der Ecke Philippstraße / Freiherr-vom-Stein-Straße, in dessen Umgebung die schönsten Wohnstraßen des Zentrums liegen. Von der Hofseite ausgehend kann der Besucher sehen, wie es aussieht, wenn eine traditionelle Straßenrandbebauung zugunsten von verstreuten Stadtvillen aufgegeben wird. Dort kann der Besucher abschließend über die Wege der Architektur im 20. Jahrhundert sinnieren.

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