111 Dinge (73): Auf den Spuren der Garnison im Naturschutzgebiet Stilleking wandern

Nach und nach holt sich die Natur die Fläche zwischen den Militäranlagen der belgischen Garnison am Stilleking zurück. Aus den Fugen zwischen Betonplatten wuchert sattes Grün hervor.

LÜDENSCHEID - Südlich der Innenstadt hat Lüdenscheids Natur wohl die gründlichste Metamorphose erlebt. Hier breitet sich eine Oase aus – grüne Lunge, Naherholungsgebiet, Weideland, der Stilleking, Naturschutzgebiet auf 153 Hektar. Aber hier finden sich auch Reste einer längst vergangenen Ära.

Von Olaf Moos

Bis 1994 haben Panzerketten hier die Grasnarbe zerfetzt, und Infanteristen gruben sich in Schützenstellungen am Waldrand ein. Geschütze brüllten, Motoren röhrten, Offiziere bellten Befehle. Der Truppenübungsplatz der belgischen Garnison, die 1946 in Lüdenscheid stationiert wurde, war für Einheimische und Zivilisten tabu. Jetzt herrscht hier paradiesische Ruhe, allenfalls von Vogelgezwitscher und dem Rauschen des Windes in den Baumwipfeln umschmeichelt. Spätestens auf dem Weg über die ehemalige Panzerstraße, robust angelegt aus Betonplatten, lässt der Wanderer die Stadtgeräusche hinter sich. Ein rostiger Schlagbaum auf der Kuppe – hier war früher Schluss für Unbefugte – hält Autofahrer ab. Links und rechts des Weges wird der Wald dichter. Wertvolle Laubgehölze wie Buchen und Erlen verstellen noch den Blick auf die Heideflächen.

Streckenempfehlung für Wanderer: Vom Wanderparkplatz Werkshagener Straße auf dem Fußweg zum Homertturm. Hinweisschild am Turm beachten, dann den Ochsenköpfen folgen. Durch einen bewaldeten Hohlweg einen Kilometer geradeaus bis zum Hochplateau Stilleking. Dort gibt es einen vier Kilometer langen Rundweg mit Erläuterungstafeln, inklusive einem Abstecher zur Gerichtslinde des Lehngerichtes Stilleking, etwa 200 Meter abseits der Rundtour.

Und bevor die Sicht freier wird, bevor das Weideland für die rückgezüchteten Auerochsen, die Heckrinder, sich vor dem Blick des Wanderers öffnet, fällt der Blick auf einen grob verputzten und verwitterten Torpfosten. Er steht an der Zufahrt zu Relikten militärischen Treibens aus Zeiten des Kalten Krieges. Rechts die gigantische Panzerhalle, rund 100 Meter lang: Es fehlen Stahltore, Fenster sind zerborsten und blind, Mechaniker-Gruben zugeschüttet, bröckelnder Putz ist von Graffiti übersät. Links die alten Unterstände für die Fahrzeuge und Lafetten der belgischen Artillerie. Hier lagert jetzt Brennholz und Gerät.

Die NRW-Stiftung, die Stadt Lüdenscheid und der Förderverein Naturschutz Märkischer Kreis haben einen Großteil des Geländes gekauft. Gemeinsam mit dem Kreis und dem in Lüdenscheid ansässigen Naturschutzzentrum Märkischer Kreis setzen sich die Akteure dafür ein, dass der Stilleking ein Rückzugsraum für gefährdete Tiere und Pflanzen bleibt. Alte Kulturlandschaft, ausgedehnte Magerweiden und Zwergstrauchheiden, in denen bedrohte Vogelarten wie die am Boden brütenden Feldlerchen oder Wiesenpieper leben. Hier kommen auch noch selten gewordene Pflanzen wie das Quendelblättrige Kreuzblümchen und der Behaarte Ginster vor.

So ist es auf einer Info-Tafel unweit der alten Panzerhallen zu lesen. Schräg gegenüber ragen Kanten von Betonplatten aus dem Waldboden. Und daneben: stählerne Rippen, die in zwei Reihen einen halben Meter hoch aus dem inzwischen wieder begrünten Untergrund wachsen. Sie dienten als Fahrbahn und Waschanlage für die Panzerketten, die den Lehm nach dem Manöver nicht auf den städtischen Straßen verteilen sollten. Dies alles in scheinbar unberührter Natur, am Stadtrand. Naherholung im besten Sinne. Und ein bisschen Unterricht in Stadtgeschichte. 1994 rückten die Belgier ab. 2002 kamen die Heckrinder. Ein echter Rückzugsraum ist der Stilleking – auch für Menschen.

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