111 Dinge (82): Das Entstehen großer Graffiti hinter der Schützenhalle beobachten

Bunt dürfen Graffiti immer sein – und fantasievoll auch.

Es ist die Stadt des Lichts, des sauberen Trinkwassers, der Wälder und Talsperren, ja, auch die Stadt der Werkzeugmacher. Auf jeden Fall aber ist Lüdenscheid die Stadt der Graffiti-Kunst. Und zwar die der legalen Sprayer. Neben den Schmierereien an Hauswänden haben die großformatigen bunten Bilder aus der Sprühdose ihre festen Plätze im Stadtbild.

Der Lüdenscheider Yves Thomé gilt als der Lüdenscheider Pionier der Szene. „Seit 1985 bemühe ich mich, den Unterschied zwischen Graffiti und Graffiti öffentlich aufzuzeigen“, sagt er – und hat allen Grund zu gesundem Selbstbewusstsein. Denn er hat als illegaler Sprayer begonnen. Folgen seiner Jugendsünden sind mehrere Strafanzeigen wegen Sachbeschädigung. Die Sucht nach großflächiger Bemalung von Fassaden, Garagentoren oder Jugendräumen hat angehalten. Die Obsession wurde Profession.

Und so kommt es zu wundersamen Konstellationen. Plötzlich beauftragen die Stadtwerke den Sprayer. Stellen sogar Baugerüste für ihn auf, wie am Trafohaus an der Altenaer Straße oder – etwas kleiner – im Loher Wäldchen. Dort auch steht das Domizil der Reservisten-Kameradschaft, ebenfalls poppig bunt besprüht. Ein Gastronom und Hausbesitzer hat seine Garagen am Buckesfeld verzieren lassen. Gartenmauern, Rolltore oder Treppenaufgänge tragen die Handschrift Thomés.

Es sind Auftragsarbeiten, die den Besitz der Auftraggeber verschönern – aber auch schützen. Und zwar vor denen, die nachts umherstrolchen und ihre Namenszüge auf Fassaden schmieren – ohne Sinn und Verstand, aber auch ohne jeglichen künstlerischen Anspruch. Es gibt einen Ehrenkodex in der Szene, und der lautet: Nie ein gelungenes Graffito überschmieren! Zumeist wird der Grundsatz befolgt.

Zur Profession gehört aber auch Organisation. Ohne Netzwerk kein Erfolg. Dafür hat Yves Thomé das „Narrenhände.de“-Kollektiv ins Internet-Leben gerufen – eine virtuelle Versammlung von Wandkünstlern aus ganz Deutschland. Das Netzwerk um den Lüdenscheider Chef-Sprayer ermöglicht es interessierten Passanten, einerseits die unterschiedlichsten Epochen und Stilrichtungen fertiger Bilder zu begutachten – quasi die stadtweite Galerie.

Andererseits ist es spannend, das Entstehen zu beobachten, wie aus Konturen Körper werden, wie Sprühdosen und Farbrollen kooperieren. Und ganz nebenbei, wie freundschaftlich, entspannt und fröhlich die Stimmung in der Sprayer-Kommune ist. Meistens samstags, ab spätem Vormittag, geht’s los.

Wieder beflügelt durch eine wundersame Konstellation: Ausgerechnet die Schützengesellschaft am Loh, geprägt von Tradition, Uniform und Nachwuchssorgen, öffnet sich einer vermeintlichen Subkultur – und stellt Thomé und seinen Freunden aus der Republik die Rückwand des Schießstandes hinter der ehrwürdigen Schützenhalle kostenlos zur Verfügung. 40 Meter Fassade, immer wieder überstrichen, übermalt, übersprüht, neu gestaltet, verändert, ergänzt – ein Paradies für die Szene. Der Spiritus Rector der Narrenhände ist begeistert. „2011 habe ich hier meine Geburtstagsparty gefeiert – zusammen mit 14 Leuten.“ Es wurde ein Sprayer-Happening aus Farben, Fluppen, Flaschenbier.

Passanten, die samstags ihren Hund Gassi führen oder einfach mal an der frischen Luft um die Halle stromern, reagieren durchweg positiv, freut sich Yves Thomé. In den zurückliegenden zwei Jahren seien nur ein einziges Mal Polizisten aufgetaucht. „Aber die kannten uns schon und wussten, dass wir hier nichts Verbotenes machen.“ Spricht’s, grinst zufrieden und knackt die nächste Sprühdose an. So wird aus der Stadt des Lichts und der Werkzeugmacher Bild für Bild auch eine Stadt der Toleranz. - Olaf Moos

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