111 Dinge (98): Einen Gottesdienst in der Kirchengemeinde Oberrahmede besuchen

Der große Zeiger auf der Uhr nähert sich viel zu schnell der Zwölf. Es ist 10 Uhr. Noch ein paar Meter den Berg hinauf. Die Verspätung ist gewiss. Ärgerlich. Dann ein Menschenstau. In Zweier-Reihen stehen sie da im Gang - Jüngere, Ältere. Sie warten auf Einlass in die Kirche im Lüdenscheider Stadtteil Oberrahmede.

Es dauert, geht nur langsam voran. Es ist der Moment, in dem der Außenstehende erstmals denkt: Was ist hier los? es Rätsels Lösung wartet an der Tür. Hier steht versteckt hinter den größeren Wartenden eine kleine Person. Nicht mehr ganz jung, aber auf jeden Fall jung geblieben. Die Haare sind in der Mitte dunkel und an den Außenseiten wasserstoffblond.

Auf der Nase eine Brille, die Extrovertiertheit verrät. In der Nase ein kleines Schmuckteilchen. Ist das hier Punkrock? Nein, definitiv nicht. Der Körper steckt in einem Talar. Das also ist sie: Gestatten, Monika Deitenbeck-Goseberg. Jeder einzelne Besucher des Gottesdienstes wird von Deitenbeck-Goseberg begrüßt - fast jeder umarmt, geherzt. Das dauert, denn die Kirche ist voll.

Monika Deitenbeck-Goseberg arbeitet seit 1981 in der Evangelischen Kirchengemeinde Oberrahmede. Sie ist das Gesicht dieser Gemeinde, ein Energiebündel, das viele Dinge angestoßen und auf den Weg gebracht hat. Doch nicht nur hier: 1992 gründete sie den Obdachlosenfreundeskreis und engagiert sich seitdem in der Obdachlosenarbeit. 2003 war sie Mitbegründerin der Internet-Evangelisationsarbeit “gott.net”. Die Tochter des bekannten Pfarrers Paul Deitenbeck ist seit 33 Jahren mit Volkmar Goseberg verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Es ist einer dieser Tage, an denen Kirchen da und dort viele freie Plätze bieten. Nicht diese Kirche. Hier ist die Auslastung wie anderswo bei der Christvesper am Heiligen Abend. Was also ist hier los? Was ist das Geheimnis? Vielleicht, dass sich das gemeine Gemeindeglied der predigenden Urgewalt und Herzlichkeit dieses kleinen Energiebündels Monika Deitenbeck-Goseberg gar nicht entziehen kann. Vielleicht, dass man gerne dorthin geht, wo sich viele treffen und auch nach dem Gottesdienst noch auf einen Kaffee bleiben.

Vielleicht aber auch, dass in dieser Kirche einfach vieles stimmt. Das verstorbene Gemeindeglied und jenes, das heiratet, werden nicht einfach abgekündigt. Zu jedem gibt es eine Geschichte. Da ist zum Beispiel der Mann, der von einer vier Meter hohen Leiter gestürzt ist. Das neueste ärztliche Bulletin hat die Pfarrerin, die ihn besucht hat, bereit.

Der Gottesdienst neigt sich dem Ende zu. Eine letzte Ruhe und Einkehr. Dann steht der Besucher wieder im Menschenstau. Er ahnt schon, was wenig später Gewissheit ist. Diesmal steht die kleine Frau an der Ausgangstür. Wer keinen Kaffee mehr im Gemeinderaum trinkt, sondern nach Hause möchte, wird umarmt, geherzt, verabschiedet.

Draußen zeigt die Uhr: 11.40 Uhr. 100 Minuten. Sie haben sich angefühlt wie 50. Alltag in einer nicht ganz alltäglichen Gemeinde.- Thomas Machatzke

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