111 Dinge (94): Eine Nacht in der Jugendkneipe “Im Stock” verbringen

Der “Stock”, er war schon alles mögliche: gemütliche Pinte, Billard-Salon, Techno-Schuppen, Punker-Treff, Café, Bingo-Halle, Konzertsaal, Flipper-Höhle oder Kleinkunstbühne. Eines war er nie: langweilig!

Seit mehr als 36 Jahren gilt das Lokal an der Knapper Straße 50 trotz einer zunehmend starken Konkurrenz als die Lüdenscheider Jugendkneipe schlechthin. Kein anderer Laden in Lüdenscheid hat eine solch lange Szene-Tradition, kein anderer hat sein Image so ausdauernd über die Jahre gerettet.

Dabei waren die Anfänge bei der legendären Wirtin Marga “Loni” Lonauer noch eher unauffällig: Tische in geordneter Formation, Kristalllämpchen darüber, Tischdecken und Musikbox mit Münzeinwurf - eine Kneipe wie viele andere auch. Aber “Lonis” freundliches Wesen und vielleicht auch die Tatsache, dass ihr Lokal im 1. Stock eines Geschäftshauses im Stadtzentrum lag - daher der Name “Stock” - lockte “junges Volk” an, wie man in Lüdenscheid sagt.

Den Umbruch leiteten 1976 die Gebrüder Mehl ein. “Loni” ging in Rente, Jörg und Kilian übernahmen den “Stock”, bauten ihn um und sprachen damit ein wachsendes junges Publikum an. Viele “Karrieren” nahmen hier ihren Anfang, Dortmunder Aktienbräu war erschwinglich und Rauchen erlaubt, Freund- und Liebschaften entstanden und lösten sich auf, Musik kam direkt von der Vinyl-Schallplatte, donnerstags und freitags waren Großkampftage für die Kellner.

Ein weiterer Meilenstein war die Renovierung und Übernahme der alten Druckerei vom Schemm, die fortan und folgerichtig als Teil des “Stocks” den Namen “Alte Druckerei” erhielt und als Veranstaltungssaal diente. Die Bühne erlebte Kabarettisten, Bands und DJs und bekam zeitweise Kultstatus. Die Verbindung zwischen “Stock” und “Druckerei”, ein kleines Café mit Frühstück, wurde nach dem Kölner Stadtteil “Bilderstöckchen” benannt.

Und während die Kreisstadt ihr Gesicht änderte, während die Bevölkerungszahl auf mehr als 80 000 kletterte und Jahre darauf wieder um knapp 4000 schrumpfte, der Lüdenscheider Fußball an Bedeutung verlor oder der Firmenlauf geboren wurde - währenddessen blieb der “Stock” in seiner Bedeutung und Adresse eine echte Konstante.

Natürlich war auch diese Kneipe stetem Wandel unterworfen. Aus Pinte wird Club, aus Kneipe Lounge. Sofas, dunkle Farben und basslastige Musik laden zum Rückzug ein. Wer Erfolg haben will, muss “stylish” daherkommen, wie es neudeutsch heißt. Das “Bilderstöckchen” ist Vergangenheit. Doch auf der Bühne in der Druckerei geht auch unter der Regie des heutigen Wirtes Oliver Straub mitunter heftig Post ab. Und so ist der gute alte “Stock” das, was er seit rund dreieinhalb Jahrzehnten ist: “total angesagt”. - Olaf Moos

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