111 Dinge (83):  Ein verkanntes Dorf am Rande der Stadt /Theo Rademacher erzählt

Theo Rademacher ist ein wandelndes Lexikon der Brügger Heimatgeschichte.

Wer in Lüdenscheid wohnt, belächelt mitunter die Menschen aus Brügge. Egal ob es ums Einkaufen oder den eigenen katholischen Friedhof geht: Das Aufbegehren der Alteingesessenen im Volmetal gegen das völlige Vereinnahmtwerden hat ein bisschen was vom Kampf der Gallier gegen die Römer in den Asterix-Heften. Aber wer sich mit einem dieser Alteingesessenen unterhält, bekommt schnell ein ganz anderes Bild von Brügge.

Theo Rademacher erinnert sich gut an den Glanz vergangener Tage, als Brügge noch der große Eisenbahner-Ort war, der durchaus mit Häme auf Lüdenscheid blickte, das ein entscheidendes Manko hatte: einen Sackbahnhof, der nur von Brügge aus über eine schwere Steigung zu erreichen war. Das Dorf an der Volme war bis zum Bau der A 45 für die Lüdenscheider der wichtigste Verkehrsknotenpunkt, an der Bahnverbindung zwischen Ruhrgebiet und Rheinland und mit der parallel verlaufenden Volmestraße. Von Stüttinghausen über Pöppelsheim und die Mintenbecke bis zur Ahelle und nach Halverscheid und zur Linepper Mühle zog sich das Dorf. Damals gehörte Brügge noch nicht zum Stadtgebiet. Es war ein eigenes Dorf – „und das bleibt es auch“, sagt Rademacher. Noch heute künden die Brügger selbstbewusst „Wir sind Brügge i.W.“ auf ihrer Internetseite und die Titelseite ziert – wie sollte es anders sein – ein Foto vom alten Bahnhof. Die Eisenbahner, die waren wer in Brügge, erzählt Theo Rademacher. Sie bauten viele Häuser, in Winkhausen, vor den heutigen Sportplatz und entlang der Parkstraße. Zwei Stellwerke gab es in relativ kurzer Entfernung, einen Maschinenschuppen – und dazu diejenigen, die die Bahn als Transportmittel brauchten: „Die Zementfabrik in Ehringhausen war riesengroß.“ Seit die Bahnstrecke 1874 eingeweiht wurde, boomte Brügge. „Fast 30 Geschäfte gab es“, erinnert sich Rademacher – allein vier Metzgereien zwischen Winkhausen und Ahelle und drei Lebensmittelgeschäfte nur in Winkhausen. Dazu konnten die Bürger Kleidung und Kurzwaren kaufen. Die alte Turnhalle, 1912/13 gebaut, wurde oft als Festhalle genutzt – fast jedes Wochenende gab es Feiern der Vereine. Die „Sperlingshöh“ kennt heute kaum noch jemand: Im Bereich der Oberen und Unteren Schlänke war immer viel los. Es gab „viele, viele Kinder“ und reichlich Spatzen – von diesem Trubel hatte das Gebiet seinen Namen. Auch die Volme darf nicht vergessen werden – „Kaum ein Jahr ohne Hochwasser“, sagt Theo Rademacher. Bettina Görlitzer

INFO:

Brügge liegt im Volmetal und ist heute der westlichste Stadtteil von Lüdenscheid. Bis zur kommunalen Neugliederung 1969 war Brügge eine Ortschaft in der Gemeinde Lüdenscheid-Land. Theo Rademacher, Jahrgang 1930, ist ein Brügger Kind. Er wurde in seinem Elternhaus an der Parkstraße geboren, in dem er bis heute lebt. Im Beruf war er Industriekaufmann und KAB-Sozialverbandssekretär, tritt aber auch immer wieder als Autor in Erscheinung. Wichtig sind ihm stets Themen „seines“ Stadtteils Brügge und nicht zuletzt der Katholischen Kirchengemeinde St. Paulus.

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