111 Dinge (75): Ein Mensch, ein Auto, eine Stadt. Mehr gibt es hier nicht – nachts!

Eine Nachtfahrt durch Lüdenscheid ist für denjenigen, der die beleuchtete Einsamkeit sucht, eine Delikatesse. Die Ampeln verrichten derweil – exakt nach Schaltplan – ihren sinnfreien Dienst.

Wer sich, aus welchen Gründen auch immer, mitten in der Nacht, am besten zwischen 3 und 4 Uhr, auf den Weg quer durch die Bergstadt macht, fühlt sich wie in einem Film. Es drängt sich der Vergleich zu der Eingangsszene des Tom-Cruise-Films „Vanilla Sky“ auf:

Ein Mann fährt aus der Tiefgarage. Nach und nach macht sich das Gefühl breit, dass irgendetwas nicht stimmt. Krampfhaft überlegt er, was der Fehler im Bild sein könnte. Dann packt ihn die beängstigende Erkenntnis: die Menschen! Die Menschen sind weg! Alle!

Genauso gespenstisch – aber erwartbarer – präsentiert sich die Szenerie bei einer Nachtfahrt durch Lüdenscheid. Ein Event der ganz besonderen Art. Empfehlenswert für jeden, der ein Faible für Absurdes hat und Nervenkitzel zu schätzen weiß.

Los geht es am Rande der Stadt – in Othlinghausen. Dass hier der Mob um diese Uhrzeit nicht mehr auf den Straßen tobt, wundert keinen. Schön nur, dass die Ampeln – wie übrigens im ganzen Stadtgebiet! – dennoch geschaltet sind. Zucht und Ordnung machen vor nichts halt – auch nicht vor dem Nichtvorhandensein von Verkehrsteilnehmern.

Aber die Zwangspausen an den Ampeln haben auch ihr Gutes: Man kann den Blick schweifen lassen. Über – nichts! Große Kreuzung Höhe Kreishaus. Niemand ist in Sicht. Niemand! Nur helle Ampeln und davon gleich ganz viele! An der Christuskirche herrscht, wer wäre drauf gekommen, gähnende Leere. Eigentlich könnte man hier mal ganz galant rechts um die Ecke brausen – aber nichts da! Die Ampel ist rot. Und macht einen Blick in die Knapper Straße möglich. Hier, wo sich am Tag die Autos und Menschen auf engstem Raum tummeln, ist tote Hose angesagt. Und so geht es weiter. Sauerfeld, Museum, Kulturhaus – alles ist wie ausgestorben. Weiter geht es Richtung Hellersen. Vorbei an den Häusern an der Herscheider Landstraße geht die Fahrt. Und dann das! Ein anderes Auto. Unwillkürlich geht man in die Eisen! Der Fahrer des anderen Autos übrigens auch. Die beiden Wagen trennt nur eine Ampelkreuzung. Steigt der anderer Fahrer jetzt gleich aus und entpuppt sich als Freddy-Krüger-Verschnitt mit Kettensäge und einer latenten Lust am Zerteilen von…? An dieser Stelle sollte man sich selbst tunlichst zur Ordnung rufen und sich klarmachen, dass es in Lüdenscheid keine Elm Street gibt – und sich auch der Alptraum in Grenzen hält. Und der wäre ganz aus der Welt zu schaffen, wenn der Letzte endlich mal das (Ampel-)Licht ausmachte.

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