111 Dinge (7): Mit Wolfgang Schumacher über Lüdenscheider Geschichte sprechen

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Wolfgang Schumacher vergleicht gerne das alte und das neue Lüdenscheid: Das Gebäude, in dem heute die Philipp-Apotheke ist, ist auf der historischen Aufnahme als Schwesternheim zu erkennen. Nicht mehr da ist der imposante Bau des städtischen Krankenhauses an der Philippstraße. Dort stehen heute Wohnhäuser.

LÜDENSCHEID - LN-Lesern ist Schumacher ein Begriff durch die Serien „Lüdenscheid gestern und heute“ und „1000 Grüße aus der Sammlung Schumacher“. Rund 1300 Artikel hat der 69-Jährige bislang verfasst. Sie alle beschäftigen sich mit seiner Heimatstadt und deren Umgebung

Familien, die in Häusern direkt neben der Fabrik lebten, in der die Männer, vielleicht auch die Frauen, arbeiteten. Die Börsenstraße, die einst die Kölner Straße kreuzte, um nach rechts in die Humboldtstraße abzuzweigen, und schließlich in die Sauerfelder Straße mündete. Verkehrspolizisten, die den Verkehr am Straßenstern regeln. Blanke Wiesen mit Gehöften, wo später ganze Stadtteile entstanden. Baustellen, zum Beispiel von der Kirche Marin Königin, als – eigentlich verbotener – Abenteuerspielplatz: Ein Gespräch mit Wolfgang Schumacher bringt viele Aspekte des Lebens in Lüdenscheid hervor, heute und in früheren Jahrzehnten. So ein Gespräch ist spannend – und sollte ganz gewiss zu den Dingen gehören, die man in Lüdenscheid getan hat.

Alle bislang veröffentlichten Artikel von Wolfgang Schumacher basieren auf Bildern – Postkarten und Fotografien – aus seiner umfangreichen Sammlung. Dabei ist Schumacher streng genommen gar kein gebürtiger Lüdenscheider, wie er lachend erzählt. In seinem Geburtsjahr 1942 gingen die Frauen, die sich die teure Privatklinik von Dr. Keitel nicht leisten konnten, zur Entbindung ins Krankenhaus nach Werdohl. „Jeder gute Lüdenscheider ist in Werdohl geboren“, witzelt Schumacher, der sehr gerne und viel reist, aber immer wieder genauso gerne in seine Heimat zurückkehrt. „Ich käme nie auf den Gedanken, hier weg zu gehen.“ Und so wird jede Plauderei über das, was sich verändert hat, wie es früher war, was heute ist, zu einer kleinen Hommage an die Stadt, die er wegen ihrer überschaubaren Größe mag, aber auch deswegen, weil „das Angebot so vielfältig und breit gefächert ist, dass jeder etwas findet.“

Dabei liegt es Schumacher völlig fern, von der „guten alten Zeit“ zu schwärmen. Er erzählt, welches Gebäude wo stand, wo die Straßen einst verliefen, ernste und humorvolle Geschichten aus dem Alltag, ohne verklärende Nostalgie. „Manche Villa wäre vielleicht erhaltenswert gewesen“, sagt er auf die Frage, welche Entwicklung er bedauert, ganz pragmatisch ergänzt er: „aber wer sollte sie erhalten? Ich könnte auch bedauern, dass Haus Dicke weg ist“, aber wer heute das Stadtzentrum sehe, erkenne, dass der Abriss nötig war.

Die wissenschaftliche Geschichtsschreibung überlässt Schumacher anderen – „die können das besser“. Aber anhand der vielen Tausend Bilder seiner Sammlung zu beschreiben, was in Lüdenscheid wo war, welche Ereignisse für die Menschen wichtig waren, das macht er mit Akribie. Ganz nach seinem Motto: „Wenn ich etwas anpacke, dann gehe ich es auch auch richtig an.“ Interessiert hat ihn die Stadtgeschichte schon als Junge – nach der Eröffnung des Museums an der Liebigstraße ist er oft dorthin getrabt. Das Sammeln hat er etwa 1954 über Briefmarken entdeckt, spannender wurde das Sammeln der Poststempelabdrücke seiner Heimatstadt, „philatelistisch exakt“, wie er betont. Aber: „Irgendwann tut sich nicht mehr viel“, und dann „habe ich den ganzen Kram umgedreht und hatte plötzlich ganz viele Ansichtskarten“. Das war der Beginn der jahrzehntelangen Beschäftigung mit Bildern aus und über Lüdenscheid.

Zum Schreiben gebracht hat ihn der frühere LN-Lokalchef Paul Conze. „Es war schade, dass die vielen Motive aus Lüdenscheid nur in den Alben in der Ecke standen“, erzählt Schumacher. Er wollte seine Bilder mit den Bürgern der Stadt teilen – den Jüngeren erzählen, wie ihre Stadt früher ausgesehen hat. Deshalb ist es ihm wichtig zu beschreiben, wo der Fotograf gestanden hat, beispielsweise „zwischen dem alten und dem neuen SinnLeffers-Geschäft mit Blick in Richtung Sternplatz“, wenn es um die „Biegel-Birne“ geht.

Gefragt nach wesentlichen Veränderungen in der Stadt, fallen Schumacher die vielen neuen Wohngebiete ein, die wegen des Wohnraummangels nach dem Zweiten Weltkrieg und der geänderten Anforderungen an Wohnraum entstanden sind. Auch der Rathaustunnel ist wichtig. „Der hat das Stadtbild massiv verändert.“ Gerade deshalb falle es viele jüngeren Leuten schwer, sich vorzustellen, wie die Straßen früher verliefen. Gegenüber der Firma P.C.Turck, auf dem heutigen Eselsrücken, an der Ecke Altenaer und Bahnhofsstraße war ein Villengrundstück. „Die Doppelvilla war für damalige Verhältnisse spektakulär“. Und so beginnen die Bilder im Kopf des Zuhörers zu rotieren.

Die Geschichte, die er selbst erlebt hat, ist für ihn besonders spannend. Sie wird gespickt mit Anekdoten aus dem eigenen Leben und im Dialog mit dem Gesprächspartner lebendig – auch Schumacher erfährt gern Neues. Aber er weiß auch einiges über das Lüdenscheid vor seiner Zeit. Der heutige Rathausplatz – die ehemalige Pastorenweide – war immer schon groß. Aber seine Bedeutung bekam er 1866 mit der Errichtung des Postamtes neben dem Hotel zur Post (zuletzt Dresdner Bank). Das Postamt war das Kommunikationszentrum einer Stadt. Etwa 1890 war dann auch der Bahnhof nicht mehr weit weg davon, mit der Poststraße (heute Martin-Niemöller-Straße) als direkter Verbindung, die entlang des Platzes bis zur Knapper Straße führte. Für die Stadt zukunftsweisend war später noch eine andere Entwicklung: Die kommunale Neuordnung, die „Zwangszusammenführung von Stadt und Amt Lüdenscheid.“ Die Stadt wuchs.

So kommt das Gespräch „vom Hölzchen aufs Stöckchen“. Man merkt kaum, wie schnell eine oder zwei Stunde vorbei sind. Das Fotoatelier Huth, Vereine als Zentrum von Freitzeitaktivitäten, Gaststätten als Treffpunkt, weil die Wohnungen klein waren. Die Krönung von Königin Elisabeth als erstes Fernseherlebnis auf dem Dach des Rohbaus des Geschäftes Krause nach dem großen Brand (später SinnLeffers, heute leer). Die ersten Pommes Frites an der Kluser Straße – der erste Schnellimbiss.

Die Begeisterung und der Respekt, mit denen Wolfgang Schumacher über seine Stadt spricht, sind allgegenwärtig. Und auch einen Lieblingsort hat er – wenn die Bäume nicht wären: „Ich halte immer noch viel vom Ehrenmal.“ Als Kind tobte er oft mit anderen Kindern darauf herum. Aber das Faszinierende für ihn ist der Blick von dort über die Stadt, von der Christuskirche bis zum Nattenberg. Heute lässt sich der Blick nur noch durch kahle Äste im Winter erahnen.

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