111 Dinge (69): Caféhausatmosphäre in der Conditorei Weßling genießen

LÜDENSCHEID - Frühstücken ist Frauensache. Frühstück machen ist Männersache. Zumindest in der Conditorei Weßling an der Hochstraße. Wer sich dort mit Croissants und Rührei, mit Wiener Café (mit Vanilleeis) und der Zeitung an einen der kleinen Marmortische unterm Kronleuchter zurückzieht – vorzugsweise Damen jeden Alters, wie der Rundblick zeigt, – der nimmt sich Zeit, der genießt. Zwischen Jugendstil und jungem Stil.

Von Susanne Kornau

„Wir haben die Frühstückskompetenz“, sagt Inhaber Norman Weßling selbstbewusst. Er und sein Partner Matthias Klimmek kommen aus dem Ruhrgebiet und haben sich vor nunmehr vier Jahren für den Standort an der Hochstraße entschieden. Eine richtige Entscheidung. Der Standort hat zwar eine lange Caféhaustradition (seit 1890), aber erst unter heutiger Regie wieder eine Zukunft.

Die „Conditorei Weßling“ an der Hochstraße in der Oberstadt hat dienstags bis samstags von 9 bis 18 Uhr geöffnet, sonntags von 10 bis 17.30 Uhr. Montags ist Ruhetag. Im Café gibt es 33 Plätze, im Garten nochmals 20. Eine Bushaltestelle ist direkt vorm Haus, nahegelegene Parkplätze sind unter anderem auf dem Oberstadttunnel.

Die Zukunft ist weit weg, die Gegenwart zählt, wenn man hier sitzt. Einfach nur gedankenverloren Schokolade am Stiel in heißer Milch zur süßen Sünde rühren, den weiteren Tag planen oder eben mal nicht – im Sommer geht das am besten im Garten. Ein mit Efeu bewachsenes Steinmäuerchen trennt den Genießer vom Rest der Welt, die sich ab und an mal sehen lässt. In Gestalt eines Briefträgers, beispielsweise, der die Postkästen des Altbaus nur über den idyllischen Hinterhofzugang erreicht. Oder in Gestalt eines Besuchers, der gerade im Treppenaufgang zur Backstube steht, sich dem Zauber des Moments nicht verschließen kann und spontan ein sauerländer Kompliment in Richtung des hölzernen Gartentisches gegenüber ruft: „Sie haben aber ‘ne schöne Farbe an Ihrem Kleid!“ Die Gemeinte ist verwirrt, und sucht noch nach hausgemachten Konfitüreflecken auf dem sonnig-makellosen Beige, während das ältere Ehepaar am Nachbartisch rechts zwischen zwei Bissen ins Brötchen die Bemerkung vernehmlich ins rechte Licht rückt: „Ich wusste gar nicht, dass der S. (Name der Redaktion bekannt) so’n Charmeur ist.“ Man kennt sich hier. Spätestens nach dem Frühstück. Derweil kommt vom Erlöserkirchturm hin und wieder die klangvolle Erinnerung, dass die Zeit eben doch nicht stillsteht, auch wenn man es gerade mal glauben möchte, während die nächste Leckerei ihrer Bestimmung zugeführt wird. Ein Schlückchen Café Hoppla dazu? Espresso mit heißer Chocolade, Amarula und Sahnehaube – erstaunlich, was alles in eine kleine Tasse und einen kurzen Namen passt.

Ein paar Momente für sich haben, den Alltag jenseits der Mauer lassen, während die Botschaft diesseits auf silbernen Tellerständern an den Tisch getragen wird. Darauf: Frühstücksvarianten, die in ihrer üppigsten Form locker das Mittagessen ersetzen und elegant überleiten zum Nachmittagskaffee, gerne auch mit Schuss. Die Schweizer haben das offensichtlich kultiviert, denn nach ihnen ist die Variante „mit Obstbränden und Sahnehaube“ benannt. Entdeckerfreuden durch die Welt der Genüsse werden hier bedient, ohne dass man sich weit weg bewegen muss. Hier hat selbst die Schokolade Esprit (Rum, Amaretto oder Williams). Fruchtig geht’s dazu auf dem nächsten Teller weiter. Die Gabel sticht in Aprikosentorte mit Mohnkörnern, in Rhabarber-Erdbeer-Garnitur auf Vanillecreme. Und später vielleicht noch in etwas Deftiges, das sich schließlich genauso saftig umbacken lässt wie Süßes.

Einen Tag an die Sonne bringen kann man auch noch im beginnenden Abendlicht. Darauf einen hausgemachten Honiglikör.

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