111 Dinge (66): Einen sommerlichen Abendspaziergang durch die „Kluse“ unternehmen

Nicht nur, wenn der Fußball-Wahnsinn tobt: Der Stadtteil Kluse ist in Lüdenscheid bekannt dafür, dass südländisches Flair und entsprechende Lautstärke auf den Straßen bis in die Nacht die Geduld der Nachbarschaft strapazieren.

Sommer ist ja mehr als nur Sonne und Swimmingpool. Sommerliches Flair entsteht auch durch fremde Sprachen, ungewohnte Musik oder den Duft von Küchenexotik abseits der Bratwurst. Und einfach draußen zu sein. Und die südländische Variante der nächtlichen Ruhestörung mitzuerleben.

Herzlich willkommen also in der „Kluse“, dem Multikulti-Viertel Lüdenscheids, vielfach gescholten, oft auch zu Recht, aber auch nicht ohne den gewissen Reiz urbaner Vielfalt. „Die Kluse“ an sich existiert namentlich überhaupt nicht. Es gibt die Kluser Straße, angrenzend die Goethe-, Feld- und Wiesenstraße oder die Gersbeuler Straße. Oder den „Tinsberg“, bestehend aus Ober- und Untertinsberger Straße, dazwischen Zur Normandie – eigentlich alles „Kluse“. Und auf der anderen Seite, nördlich des Kluser Platzes, entlang der Werdohler Straße oder am Reckenstück oder an der Worthstraße, ebenso.

Multikulti in Zahlen: Laut statistischem Jahrbuch der Stadt hatte Lüdenscheid 2010 insgesamt 75 463 Einwohner. Davon werden 11 413 Bürger als Ausländer geführt. Rund 40 Prozent der Lüdenscheider sind stadtweit weder evangelischen noch katholischen Glaubens. Im Ortsteil Tinsberg/Kluse liegt der Anteil der Andersgläubigen laut Statistik bei 59,2 Prozent. Die größte Gruppe der Ausländer – neudeutsch „Bürger mit Migrationshintergrund“ – bilden in Lüdenscheid Türken mit 3163 Personen. Es folgt die Gruppe der 2854 Griechen. Drittgrößte in der Kreisstadt vertretene Nation ist Italien mit 904 Personen. Insgesamt leben Menschen aus 107 Nationen in der Stadt.

Hier haben sich vornehmlich Griechen und Türken versammelt, alte Häuser gekauft, vermieten Wohnungen, haben Lebensmittel- oder Handy-Geschäfte eröffnet, Videotheken, Bistros, griechische Kafenions, Pizzabuden, Fladenbrot-Bäckereien oder Internet-Cafés – geben wieder auf, ziehen um, renovieren, versuchen neues Krämerglück und halten das Viertel in Bewegung. Die Zahl ursprünglich einheimischer Hausbesitzer und Geschäftsleute ist gleichermaßen zurückgegangen. In Lüdenscheid wie in ähnlichen Vierteln anderer Städte auch.

Alte Männer, die auf wackeligen Stühlchen vor der Tür eines Ladenlokals sitzen und entspannt rauchend die Zeit verstreichen lassen, sehen wir genau hier. Und den schnellen Wechsel der Aromen zwischen „Döner extra scharf“, Pizza Prosciutto oder frischen Nektarinen und süßesten Datteln – den erleben wir in dieser Intensität nirgends woanders in Lüdenscheid. Dass sich Saz- und Bouzuki-Klänge oder orientalische Gesänge aus den Bars vermischen mit Motorenlärm und mitunter lauten Gesprächen, geführt von Straßenseite zu Straßenseite, mag für Lüdenscheider Ohren ungewohnt klingen. Das mag auch der Grund dafür sein, dass „die Kluse“ bei Einheimischen nicht gerade erste Wahl ist, wenn sich die Frage „Wohin gehen wir denn heute mal?“ stellt. Aber auch das ist Lüdenscheid. Und für Neugierige mehr als einen Blick wert.

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