111 Dinge (56): Einen Schnadegang des SGV mitmachen, Poahläsen inklusive

Jeder, der beim Schnadegang zum ersten Mal einen Grenzstein erreicht, wird dreimal darauf gesetzt – eine alte Tradition, mit der Bürger sich die Grenzen ihrer Gemeinde merken sollten. Nur wer das mindestens einmal erlebt hat, ist ein „Poahlbürger“.

Lüdenscheider Poahlbürger - davon gibt es einige, aber längst nicht jeder, der im Stadtgebiet lebt, darf sich automatisch auch so nennen, selbst wenn er in der Bergstadt geboren ist. Denn erst, wenn man auf wenigstens einem der Poahle gesessen hat, darf man sich auch wirklich Poahlbürger nennen.

Der Schnadegang – oder die Schnat – ist ein alter Brauch. In früheren Zeiten gingen Vertreter der Gemeinde einmal im Jahr die Gemeindegrenzen ab, um zu kontrollieren, ob die Grenzsteine noch an ihrem alten Platz waren. Damit sich Bürger den Platz der Grenzsteine einprägten, wurden Neulinge bei der Schnat mit dem Hinterteil (Äse) mindestens dreimal auf den Stein gesetzt („Poahläsen“). Auf Platt heißt der Grenzpfahl „Poahl“. 1969 hat die Lüdenscheider Abteilung des Sauerländischen Gebirgsvereins (SGV) den alten Brauch als Teilbegehung der neuen Lüdenscheider Stadtgrenzen als offenen Wandertag wiederbelebt. In vier Etappen – jedes Jahr eine – werden 54 Kilometer Stadtgrenze erwandert, „Poahläsen“ für Neulinge inklusive. „Der hinter diesen ‚Pöhlen’ lebende Bürger ist der ‚Poahlbürger’, aufrecht, standhaft und beständig wie die ihn als Grenze umgebenden, ebenso schützenden wie von ihm beschützten Pfähle (Pöhle)“, heißt es in der Urkunde des SGV.

Um das zu erreichen müssen aber erst einmal beim so genannten Schnadegang etliche Kilometer auf Schusters Rappen absolviert werden – über Stock und Stein, bei Sonne oder Regen und vor allem durch die nicht gerade ebene Landschaft des Sauerlandes. Da kennen die SGV-Mitglieder kein Erbarmen mit untrainierten Wanderern. In diesem Fall ist es ausgerechnet eine der schwersten und längsten der insgesamt vier Etappen, in die die Lüdenscheider SGV-Abteilung den Rundgang entlang der Lüdenscheider Stadtgrenzen unterteilt hat. 16 Kilometer von Ostendorf bis Dünnebrett liegen vor den Wanderern. Treffpunkt ist zunächst der Busbahnhof am Sauerfeld. Das Willkommen ist herzlich, auch für die, die neu dabei sind. Von dort geht es mit dem Bus nach Brügge, denn bis Ostendorf fährt an diesem Sonntag kein Bus. Im Nieselregen geht es los, an der Straße Am Kamp in Brügge, und gleich zügig bergan in Richtung Ostendorf. Für diejenigen, die regelmäßig mit dem SGV unterwegs sind, kein großes Problem. Aber wer das erste Mal dabei ist, bekommt bald Zweifel, ob die Idee so gut war – schließlich ist das erst der Anfang. Und es nützt auch wenig, dass man zu den jüngsten in der Truppe gehört, wenn das Training fehlt. Also lieber erstmal schweigend kämpfen, mit der Steigung, aber auch mit sich selbst.

Die Erleichterung ist groß, als die Höhen zwischen Brügge und Halver erreicht sind. Der Weg über leichtere Wellen durch Halverscheid und schließlich ins Tal hinunter zum Schalksmühler Ortsteil Strücken bietet ein bisschen Entspannung. Währenddessen lässt zunächst auch der Regen nach und die Lust an Plaudereien mit den Mitwanderern wächst. Im Strücken selbst gibt es einige Anwohner, die die Gruppe in ihrem Regenzeug und mit den Schirmen an der Hand neugierig beäugen. Was die wohl denken, möchte man gar nicht wissen. Lieber freut sich der Gast in der Gruppe über die wohlwollenden und motivierenden Kommentare der erfahrenen Wanderer. Nachdem die Volmestraße überquert ist und der nächste lange und heftige Anstieg droht, ist der richtige Zeitpunkt für eine Pause gekommen. Hinsetzen kann man sich allerdings nicht – alles ist viel zu nass. Vielleicht ist das auch besser so, wer weiß, wie schwer das Wiederaufstehen fallen würde. Getränke, Butterbrote, Obst, Gemüse – was immer die Rucksäcke hergeben, wird verzehrt.

Aber es kommt unweigerlich der Zeitpunkt, an dem Wanderführer Peter Arens zum Aufbruch mahnt. Das wird richtig heftig – durch den Wald parallel zur Klagebach hinauf auf die Heedfelder Höhen. Stetig steil bergauf geht der Weg. Dazu beginnt es erneut zu regnen. Bewundernswert ist die selbstverständliche Geduld, mit der die erfahrenen Wanderer auf Ungeübte Rücksicht nehmen. Begleiter für Schlusslichter gibt es immer und die anderen warten. Immerhin geben die trainierten Teilnehmer zu, dass das auch für sie keine leichte Strecke ist. Die meisten gehen davon aus, dass sie am nächsten Tag noch merken werden, was sie getan haben. Das beruhigt das eigene schlechte Gewissen über mangelndes Training.

Irgendwann ist es geschafft – Pferde stehen auf einer Koppel als ob sie die Wanderer nach vollbrachter Steigung begrüßen wollen und auch die Sonne lässt sich blicken – eine kleine Belohnung. Der Weg ist zwar noch längst nicht zu Ende, aber das Schlimmste liegt hinter den Wanderern. Es geht noch ein Stück weiter, bevor im Bereich Horst der entscheidende Grenzstein zwischen Lüdenscheid und Schalksmühle erreicht ist. Er wartet auf diejenigen, die zum ersten Mal die Strecke absolvieren. Jeweils zwei Wanderer nehmen die „Neuen“ zwischen sich und heben sie dreimal auf den Grenzstein. Urkunden und Abzeichen gibt es zur Belohnung für die neuen Poahlbürger. Zeit für alle, noch einmal ein bisschen zu entspannen, bevor es auf die letzte Etappe geht. Die ist zwar nicht mehr schwer, kommt aber doch ungemein lang vor. Durch Heedfeld hindurch in Richtung Drescheid, bevor schließlich der Abstieg zum Dünnebrett beginnt.

Der Abschied ist herzlich, aber kurz – endlich die lahmen Beine hochlegen, ist das einzige Ziel, das dieser Tag noch bringt. Einige warten auf den nächsten Bus, der in wenigen Minuten kommen soll – das Timing war gut – andere steigen in das zuvor abgestellte Auto.

„Willkommen im Kreise der Poahlbürger“: Das ist nicht einfach nur eine Floskel, das ist ein Titel, der hart erkämpft werden muss. Also darf man ruhig ein bisschen stolz darauf sein. Ein heißes Bad am Abend wirkt dafür auch wahre Wunder, damit der Muskelkater sich in Grenzen hält.

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