111 Dinge (55): Eine Veranstaltung auf der Waldbühne im Stadtpark besuchen

Hanna Schacherl, Ensemble-Mitglied des Theater Total, als Anna Petrowna Wojnicewa auf der Waldbühne im Stadtpark.

Eigentlich darf man das gar nicht laut sagen, aber der Besuch fängt als Ärgernis an, wenn man sich nicht wenigstens eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung auf den Weg zum Stadtpark macht.

Wenn man vielleicht sogar knapp dran ist. Bei der Park-Straße von „Nomen est omen“ zu sprechen, ist nämlich grundsätzlich verkehrt und außerhalb der Anlage des Hotel Mercure einen Stellplatz zu finden, ziemlich unmöglich. Der gute Rat also vorweg: Sind Veranstaltungen auf der Waldbühne, geht man besser zu Fuß dort hin. Und damit verbunden gleich der zweite Rat: Statt der auf Hochglanz geputzten Theater-Trittchen ist festes Schuhwerk angesagt, will man sich nicht der Gefahr aussetzen, auf der abschüssigen Wiese selbst zum Fenstertheater zu werden.

Stadtbaurat Wilhelm Finkbeiner kam im Frühjahr 1934 auf die Idee, eine (damals noch) Parkbühne zu errichten. Der zweijährigen Bauzeit folgte am 12. Juli 1936 mit William Shakespeares Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“ die Einweihung. Und schon damals wurde Regenscheid seinem Namen gerecht: Aufgrund schlechter Witterung konnten viele der dort geplanten Inszenierungen nicht stattfinden. 1938 wurde dort letztmalig gespielt und erst Anfang 2004 dem Kleinod im Stadtpark durch vieler Hände Arbeit wieder Leben eingehaucht.

Ein idyllischer Weg führt vom Mercure-Hotel aus zur Waldbühne, auf dem es im Frühsommer nach Gras riecht. Die Bühne selbst liegt am Fuß einer Wiese, für eben diese man besser auf hochhackige Schuhe verzichtet. Treue Theaterbesucher treffen spätestens am Ende dieser Wiese auf die ersten bekannten Gesichter. Das Kulturhauspersonal hat den Arbeitsplatz ins Grüne verlegt, das Kassenhäuschen ist ein blau-weiß gestreifter Pavillon, und nummerierte Sitzplätze gibt es nicht. Wer zuerst kommt, sitzt vorn. Was aber auch egal ist, man hat von überall her freie Sicht, nur die Akustik ist nicht immer die gleiche.

Wer sich auf dem asphaltierten Weg noch gewundert hat, warum die Theaterbesucher Körbe und Taschen am Arm tragen, weiß es spätestens jetzt: Zweieinhalb Stunden Freilufttheater lädieren durchaus Kreuz und Sitzmuskeln. Wohl dem, der an ein Sitzkissen gedacht hat. Alte Waldbühnen-Hasen sind allerdings nicht nur damit, sondern auch mit Wolldecke, Joghurtbecher, Bierflaschen, Bütterchen, Kartoffelchips und Sektflöten ausstaffiert. Denn Essen, Trinken und Kekskrümel sind durchaus gestattet, während man von dem Theaterensemble oder Musikern unterhalten wird. Irgendwann verschwimmt das Licht der untergehenden Sonne mit dem der Scheinwerfer, irgendwann kriecht die Kälte trotz allem in die Beine, irgendwann hilft auch das beste Sitzkissen nicht mehr. Es wird kalt im Wald. Doch dieser Zeitpunkt deckt sich in aller Regel mit dem Ende der Vorstellung. An dieser Stelle noch der dritte gut Rat: Nachts ist es im Wald nicht nur kalt, sondern auch dunkel. Eine Taschenlampe wirkt da wahre Wunder: Man findet nicht nur den Weg zurück, sondern auch das eigene Auto wieder.

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