111 Dinge (51): Einen Film beim Open-Air-Kino auf dem Rathausplatz gucken

Was wäre ein Kinoabend ohne Popcorn – in diesem Jahr soll es aber außerdem Crêpes geben.

Eine große Leinwand, zentral aufgestellt vor dem Postgebäude. Große Lautsprecherboxen daneben. Viele Reihen mit rund 400 weißen Plastikstühlen in gebührendem Abstand davor – damit auch niemand Genickstarre bekommt und alle gut sehen können.

Seit zehn Jahren organisieren das Jugendkulturbüro sowie die Kinder-und Jugendeinrichtungen der Stadt mit Hilfe von Sponsoren jährlich eine Kino-Open-Air-Veranstaltung. Mitveranstalter ist das Projektkino Filmriss aus Hagen. In diesem Jahr wird am Mittwoch, 6. Juni, auf dem Rathausplatz der Film „Vincent will meer“ gezeigt. Das Rahmenprogramm mit Hits aus den Charts beginnt um 20 Uhr. Veranstaltungsort war bereits bei der Premiere 2002 mit „Knockin‘ on Heaven‘s Door“ mit Til Schweiger der Rathausplatz. Danach folgten mehrere Vorführungen im Rosengarten. Seit 2007 steht die Kinoleinwand wieder auf dem Rathausplatz. Los geht es mit einem Rahmenprogramm. Erst mit Einbruch der Dunkelheit, also gegen 22 Uhr, wird der Film gezeigt. Der Eintritt ist frei. Zu sehen waren bislang Filme wie „Verrückt nach Mary“ (2003), die Johnny-Cash-Biographie „Walk the Line“ (2007), „Die Simpsons“ (2008), „Das Leben des Brian“ (2009). Die Vorführung von „Avatar“ fand 2010 ein jähes Ende im Unwetter. Zwar retteten sich viele Zuschauer vor dem einsetzenden Platzregen unter die Vordächer rundherum, aber kurz nach Mitternacht riss plötzlich die Stromversorgung ab. Das war das vorzeitige Ende des überlangen Films.

Einmal im Jahr gibt es in Lüdenscheid ein Open-Air-Kino, dann mutiert der Rathausplatz zum Kinosaal. Das Areal, das von Rathaus, Post und Gothaer-Haus begrenzt wird, bietet sich wegen seiner Größe, des bequemen Zugangs und der trotzdem gegebenen optischen Abgrenzung geradezu für eine solche Veranstaltung an. Denn auch wenn es eine Veranstaltung der Jugendeinrichtungen ist – letztlich ist jeder willkommen, sich das Filmerlebnis unter freiem Himmel nicht entgehen zu lassen.

Der Sommer in dem Jahr, in dem wir das Open-Air-Kino besuchten, zeichnete sich zwar nicht durch besonders hohe Temperaturen aus, aber an dem Kino-Abend blieb es immerhin trocken. Und so trudeln schon lange vor Beginn des Films die ersten potenziellen Zuschauer ein. Manche kommen ganz gezielt, um sich die „Kleinstatthelden“ anzusehen. Immerhin ist der Regisseur Marc Schaumburg ein gebürtiger Lüdenscheider und hat diesen Film fast komplett in der Bergstadt gedreht – ein Lüdenscheid-Film also, der an diesem Abend im Director‘s Cut über die Leinwand flimmert. Der Regisseur ist auch selbst anwesend und erzählt im Vorprogramm über sich und sein Werk. Es sei ein sehr persönlicher Film, sagt er, sicher auch ein wenig autobiographisch.

So etwas ist natürlich nicht die Regel – James Cameron oder Til Schweiger würden sich kaum für eine Vorführung ihrer Kassenhits nach Lüdenscheid verirren. Aber sie drehen auch keine Filme in der Bergstadt, bis jetzt zumindest nicht. In aller Regel werden für das Open-Air-Kino massentaugliche Filme für fast jedes Alter ausgesucht, die aber auch einen gewissen Anspruch erfüllen. „Klein-statthelden“ war zwar kein Kassenerfolg, aber einen Lüdenscheid-Film gibt es nicht alle Tage und allein das ist für Bergstädter schon Grund genug, ihn sich anzusehen.

Die Stühle und die Leinwand wecken die Neugier. Nicht jeder, der vorbeikommt, hat die Ankündigungen vorher mitbekommen, Manche bleiben spontan, als sie hören, dass es einen Film gibt. Andere nutzen die Gelegenheit für ein Getränk am Bierwagen. Aber viele kommen ganz gezielt, nach und nach füllen sich die Reihen, manchmal mit ganzen Familien mit Kindern, Eltern und Großeltern. Wer schlau ist, hat für den recht kühlen Sommerabend vorgesorgt und eine Decke mitgebracht oder zumindest an warme Kleidung gedacht. Inzwischen wird auch die Popcorn-Maschine angeheizt. Ein Film ohne eine Tüte voll mit aufgepoptem Mais ist eben kein wirkliches Kino-Erlebnis.

Nach und nach senkt sich die Dunkelheit über den Platz, so dass es schließlich heißt „Film ab“. Es entsteht eine interessante Atmosphäre irgendwo zwischen der Konzentration in einem Kinosaal und der Stimmung eines belebten Platzes. Es ist durchaus möglich, sich ungestört zu fühlen, um sich auf den Film zu konzentrieren. Wer sich aber zwischendurch ablenken lässt, sieht Menschen vorbeikommen, die stehenbleiben, auf die Leinwand sehen und nach ein paar Minuten entweder weitergehen oder sich einen Platz suchen. Die eindeutig erkennbaren Orte in Lüdenscheid, wie das Ehrenmal oder der inzwischen abgerissene Bahnhof, faszinieren viele Zuschauer. Von denen, die von Anfang an dabei sind, haben nicht alle die Geduld, bis zum Ende zu bleiben. Vielleicht ist einigen zu kalt, vielleicht mögen einige die abgehackte Erzählweise des Episodenfilms nicht. Wieder andere stehen auf und gehen zwischendurch etwas trinken oder holen Popcorn. Wenn der Platz hinterher besetzt ist, setzt man sich woanders hin. Im Open-Air-Kino gelten eben andere Regeln. Da ist es auch die Atmosphäre, die zählt, und nicht nur der Film.

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