111 Dinge (49): Eine Pause an den Lüdenscheider Autobahnraststätten einlegen

Stammkunden und Durchreisende schätzen zu früher Stunde die Spiegel- oder Rühreier von Bettina Schütt.

Transferleistungen von West nach Ost sind seit Jahren ein heikles Thema und beschäftigen schon die Gerichte. Schließlich geht es um viel Geld. Umgekehrt klappt das seit noch mehr Jahren geradezu reibungslos. Dabei geht es um Kulinarisches.

24 Stunden haben die Raststätten Sauerland-Ost und -West an der A 45 geöffnet. Beide Betriebe gehören zu Tank & Rast, die ein privater Pächter betreibt. Dazu gehören auch die beiden Raststätten Rölvedermühle und Kaltenborn. Sauerland-West liegt in Fahrtrichtung Frankfurt, Ost in Richtung Norden. 62 000 Autos waren täglich im Jahr 2005 auf der Sauerlandlinie unterwegs, knapp 77 000 werden es im Jahr 2025 sein. Noch deutlicher nimmt der Lkw-Verkehr zu – von 14 200 auf 22 500 im genannten Zeitraum. Entsprechend voll ist es an Feiertagen und an Wochenenden auf den Parkplätzen.

Im ersten Fall handelt es sich um milliardenschwere Solidarbeiträge von Ländern und Kommunen, im zweiten um Mahlzeiten zwischen den Sauerland-Raststätten vis-à-vis an der A 45 in unmittelbarer Nähe der Anschlussstelle Lüdenscheid-Mitte. Hier funktioniert der Ost-West-Dialog reibungslos. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Deshalb gibt es auch die regionalen Besonderheiten, die Kochprofis entzweien, wenn es um die Frage geht: „Was macht eine echte Currywurst aus?“ Für Sauerland-Ost-Chefkoch Jarek Wronski steht unmissverständlich fest: „Mit kalter Sauce geht das gar nicht.“ Das brächten zwar Berliner fertig und würden dafür auch noch medial mit Kanzler-Konterfei gepriesen, aber hierzulande sei eines der Lieblingsgerichte eben nur mit warmer Tunke genießbar. Überhaupt gebe es an Raststätten für die eiligen Reisenden die klassischen Gerichte: neben Currywurst auch Schnitzel, Frikadellen und natürlich Pommes.

Das aber ist für den erfahrenen Koch mit mehr als 20-jähriger Erfahrung längst nicht die gesamte Bandbreite des Angebots. So kamen zur Fußball-WM in Deutschland auch regionale Spezialitäten auf die Speisekarte. Das hat er bis heute so fortgesetzt, wenngleich die Gäste aus dem Ausland mitunter etwas irritiert vor der Auslage stehen. „Wie soll man einem Niederländer die Vorzüge von Grünkohl erklären?“ Das ist nicht sein einziges Problem. „Hier ist es schon viel stressiger als in der Hotelbranche.“ Wenn beispielsweise eine ganze Buskarawane anrollt. „Die Schlauen unter den Reiseveranstaltern melden sich frühzeitig telefonisch an.“ Aber egal ob Familien in Richtung See fahren oder Seniorengruppen zur Landpartie: „Alles muss frisch sein, von der Suppe bis zum Salatbüfett.“

Gegenüber, im sauerländischen Westen, hat Bettina Schütt um 7 Uhr morgens ihre ersten Gäste versorgt – mit Kaffee, Rühreiern, Brötchen und natürlich der Tageszeitung. Seit fünf Jahren lebt sie in Lüdenscheid, seit einem Jahr versorgt sie die Gäste im Westen. Die warmen Suppen zum Beispiel kommen als Transferleistung aus dem Osten – nicht über die Autobahn, sondern auf speziellen Zuwegen – die Versorger wie Rettungsfahrzeuge benutzen. Um 6 Uhr hat an diesem Morgen ihre Schicht begonnen, und es ist „klasse“. Das auch dann, wenn mit der einen Hand der Speck in der Pfanne gewendet und mit der anderen Hand telefoniert wird, weil eine Warenlieferung nicht komplett war. Davon merkt ihr Stammgast an diesem wie auch an jedem anderen Morgen nichts. Er lässt sich seine Rühreier ungerührt schmecken – berührt allenfalls bei der Zeitungslektüre. Stammgäste gibt es hüben wie drüben, ob beim Frühstück oder bei Kaffee und Kuchen.

Die Iserlohner Reisegruppe, auf dem Weg ins Kleinwalsertal, merkt von dieser Hektik hinter der Theke nichts – auf den Tischen stehen Kaffee, Cappuccino und Tee. Die Truppe ist entspannt. Das gilt hier auch für nicht wenige Geschäftsreisende. Die können sich etwas abseits in einem Raum im Stil der 50er- Jahre über Bilanzen und Kooperationsmodelle unterhalten. Unbeobachtet geht das allerdings nicht: Von den Wänden schauen Elvis, Humphrey Bogart, Marilyn Monroe und James Dean zu. „Gestört hat diese illustre Gruppe bislang niemanden“, lacht Bettina Schütt.

Apropos gestört: An unangenehme Zwischenfälle kann sich Jarek Wronski nicht erinnern. „Auch wenn BVB- und Schalke-Busse hier Station machen, bleibt es friedlich.“ Ruhig, aber wesentlich voller war es in den Anfangsjahren der Raststätte. Damals war sie ein beliebter Treffpunkt von jungen Autofahrern. „Da saßen viele auf Treppen und Fensterbänken, weil kein Stuhl mehr frei war.“ Einziger Nachteil beider Raststätten: Die Restaurants sind nur über Treppen zu erreichen und sind nicht barrierefrei. Dariusz Korowski stört das nicht: Der 30-jährige Trucker-Fahrer fährt regelmäßig West und Ost auf seinen Touren von Nord nach Süd an: „Die Dusche gibt’s umsonst, der Parkplatz ist kostenfrei. Hier ist alles okay.“

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