111 Dinge (46): Mit Matthias Wagner über die Ge-Denk-Zellen sprechen

Matthias Wagner vor der Tafel, die an die Verfolgung des Friseurs Hermann Massalsky erinnert.

„Ich mache die Tür schon wieder auf“, sagt Matthias Wagner. Es ist ein sonniger Vormittag auf der Wilhelmstraße. Als die schwere Tür ins Schloss fällt, wird es dunkel in der Zelle, die im Alten Rathaus lange als Zelle für Häftlinge gedient hat und nun eine „Ge-Denk-Zelle“ geworden ist.

Nur ein ganz kleines bisschen Licht schimmert noch durch die Lüftungsschlitze. Die Situation ist beklemmend, selbst für wenige Sekunden. So also sind Menschen festgehalten worden. So mancher Gauner (was die Umstände nicht besser macht), aber auch solche, die nichts verbrochen hatten. Juden, Kommunisten, Andersdenkende. Ein unwirtlicher Ort, kalt und trostlos. Eine abscheuliche Vorstellung.

Am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, sollen die Ge-Denk-Zellen im Alten Rathaus an der Wilhelmstraße offiziell eröffnet werden und danach immer mittwochs für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Bis dahin soll auch noch die letzte Gedenktafel erstellt werden, für die die Verantwortlichen derzeit noch auf die Freigabe von alten Akten warten. Betrieben werden die Ge-Denk-Zellen vom Verein „Ge-Denk-Zellen Altes Rathaus Lüdenscheid e.V.“. Zum Vorstand des Vereins zählen Matthias Wagner (Vorsitzender), Hella Goldbach (stellvertretende Vorsitzende), Dieter Hohaus (Schatzmeister) und Eckhard Heide (Schriftführer). Der Verein hat auch eine eigene Internet-Präsenz unter der Adresse: www.ge-denk-zellen-altes-rathaus.de

Ab Herbst wird die Öffentlichkeit die Möglichkeit haben, diese Erfahrung für den Moment zu machen. In den Ge-Denk-Zellen informieren Tafeln über die Opfer des Nazi-Regimes in Lüdenscheid – über den Friseur Hermann Massalsky zum Beispiel, der verfolgt wurde, weil er Kommunist war. Oder über die christlich-jüdische Familie Klütter. Sieben Jahre nach der Idee, einen Ort „des Gedenkens, der Information und des Lernens“ zu erschaffen. Matthias Wagner hat die Tür wieder aufgesperrt. Nun sitzt er da und erzählt. Der Historiker und Pädagoge ist der Vorsitzende des Ge-Denk-Zellen-Vereins. Wagner ist einer, der im Gespräch das Gedenken wach hält. Eine lebendige Zelle des Gedenkens. Die Opfer des Nazi-Regimes in Lüdenscheid – das ist für den Katholiken aus Köln in seiner neuen Heimat zu seinem Thema geworden.

„Eigentlich“, sagt Wagner, „waren meine Themen Nord/Süd, Hunger in der Welt, Ungerechtigkeit.“ Wagner war als junger Mann einer von zwei Amnesty-International-Sprechern für den großen Bezirk Köln gewesen. Als er 1975 von einer Gesamtschule in Leverkusen der Liebe wegen nach Lüdenscheid kam und als Lehrer ans Bergstadt-Gymnasium wechselte, engagierte er sich im Eine-Welt-Laden. „Auf das Thema Stadtgeschichte haben mich erst die Schüler am BGL gebracht“, sagt Wagner, „’gab es auch jüdische Bürger in Lüdenscheid?’, haben sie gefragt.“ Wagner wusste es nicht. Er und seine Schüler fragten nach, fanden aber nichts. Also forschten sie weiter – und wurden fündig.

Wagner erzählt von seinem Buch über Zwangsarbeiter in Hunswinkel und darüber, wie sich über die Ausstellung „Lockung und Widerstand“ geärgert hat. „Die schlimmen Menschenrechtsverstöße kamen da gar nicht vor. Holocaust, Diskriminierung, Euthanasie – die Zeit des Nationalsozialismus kam aus meiner Sicht sehr positiv weg“, erinnert er sich, „ich hielt das für unangemessen, weil mir immer mehr Opfer der Zeit bekannt wurden.“ Es ist spannend, dem 66-Jährigen zuzuhören. Die Geschichte, die er erzählt, ist nicht nur die schlimme Nazi-Geschichte – es ist auch die Geschichte des Umgangs mit dieser Vergangenheit.

Der Wert der Kritik als Chance der Demokratie

Nach einer Exkursion der christlich-jüdischen Gesellschaft 2003 in Köln entstand der Gedanke, ein Gedenkbuch für die Opfer der Nazizeit zu erstellen. Neben 1900 Soldaten benannten Wagner und Mitstreiter 1000 weitere Opfer – Zwangsarbeiter, ausländische Soldaten, Juden, Kommunisten. Das Buch erschien 2005. „Parallel war uns bekannt geworden, dass die Polizei als staatliches Organ die Verfolgung ausführen musste“, berichtet Wagner. Die Polizei war im Dritten Reich im Alten Rathaus angesiedelt, das Polizeigefängnis im Keller des Hauses. So entstand 2005 die Idee, die Zellen, die heute direkt neben dem Eine-Welt-Laden liegen, zum Ort des Gedenkens zu machen.

„Als Menschen haben wir den Auftrag, es auf diesem Planeten ein bisschen menschenwürdiger zu machen“, sagt Wagner und es klingt ein bisschen nach Predigt, „das gibt einem Kraft und Motivation, nicht aufzugeben – auch bei den Ge-Denk-Zellen.“ Zellen, die auch auf Widerstand trafen. Die Nicht-Befürworter der Idee trugen in der Stadt u.a. das „C“ im Parteinamen – obwohl CDU-Galionsfigur Jürgen Dietrich die Arbeit der Initiatioren von Beginn an unterstützt hatte, versagte die Partei dem Ansinnen seine Zustimmung.

Matthias Wagner geht heute sehr diplomatisch mit diesem Gegenwind um, weiß ihn sogar für seine Idee positiv zu bewerten. „Der Wert der Kritik des Widerstands und der Abwehr besteht ja darin, dass man in dieser Situation miteinander spricht“, sagt er, wenn er auf die CDU angesprochen wird, „im Sprechen gewinnt man Verständnis für einander. Indem man miteinander spricht, stellt man auf einmal fest, warum der andere so anders denkt als man selbst. Das ist ein ganz wichtiger Lernprozess und die Riesenchance der Demokratie.“ Wagner ergänzt: „Heute verstehe ich die Menschen, die sich abwehrend verhielten, viel besser. Auf der Gegenseite ist es nicht anders. Ich habe viel dazu gelernt. Es war ein mühseliger Prozess, aber er hat dazu geführt, dass wir ehrlicher miteinander umgehen und selbstkritischer geworden sind in der Stadt.“

Selbstkritisch sein, aber auch hellwach sein gegenüber denen, die aus der Vergangenheit nichts gelernt haben. Das will der Verein, dem Wagner vorsteht. „Wir sollen aufmerksam werden gegenüber den Gruppen, die damals wie heute benachteiligt werden. Menschen mit anderer politischer Meinung“, sagt Wagner und führt mit Leidenschaft aus, „es geht um die demokratische Umgangsform, auch um Respekt gegenüber Menschen mit Behinderungen. Und es geht darum, dem Antisemitismus und dem gewalttätigen Denken und Handeln auf dem rechten Flügel der Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Zu zeigen, dass man, wenn man sich radikalisiert, das Zusammenleben der Menschen zerstört. Gewalt führt zu immer mehr Opfern auf beiden Seiten – das ist kein menschlicher Weg in die Zukunft.“ Den aber wünscht sich Wagner. Er wünscht sich eine Kultur des Hinsehens und Teilnehmens statt einer Kultur des Wegsehens und der Teilnahmslosigkeit. Deshalb wird er weiter mahnen und gerne von dieser Geschichte erzählen – ab Dezember in den Ge-Denk-Zellen im Alten Rathaus jedem, der sich dafür interessiert.

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