111 Dinge (45): Eine geführte Turmbesteigung in der Erlöserkirche mitmachen

Wolfgang Veese ist einer von drei Ehrenamtlichen, die die Führungen auf den Turm anbieten. Das voll funktionsfähige historische Uhrwerk aus dem Jahr 1877 ist eine besondere Attraktion.

Der Turm der Erlöserkirche ist weder besonders hoch noch architektonisch auffällig. Dennoch ist er ein Wahrzeichen der Stadt, dessen monumentaler Charakter sich erst so richtig offenbart, wenn man ihn von innen sieht.

In den Monaten April bis Oktober ist die Erlöserkirche jeweils samstags von 11 bis 13 Uhr für Besucher geöffnet. Ein Team aus ehrenamtlichen Helfern ermöglicht diese Termine. Dabei besteht zum einen die Möglichkeit, einen Moment an einem Ort der Stille innezuhalten. Zum anderen gibt es aber auch – für diejenigen, die sich dafür interessieren – von den Gemeindemitgliedern Informationen über die älteste Kirche Lüdenscheids und ihre Ausstattung. An jedem ersten Samstag im Monat besteht außerdem die Gelegenheit, in Begleitung von Wolfgang Veese, Günter Rövenstrunk oder Sieglinde Binder auf den Turm zu steigen.

Mehr als zwei Meter dick sind die Bruchsteinmauern des Bauwerks, das sowohl als Kirchturm als auch als Wehrturm und Rüstkammer gebaut wurde – vor rund 1000 Jahren. Er ist eines der ältesten und bedeutendsten Bauwerke im Märkischen Sauerland. Die barocke Spitze kam 1785 hinzu.

Der Weg hinauf ist für einen Kirchturm nicht weit. Allerdings wird man mangels Fenster auch nicht mit einem Ausblick belohnt. Ein besonderes Erlebnis ist der Aufstieg dennoch. Von der Empore der Kirche führt eine Tür zum schmalen, leicht gewendelten Treppenaufstieg des Turmes. Es sind nur wenige Stufen bis zur nächsten Ebene, aber festes Schuhwerk ist auf dem unebenen Grund ratsam. Dort angekommen, offenbart sich der Wehrturm: Neben der Treppe gibt es eine schmale Luke in der Wand, durch die Angreifer, die nur einzeln die Treppe erklimmen konnten, bei Bedarf, beispielsweise mit einem Speer, leicht hätten abgewehrt werden können. Ob das je notwendig war, ist nicht bekannt.

Wer seinen Blick schweifen lässt, sieht, wie dick die Bruchsteinmauern sind. An einer Luke schimmert das Kirchenfenster der später vorgebauten Wand hindurch. Die etwa 180 Anker, die von außen wie ein Gestaltungsmerkmal am weißen Turm wirken, haben Gegenstücke im Innern. Sie sind dazu da, die Mauern gegen Schwankungen zu sichern. Ein großer Holzschrank dominiert die erste Ebene. Er verbirgt ein filigranes Gebilde aus bronzenen Zahnrädern – das mechanische Uhrwerk der Kirchturmuhr aus dem Jahr 1877. So zuverlässig wie eine Funkuhr ist es allerdings nicht: Im Winter geht die Uhr wenige Minuten nach. Im Sommer reguliert sich das wieder, weiß Wolfgang Veese. Wer sich durch den zweiten schmalen Treppenaufgang bewegt, nähert sich dem Kirchengeläut. Eine Holzstiege, nicht viel mehr als eine Leiter, ermöglicht den finalen Aufstieg – Kopf einziehen heißt es wegen der Balkenkonstruktion, die die fünf Glocken trägt. Das Geläut wurde 2000 erneuert und mit einem Holzglockenstuhl versehen. „Holz verzieht sich nicht bei Temperaturschwankungen“, erklärt Günter Rövenstrunk. Solche Schwankungen können den klang der Glocken verändern. Fünf sind es, deren Klänge über Schallluken – die einzige Öffnung des Turms – nach draußen dringen. Die große Festtagsglocke, die nur zu besonderen Anlässen und Feiertagen erklingt, wiegt rund 200 Kilogramm und hat einen Durchmesser von 1,49 Metern. Hin und wieder erlauben sich die Turmführer, ihr durch das Anschlagen mit dem schweren Schlegel einen Ton zu entlocken.

Je nachdem, wer bei der Turmbesteigung dabei ist, gibt es auch mal Kindheitsanekdoten aus der Altstadt zu hören. Denn der Weg auf den Kirchturm ist bei Lüdenscheidern genauso beliebt wie bei Touristen, von denen die meisten aus Belgien und den Niederlanden kommen.

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