111 Dinge (43): Das Sonnenaufgang-Turnier im Golfclub Gelstern mitspielen

Gut gelaunt um 6.23 Uhr: Der erste Flight beim Sonnenaufgang-Turnier des GC Gelstern 2011.

Es ist früh. Sehr früh sogar. So früh, dass der Mensch im Allgemeinen eher mürrisch ist, wenn er um diese Zeit nicht mehr schlafend sein Bett bewachen darf. Zumal an einem Feiertag wie Fronleichnam. Die Uhr zeigt gerade 6 Uhr.

Es ist der Tag des Sonnenaufgang-Turniers in Gelstern. Irgendwo zwischen Lüdenscheid und Schalksmühle haben 28 Golferinnen und Golfer ihr Schlafzimmer eingetauscht gegen die kurz geschnittenen Grüns der 18-Loch-Anlage.

Der Golfplatz des GC Gelstern ist 84 Hektar groß und befindet sich auf der Grenze zwischen Schalksmühle und Lüdenscheid im Norden der Bergstadt. Die 18-Loch-Runde ist für die Herren auf dem Idealweg 5747 Meter lang – meist indes werden weit mehr Meter gemacht. Für die Damen ist jede Bahn etwas kürzer ausgelegt, so dass für sie die offizielle Platzlänge bei 5131 Metern liegt. Die sehr bergige und deshalb durchaus schwierige Anlage ist ein „Par 71“-Platz. Neben den 18 Löchern auf der normalen Runde gibt es noch einen Kurzplatz mit vier Löchern, der sich für Einsteiger im Golfsport bestens eignet.

Am „Tee 1“ – dem Abschlag der ersten Bahn – stehen in diesem Moment vier Golfer. Sie sind nicht mürrisch. Ihre Laune ist gut, es ist bereits ihre zweite Bahn an diesem Tag. „Natürlich ist das ein ganz besonderes Turnier“, sagt Daniel Maiworm. Er ist Spielführer des Golfclubs Gelstern. „Natürlich spielt man da mit. Auch wenn es früh ist.“

Maiworm ist Vertreter einer durchaus nicht unproblematischen Zielgruppen-Schnittmenge. Am Abend vor Fronleichnam findet ein paar Kilometer weiter Richtung Bergstadt das Booster-Open-Air-Konzert statt, das Scharen von Party-Gästen anlockt. Da wird Musik gehört, gefeiert und Bier getrunken. Nach so einem Abend schläft man gerne aus. „Ja, da war ich auch gestern“, gibt Maiworm zu. Für ihn aber ist das kein Grund, nicht auf die Runde zu gehen. Diese Runde gibt es ja nur an diesem Tag. Es ist eine etwas andere Runde.

Wenn Maiworm nicht redet und seine Flight-Kollegen nicht gerade einen Ball mit Holz 3 durch die Luft in Richtung Grün katapultieren, dann fällt dem Betrachter auf, was das Besondere ist: die totale Stille. Klubmanagerin Svenja Reinhold-Barnes sagt: „Es ist dieses Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur. Das macht die ganz besondere Atmosphäre aus.“

Um 5.30 Uhr starten die sieben Flights an diesem Tag von sieben verschiedenen Löchern aus auf die Runde. Es ist ein „Kanonenstart“, wie es Golfer nennen, wenn parallel an mehreren Löchern gestartet wird – aber kein Kanonenstart, der die Nachbarn in Heedfeld aus dem Schlaf aufschrecken lässt. Dafür ist es zu früh. Ein Blick auf die Uhr reicht, um zu wissen, wann es losgeht.

Auf dem Rasen liegt noch der Morgentau, als Maiworm und seine Flight-Kollegen abschlagen. Es ist ein außergewöhnliches Bild – in den Rasen zeichnet sich eine Spur. Es ist die Spur des vorherigen Flights. Die Spur der Trolleys, in denen die vier Spieler, die jetzt schon irgendwo anders auf dem Platz herumlaufen, ihre Schläger über die Anlage ziehen. Auch die Bahn des Balles nach dem Aufprall zeichnet sich auf dem Rasen ab. „Das hat man nur um diese Zeit“, sagt Svenja Reinhold-Barnes, „man sieht jeden Fußtritt, spielt auf Nebelschwaden zu. Manchmal taucht am Rande des Waldes ein Tier auf. Diese Eindrücke einer völlig unberührten Natur gibt es sonst nicht so extrem. Die hat man nur um diese Zeit. Eine größere Entspanntheit beim Golf gibt es nicht, deshalb spielen ja manche Golfer auch von Zeit zu Zeit alleine um 6 Uhr eine Runde.

Diese Atmosphäre als Turnier- und Gruppenerlebnis am Ende einer der kürzesten Nächte des Jahres gibt es beim GC Gelstern nur am Fronleichnamstag. Wenn davon die Rede ist, dass die Flights um 5.30 Uhr starten, vergisst man gerne, dass vor der Runde auch noch das Einschlagen wartet. Ab 4.30 Uhr tummeln sich die Aktiven rund ums Klubhaus, schlagen ein paar Bälle, putten und bewegen sich dann müde, aber in froher Erwartungshaltung auf ihren Startpunkt zu.

Das Ziel ist für alle Akteure dasselbe: das Klubhaus. Da wartet gegen 10 Uhr nach getaner „Arbeit“ ein reichhaltiges Frühstück auf die Frühaufsteher. Und die Siegerehrung natürlich, denn das Sonnenaufgang-Turnier ist kein reiner Spaß, nicht nur ein Naturerlebnis der besonderen Art. Es geht auch knallhart ums Handicap. Das Turnier ist vorgabewirksam. An diesem Tag spielt Daniel Maiworm die beste Runde, gefolgt von vier anderen Spielern der ersten Klubmannschaft. Zwei der 28 Golfer verbessern ihr Handicap. Und für 18 der 28 Sonnenaufgang-Turnier-Spieler ist der Golftag mit dem Brunch noch nicht beendet. Im Gegenteil. Sie gehen die im Idealfall knapp sechs Kilometer lange Runde direkt noch einmal. Mit den Spätaufstehern, der zum Brunch dazu kommen und sich von der ersten Runde berichten lassen. Der Tag des Sonnenauf-Turniers ist in Gelstern immer auch ein sehr langer Golftag.

Diesmal macht er den Aktiven besonders viel Spaß, denn das Wetter ist viel besser als es nach den Vorhersagen zu erwarten gewesen war. Es soll vorgekommen sein, dass sich die Sonne beim Sonnenaufgang-Turnier einfach hat entschuldigen lassen und stattdessen Regen und dunkle Wolken übers Sauerland geschickt hat. Das sind Tage gewesen gewesen, an die sich die Golferinnen und Golfer in Gelstern nicht so gerne zurückerinnern – das Erlebnis der puren Natur macht eben am meisten Spaß, wenn das Wetter mitspielt. Genau genommen, sind es an diesem Tag also nicht 28, sondern 29 Starter in Gelstern gewesen.

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