111 Dinge (42): Mit dem Fahrrad von Othlinghausen durch die Innenstadt bis Bierbaum

Fahrradfahren auf der Knapper Straße kann Spaß machen, solange kein Auto kommt. In der Gegenrichtung müssen Radler laufen.

Wer mit dem Fahrrad durch Lüdenscheid fahren möchte, muss Mut haben, dem möglichen Tod im Straßenverkehr jederzeit ins Auge sehen und zur Abmilderung von Unfallfolgen einen Helm tragen. Kurz:

Das Fahrradfahren leidet in Lüdenscheid unter der Topographie mit relativ großen Höhenunterschieden, der oft chaotischen Verkehrsführung und dem Desinteresse an akzeptablen Fahrradrouten. Die Aussichten, dass sich daran etwas ändert, sind gering, weil die wenigen Fahrradfahrer keine ernstzunehmende Wählergruppe sind. Neue Hoffnung für eine Fortentwicklung des Radwegenetzes nähren Elektrofahrräder, die dem schnaufenden Radler über den Berg helfen. Immerhin scheint auch das Rathaus diese Entwicklung zu beobachten. Die Chancen für einen Ausbau sicherer Strecken für Radler sind dennoch gering.

Lüdenscheid ist eine der fahrradunfreundlichsten Städte in Nordrhein-Westfalen. Das liegt nur zum Teil an der Topographie, aber die ist solchem Vergnügen tatsächlich nicht günstig: Menschen und also auch die Lüdenscheider meiden den Anstieg und damit in der Regel auch die Fortbewegung auf dem Drahtesel, wenn die Schöpfung den Parcours nicht anständig planiert hat. Wo es aber kaum Fahrradfahrer gibt, sinkt die Bereitschaft von Verwaltungen, über deren Pisten nachzudenken, gegen Null. Es gibt Ausnahmen: Vom schönen Dörfchen Othlinghausen geht ein respektabler Fahrradweg etwa einen Kilometer in Richtung Stadt. Gerne regt sich dort schon mal ein Fußgänger auf, weil er den Weg für sein persönliches Eigentum hält. Wer sich über normale Straßen weiter bis zur Heedfelder Straße vorangekämpft hat, stößt dort stadteinwärts immer mal wieder auf Fragmente eines Fahrradweges. Weiterhin gilt: Obacht auf die Fußgänger. Sie rechnen nicht mit Fahrradfahrern. Genausowenig wie Auto- oder Busfahrer.

Haarig wird es dort, wo sich die Drahteseltreter entscheiden müssen, ob sie den Fahrweg mit Bussen oder Fußgängern teilen wollen. Die dort anzutreffenden Konkurrenten sind natürlich immer der Meinung, das Fahrrad gehöre auf die andere Spur. Spätestens an der Christuskirche ist endgültig Schluss mit lustig: Der Fußweg ist zu eng, die Busspur für Fahrräder nicht mehr zugelassen, und plötzlich zurückgeworfen zu sein auf die Straße, ernüchtert den größten Fahrradenthusiasten. Wer hier auf zwei Rädern weiterhin zügig vorankommen möchte, muss das Äußerste wagen, und er wird belohnt mit den Parkplatzsuchern auf der Knapper Straße, die einem zügigen Weiterkommen öfters entgegensteuern. In anderer Richtung ist die Knapper Straße für Fahrradfahrer tabu – Einbahnstraßen, die nur für Fahrräder in beiden Richtungen befahrbar sind, sind in Lüdenscheid weitgehend unbekannt. Dafür bietet der Rathausplatz unendliche Weiten und ein striktes Fahrradfahrverbot. Wer hier eingedenk des üppigen Platzangebotes dennoch radelt, muss mit Pöbeleien von Fußgängern rechnen – auch wenn diese meterweit entfernt sind. Denn Ordnung muss sein. Nur noch zu Fuß ist die Wilhelmstraße zu bewältigen. Fahrradfahrer sind ja bekanntlich rücksichtsvolle Menschen – außer in Münster.

Über den netten Staberg geht es zum Bräuckenkreuz und auf die Herscheider Landstraße. Wer hier überleben will, sollte den Fußweg befahren oder über die Schlachthausstraße ausweichen. Jenseits des Abzweigs nach Hellersen beginnt die große Freiheit auf dem Weg nach Herscheid: Lüdenscheids größter und kürzester Fahrradweg ist eine außer Dienst gestellte Autospur, und die asphaltierte Fläche würde ausreichen, um – gefühlt – einen Fahrradweg durch die Innenstadt zu legen. Doch solchen Luxus wird es in Lüdenscheid nie geben.

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