111 Dinge (26): Längs der Gründerzeithäuser auf Fassadentour gehen

Es kreucht und fleucht, blüht und gedeiht, prunkt und protzt auf Lüdenscheids lebendigen Fassaden.

Der Blick fällt aus der Beletage auf das Treiben darunter. Nur selten trifft er sich mit dem eines Passanten.

Mitunter scheint ein Lächeln die versteinerten Gesichtszüge aufzuhellen, so, als schmunzele der stille Beobachter über die Unentwegten, die seit hundert, zweihundert Jahren mit unbekanntem Ziel um die nächste Ecke verschwinden. Was haben sie nicht schon alles kommen und gehen sehen, die Stuckköpfe an Lüdenscheids Gründerzeitfassaden. Gerahmt von Ranken und Früchten, gestützt von Säulen und Schnecken, markiert durch Rundbögen und Rosetten hat über den Köpfen der Passanten in der Wilhelmstraße und drumherum die Lust unserer Urgroßväter am Ornament überlebt. Mitunter nur, um hinter vorgehängten Reklametafeln ein Dasein im Dunkeln zu fristen. Erst langsam kommt – Altstadtsatzung sei Dank – Aufbruchstimmung auf. Mit Gefühl für Farbe und Form, mit Licht und Liebe zum nun oft denkmalgeschützten Detail, haben die Überlebenskünstler mit Charakter der glattgeputzten Makellosigkeit der Moderne einiges entgegenzusetzen.

Altstadtführungen

Wer nicht auf eigene Faust losziehen möchte, kann eine Altstadtführung mitmachen (ohne Voranmeldung, Treffpunkt: Rathauseingang am Rathausplatz). Die gibt’s wieder zwischen April und Oktober an jedem ersten Donnerstag im Monat (17 Uhr) und an jedem dritten Sonntag im Monat (11.15 Uhr). Kosten: drei Euro pro Person, Kinder bis zwölf Jahre frei. Sonderführungen (auch fremdsprachig) vermittelt das Bürgeramt, Tel. 02 35 1/ 17 16 42; E-Mail: tourist-info@luedenscheid.de

Noch vor nicht allzu langer Zeit ging es Stuckfassaden an die Substanz. „Alter Zierrat paßt nicht mehr in unsere Jahre“ titelten die Lüdenscheider Nachrichten 1962. Die „Bauwerke“ fielen in Ungnade, ihre verzierten Fronten und Giebel wurden entrümpelt. „Der Ästhetik zum Lobe“ bliesen die Verfechter „ehrlicher“ Häuserfronten zum Generalangriff aufs Dekor, auf „Bahnhofsgotik“ und „Büro-Renaissance“. Der „beinahe barbarische Stil der Stillosigkeiten“, bei dem wahllos „Rosengirlanden an Dampfwalzen geklebt“ worden seien, wollte nicht mehr passen. Rolf Kürby formuliert es wohlwollender, wenn er Besucher herumführt. „Aus allen Bereichen zusammengeklaubt“ definiert der Stadtführer den Fassadenstil. Wenn die Blicke seinem Zeigefinger nach oben folgen, über die prachtvolle Beletage in Richtung der kleineren Dienstbotenfenster unterm Dach, dann bleiben sie hängen an preußischen Adlern und Hansekoggen, Muscheln und Wappen, Weinlaub und güldenen Kastanienblättern, Widderköpfen und Mähnenlöwen, Akanthus-Kapitellen und Zahnfriesen.

Haus Hulda ist ein Beispiel, an dem Kürby gerne erklärt, was alles „Neo“ ist – hier ist’s der Neo-Klassizismus, dessen römische Kriegerköpfe aus der ersten Etage aufs Fußvolk blicken. Korinthische Säulen, Giebelformen und Gesimse stellen sich vor und geben einen Eindruck von der Vielfalt, die sich ein paar Meter über dem Filialisten-Einerlei auftut. Von wohl sieben Sonnenuhren weiß er zu berichten und fordert Schöne-Stunden-Sucher heraus. Er erklärt den „Bauunternehmer-Barock“, wonach nicht nur der Architekt dem Zeitgeist Gestalt gab. Jugendstil-Schönheiten lassen ihr lockiges Haar auf modisch zart getönten Fassaden bändigen und Hygieia, die Göttin der Gesundheit, adelt heute das Beate-Uhse-Angebot. Wahre Klassiker sind zeitlos.

Gegenüber der Erlöserkirche zitiert ein Prunkstück den Reichtum seines Erbauers, der Stukkateure aus dem Vollen der Kunst- und Stilgeschichte schöpfen ließ. „Man zeigte, was man hatte“, wirbt Kürby um Verständnis für die verschwenderische Fülle, unter der manche Fassade fast zu kippen droht. Hier ein Balkönchen im Neo-Barock, dort eine Palazzo-Prise italienischer Renaissance und über allem schweben Engel. Stadtauf, stadtab. „Ein bisschen angekitscht aus heutiger Sicht, aber damals baute man so“, sagt der Stadtführer, der 1980, als das Denkmalschutzgesetz kam, im Kulturamt Dienst tat und die neue Wertschätzung des Alten erlebte. Fassaden, die bis dato Hammer und Meißel, Wetter und Verwitterung sowie die „Bügelattacken“ der Stilpuristen überlebt hatten, erblühten zu neuem Selbstbewusstsein, legten Farbe auf. Kein Grund mehr, die Augen zu senken

 

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare