111 Dinge (22): Als Verkäuferin beim Secondhand-Modemarkt der LN mitmachen

Ute Hein (l.) ist selbst mit einem Stand auf dem Secondhand-Modemarkt vertreten. Doch natürlich schaut sie auch, was Heike Köhler (r.) anzubieten hat.

LÜDENSCHEID - Der verbissene Kampf findet im Schlafzimmer statt. Es ist ein Kampf auf Biegen und Brechen gegen einen schier übermächtigen Gegner. Einen Gegner, der nichts hergeben will, der sein Revier mit Zähnen und Klauen verteidigt. Es ist ein Kampf gegen – sich selbst.

Ausgetragen wird er vor dem heimischen Kleiderschrank. Habe ich diese Bluse wirklich seit zwei Jahren nicht mehr getragen? Ist der Rock tatsächlich zu eng, auch wenn ich den Bauch (der ja ohnehin gar nicht vorhanden ist) ein bisschen einziehe? Kann ich die rosa Latzhose nicht wenigstens noch beim Elternabend im Waldorf-Kindergarten tragen? Ob Hosen, Jacken, Mäntel, Abendkleider, Kostüme oder Röcke: Letzten Endes gibt der Kleiderschrank dann doch immer wieder genug her, um mit schweren Koffern und Waschkörben das Kulturhaus zu entern – zweimal im Jahr, jeweils im Frühling und im Herbst zum Secondhand-Modemarkt der Lüdenscheider Nachrichten.

Dieser Modemarkt ist in Lüdenscheid längst Kult, ist eine Domäne des schönen Geschlechts – sowohl was die Besucherinnen als auch was die Ausstellerinnen angeht, von denen nicht wenige schon etliche Male mit von der Partie sind. Männer kommen allenfalls in zwei Versionen vor – als Sherpa, der die Kleidung anliefert, und als Platzhalter hinter dem Verkaufstisch, wenn Sie mal ein bisschen gucken geht, was die Konkurrenz denn so zu bieten hat. Was letzten Endes auf den Tischen ausgebreitet liegt und an den Garderobenstangen aufgehängt ist, kann sich sehen lassen. Minderwertige Ware gibt’s hier nicht und wohl auch keine Verkäuferin, die besonders dringend auf ihre Tageseinnahme angewiesen ist.

Der Secondhand-Modemarkt der Lüdenscheider Nachrichten und des Kulturhauses findet zweimal jährlich im Kulturhaus, Freiherr-vom-Stein-Straße 9, statt. Der Eintritt kostet zwei Euro; Kinder im Alter bis zu 15 Jahren dürfen kostenlos hinein. Jeweils einige Wochen vor dem Markt werden die Stände an der Theaterkasse des Kultuhauses vergeben. Ein Tisch samt Kleiderständer und zwei Stühlen kostet 15 Euro. Die Termine für die Standvergabe werden rechtzeitig in den Lüdenscheider Nachrichten bekanntgegeben.

Wer hier kauft und verkauft, guckt in der Regel nicht auf den Cent. Eher schon auf den Nachbartisch, um seine Erlöse gleich wieder an die Frau zu bringen. Die Veranstaltung dauert von 11 bis 15 Uhr. Seit dem Jahr 2011 wird sie nicht mehr nur auf einer, sondern sogar auf zwei Etagen des Kulturhauses durchgeführt. 62 Tische gibt es, ergänzt durch je einen Kleiderständer und zwei Stühle. 46 von ihnen befinden sich in der oberen Etage, die anderen 16 im Foyer. Einlass für die Verkäuferinnen ist um 9 Uhr. Die Lüdenscheiderinnen Heike Köhler und Sabine Markus sind zum ersten Mal als Verkäuferinnen dabei. Etwa 150 Artikel haben die Arbeitskolleginnen schließlich beisammen, um sie an ihrem Stand in der 1. Etage auszubreiten und aufzuhängen.

Um 11 Uhr öffnen sich die Türen des Kulturhauses, doch es dauert eine ganze Weile, bis die ersten Besucherinnen im Obergeschoss erscheinen. Schließlich gibt es ja schon unten genug zu sehen. Um 11.13 Uhr ist es soweit – eine potentielle Kundin steht am Köhler-Markus-Stand. Die Frau begutachtet intensiv eine Handtasche: „Was wollen Sie dafür haben?“ Und dann fällt der Satz, den Heike Köhler und Sabine Markus wohl selbst schon oft in Geschäften gesagt haben: „Ich überlege es mir noch einmal.“ Seit diesem Sonntag mögen die beiden Verkäuferinnen den Satz gar nicht mehr. Denn sie wissen, was er bedeutet: „Tschüss!“. Eine andere Kundin ist unkomplizierter: „Fünf Euro für das Shirt? In Ordnung, nehme ich mit.“

Und dann sind da noch die Leidensgenossinnen. Eine junge Frau nimmt einen edlen schwarzen Rock mit in die Umkleidekabine. Das Teil gefällt ihr. Man sieht es. Sie kommt zurück: „Ich hänge den Rock wieder hin; er ist mir zu eng.“ „Mir auch“, seufzt die Verkäuferin. Was bleibt am Ende des Marktes? Jede Menge Spaß bei lustigen Gesprächen untereinander, mit anderen Verkäuferinnen und mit den Besucherinnen. Aber auch ein kleines bisschen Frust. Denn die Tageseinnahme bewegt sich lediglich im mittleren zweistelligen Bereich. „Was soll’s, unsere Unkosten haben wir locker wieder raus“, sagen die beiden. Und sie sind sich einig: „Das war garantiert nicht das letzte Mal, dass wir hier gestanden haben!“ Jetzt können die Männer kommen. Zum Abtransport.

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