111 Dinge (19): Eine inspirierende Sperrmülltour durch Lüdenscheid unternehmen

Die Gesetze des Sperrmülls sind unergründlich und spannend.

LÜDENSCHEID - In den Möbel- und Einrichtungsmarkt kann jeder fahren. Ikea war gestern – heute ist Sperrmüll! Eine nächtliche Tour durch die Stadt Lüdenscheid wird schnell zum Event mit einer gehörigen Portion Nervenkitzel.

Das Sofa steht noch immer vor dem Haus und ist mittlerweile vom Dauerregen völlig durchweicht. Unfassbar, dass sich niemand ein Herz gefasst und das gute Stück mit nach Hause genommen hat. Größe und Sperrigkeit können nicht die Gründe dafür sein, dass die Coach noch kein neues Heim gefunden hat. Der Küchenschrank war nämlich viel, viel größer. Und sperriger. Und außerdem auch viel älter und viel verschmierter. Wer das Ding mitgenommen hat, weiß keiner. Erklären kann sich sein Verschwinden auch niemand so recht. „Gebrauchen kann den doch ernsthaft niemand – nicht mal als Brennholz taugt der noch.“

Diese kurze Geschichte zeigt bereits zwei Dinge ganz deutlich: Die Gesetze des Sperrmülls sind unergründlich und spannend. In den Möbel- und Einrichtungsmarkt kann immerhin jeder fahren.

Infokasten: Vorsicht: Sachen vom Sperrmüll anderer Leuten einfach mitzunehmen, kann als Diebstahl oder Unterschlagung geahndet werden. Wenn der alte Besitzer den Sperrmüll an die Straße stellt, wird dieser in das Eigentum der Kommune. Holt ihn eine Firma zur Verwertung und Beseitigung ab, wird sie die Eigentümerin. Das Durchsuchen des Sperrmülls kann als Ordnungswidrigkeit mit bis zu 5000 Euro Geldstrafe verfolgt werden.

Sich gezielt auf die Suche nach einem gelben Sofa, Ohrenbackensesseln oder einem 24-teiligen Geschirr im Zwiebelmuster-Design zu machen, ist nicht der richtige Ansatz. Man muss sich vielmehr treiben lassen, Inspirationen wahrnehmen und sich auch einmal zu Dingen hinreißen lassen, für die man niemals Geld über den Ladentisch schieben würde. Die wahre Faszination einer Sperrmülltour in Lüdenscheid liegt darin, das Unverhoffte zu finden, ohne es zu suchen. Und wenn man dann mit einer flotten Lotte, hellrosa Sammeltassen oder einem Puppenhaus ohne Dach nach Hause kommt, ist man stolz wie der Entdecker fremder Welten – auch wenn der Rest der Familie vielleicht meint, dass „der Krempel nur in die Tonne gehört“.

Die Geschichten hinter dem Schreibtisch mit den tausend Kerben im Rand, dem Bücherschrank mit gut gefülltem Geheimfach und der Tonbandsammlung –die sind interessant. Aber natürlich wird man sie nie erzählt bekommen. Was ein großer Vorteil ist, denn so bleibt unendlich viel Platz für die eigene Fantasie. Warum war kein Platz mehr für den Nähkasten mit den herrlichen alten Knöpfen? Und welches Baby wohl zuletzt in dem Stubenwagen mit den vergilbten Häkelborten geschlafen hat? Wunderbar, wenn man die Leerstellen selber ausfabulieren kann.

Wer was entbehren kann und wegwirft, das zeigt eine Sperrmüllentdeckungstour – und gleichzeitig ist sie ein Spiegel unserer Zeit und unserer Gesellschaft. Der Toaster, die Kaffeemaschine und auch die Esszimmergarnitur sind nicht nur noch brauchbar, sondern zeigen keinerlei Defekte. Unsere moderne Wegwerfgesellschaft macht es möglich, dass auch brandneue und völlig fehlerlose Gegenstände auf dem Müll landen. Gut, dass dieser Müll wenigstens sichtbar an der Straße steht. Und vielleicht den ein oder anderen animiert, zuzugreifen und das Auto mit den Dingen zu füllen, die andere Bergstadtbewohner loswerden wollten. Und damit ist der Haushalt zumindest zum Teil gefüllt.

Die alten Weichholzkleiderschränke mit Häkelgardinen hinter den Scheiben, das große massive Buchenehebett, die Küchenstühle und das Küchenbuffet im Stil des Gelsenkirch’ner Barocks zeigen deutlich: Lüdenscheid ist keine arme Stadt – die Ausbeute einer Sperrmülltour kann üppig ausfallen, wenn man Glück, den richtigen Riecher und ein gutes Auge für verborgene Schätze hat. Und das muss sich wohl auch weit, sehr weit über die Grenzen der Stadt und des Sauerlandes hinaus herumgesprochen haben. Denn wie ist es anders zu erklären, dass bei einer nächtlichen Tour entlang der Sperrmülllagerstätten immer wieder ein Auto mit Rosenheimer Kennzeichen auftauchte?

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