111 Dinge (14): Im Stundentakt von Lüdenscheid nach Dortmund mit der Volmetalbahn

Harald Köppikus aus Werl fährt regelmäßig zwischen Lüdenscheid und Dortmund und findet auch noch nach Jahren die Strecke ausgesprochen reizvoll.

LÜDENSCHEID - Das klingt wirklich verlockend, was die junge Frau da vor hat. Hähnchenragout in Currysauce soll es geben – mit Baguette und Salat, dazu wahlweise einen Weiß- oder Rotwein. Leider weiß sie noch nicht, ob auch alle vier eingeladenen Gäste kommen können, bedauert sie im Telefonat und klappt das Handy zu.

Von Bernd Eiber

Eigentlich eine prima Gelegenheit, der Hobby-Köchin auf die Schulter zu klopfen, ihr eine Visitenkarte in die Hand zu drücken und sich als Gast der Reserve anzubieten. Wäre schließlich schade um Hähnchen und Wein. Belauschen muss man solche Gespräche wirklich nicht, denn der Zug, in diesem Fall die Volmetalbahn auf dem Weg von Lüdenscheid nach Dortmund, ist immer eine Informationsbörse – ob man will oder nicht. Schräg gegenüber der Köchin geht’s – natürlich wieder per Handy – um Familienplanung. Die junge Frau ist in der zwölften Woche schwanger und richtet unüberhörbar das Kinderzimmer, wahlweise in Blau oder Rosa, ein. Kurz hinter dem Halt Schalksmühle kommt es zu einem Bruch im akustischen Entertainment. Der junge Mann auf der Nebenbank, bekleidet mit Turnschuhen, Jeans mit Schritt in Kniehöhe und Mütze, spricht in Rätseln: es geht um mathematische Formeln für seinen Bachelor-Studiengang.

Die Volmetal-Bahn - kurz RB 52 – ist eine etwa 57 Kilometer lange Strecke zwischen Lüdenscheid und Dortmund. Von montags bis freitags startet der erste Zug in der Kreisstadt um 5.06 Uhr, der letzte fährt um 21.06 Uhr nach Dortmund ab. An Freitagen und an Feiertagen setzt die Bahn noch zwei Züge um 22.36 und 23.36 Uhr bis Hagen ein. Für die Fahrt bis zum Hagener Hauptbahnhof benötigt die Regionalbahn 41 Minuten, Dortmund erreicht der Triebwagen nach rund einer Stunde und 20 Minuten. Die einfache Fahrt von Lüdenscheid nach Dortmund kostet am Automaten 10,90 Euro, im Reisebüro Gaede 8,15 Euro – die zwei Tarife werden gesplittet..

Da sich hier nichts Erhellendes anbahnt, bleibt nur der Stellungswechsel zum Lokführer. Harald Köppikus aus Werl fährt regelmäßig zwischen Kreisstadt und Oberzentrum, im Bahnjargon wird die Strecke kurz RB 52 genannt. Mehr als 100 Kilometer pro Stunde fährt der Triebwagen auf der eingleisigen Verbindung zwar nicht, aber dafür entschädigt die Gegend: „Entlang der Volme ist es richtig schön.“ Das Angebot im Stundentakt wissen auch die Fahrgäste zu schätzen: Pendler, Schüler, Studenten, Klassenausflüge in den Dortmunder Tierpark oder zur Lüdenscheider Phänomenta, direkt vis-à-vis des Haltepunktes der Bahn (der Bahnhof lässt noch auf sich warten) sowie Einkaufsfahrten in die Revierstadt. Den preiswerten Zugtrip mit dem Seniorenticket wissen auch Monika und Adolf Radke aus Lüdenscheid zu schätzen, die sich mit Urenkelin Cecilia (5) zum neuen Einkaufszentrum, der Thier-Galerie, aufmachten. „Mit der Bahn ist’s viel bequemer als mit dem Auto. Und jetzt müssen wir nicht mehr ins Centro nach Oberhausen fahren.“

Allerdings steigen auch sie wie viele andere erst in Rummenohl ein, wenn sie in Richtung Dortmund fahren wollen. Zwei unterschiedliche Tarife, den des Verkehrsverbundes Ruhr-Lippe (VRL) und den des preiswerteren Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR) ab Rummenohl, ärgert die Kunden schon seit Jahren. Auf Änderungen hin zur Vergünstigung dürfen die Bahnkunden nicht hoffen. Eher wird das VRR-Ticket teurer, wissen die Tarifexperten. Trotzdem: „Die Strecke ist gut frequentiert“, so Köppikus.

Nicht ganz so ruhig und beschaulich gehe es zu, wenn die Borussen-Fans an den Samstags-Heimspielen reisten. Gravierendes sei aber nicht vorgefallen. Auch Radfahrer zählten zu den besonderen Spezies, wenn sie gleich in Gruppen in den Wagen einfielen.

Manchmal reicht aber auch schon ein einzelner, um unter Fahrgästen Verwirrung zu stiften. Zu ihnen zählt Manfred Schnier. Seit mehr als 40 Jahren ist er bei der Bahn und kontrolliert die Fahrscheine. Wer beim Anblick des Uniformierten auf die Toiletten flüchtet, fährt mit fast hundertprozentiger Sicherheit schwarz. 40 Euro sind ohne gültiges Ticket fällig. „Für einige ist das noch viel zu wenig“, so Schnier. Vor allem, wenn minderjährige Schnösel auch noch pampig werden, könne er „aus der Haut fahren“. Dieses Bedürfnis ist auf der Volmetalstrecke aber eher selten. Auf anderen Strecken kommt das schon häufiger vor. „Ich übe meinen Beruf dennoch sehr gerne aus.

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