Schallplatten aus dem Automaten

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Ein Stil etabliert sich: Die Iserlohner Formation Sir John and the Starfighters bei einer Beatveranstaltung in der Schützenhalle.

LÜDENSCHEID - „Zu Zeiten, als andere noch brave Jugendtanztees veranstalteten und über die mangelnde Resonanz klagten, machte Schumann Lüdenscheids Schützenhalle zu einer westdeutschen Hochburg von Beat, Rock und Pop.“ Dies schrieb der Redakteur Wolfgang Hoffmann in den „Lüdenscheider Nachrichten“ vor 37 Jahren, im November 1976. Zu diesem Zeitpunkt hatte der städtische Jugendpfleger Gottfried Schumann, der hier genannt wird, gerade seine Kündigung eingereicht. Es ging eine große Zeit zu Ende, jedenfalls was Musik betrifft.

Begonnen hatte diese Zeit Mitte der sechziger Jahre, als von England aus die Beatwelle Deutschland überschwemmte und auch das Sauerland erreichte. In der Bergstadt erblickten nun eine Reihe hoffnungsvoller Nachwuchsbands das Licht der Welt. Nach den „Swing Partners“, die es schon seit 1962 gab, kamen die „Poor Boys“ und die „Shooting Stars“ dazu, die „Lajos Fa Group“ und „Quo Vadis“ sowie eine Gruppe namens „Hi-You-There“, die vor wenigen Tagen im Saal der Gaststätte „Dahlmann“ ein umjubeltes Revival-Konzert gab. Diesen jungen Leuten stellte Schumann, der 1965 das Amt des Jugendpflegers übernahm, Proberäume in der Kerksighalle zur Verfügung. Dort lagern heute im Stadtarchiv die alten Zeitungsbände, in denen man die Geschichte der Jugendkultur in Lüdenscheid und Umgebung nachlesen kann. Durchstöbert haben diese großen Folianten Dietmar Simon und Michael Nürenberg, deren Buch in wenigen Tagen erscheinen wird.

Die neue Musik spielte im Alltag der jungen Leute von damals eine ganz besondere Rolle. Sie gaben ihr geringes Taschengeld für Schallplatten aus dem Automaten aus oder suchten im Radio die neuesten Hits. Nun aber wurden ihnen auch regelmäßige Live-Konzerte geboten. Auch große Namen traten plötzlich in der Schützenhalle auf. 1965 kamen die „Kinks“, es folgten die „Searchers“, die „Equals“ und die „Easybeats“. Aber auch einheimische Beatbands warben um die Gunst des Publikums, konkurrierten bei Festivals gegeneinander und brachten Tausende von Jugendlichen aus dem Häuschen.

Als die Beatwelle zu Ende war und sich die Geschmäcker veränderten, wurden auch die Töne in der Bergstadt anders. 1970 gab die englische Rockband „Deep Purple“ in der Halle auf dem Loh eines der kürzesten und merkwürdigsten Konzerte ihrer langen Karriere. Noch Jahrzehnte danach erinnern sich Zeitzeugen an den großen Krawall, der hier entstand.

Weil eine dauerhafte Sperrung des altehrwürdigen Gebäudes für musikalische Großveranstaltungen drohte, nutzte Schumann seine guten Kontakte zu den Belgiern, die damals noch in Lüdenscheid stationiert waren. Die holländische Rockband „Golden Earring“ trat Anfang 1971 im Parktheater auf, das damals noch kein Kino war, sondern ein Theater und Schwimmbad der belgischen Garnison.

So gaben sich auch in der ersten Hälfte der siebziger Jahre noch viele namhafte Musiker an den Lüdenscheider Spielstätten die Klinke in die Hand. Namen wie „Can“ und „Camel“, „Eloy“ und „Ekseption“ sind Kennern nach wie vor ein Begriff. Und dass auch die „Scorpions“ am Anfang ihrer Weltkarriere 1976 im Parktheater Station machten, mag heute kaum noch einer glauben.

Auch andere musikalische Stilrichtungen fanden in Lüdenscheid während dieser Jahre ihr Publikum. Jazzmusiker zum Beispiel Ali Claudi, der noch heute gelegentlich zu sehen und zu hören ist, kamen immer wieder gern hier her. Die einheimischen „Hilltown Folkers“ begeisterten diejenigen, die sonst auch gerne Bob Dylan oder Donovan zuhörten.

Wer all diese Geschichten im Überblick erfahren möchte, sollte zu dem neuen Buch greifen, das der Geschichts- und Heimatverein Lüdenscheid herausgibt.

„Die besten Tage unseres Lebens“ wird das Buch heißen und am Freitag, 29. November, ab 16.30 Uhr in der Stadtbücherei von seinen beiden Autoren erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

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