Intensivschwester Swantje Loske berichtet

„Nach diesen Nächten war ich fix und fertig“: Hinter den Kulissen der Corona-Intensivstation in Lüdenscheid

Swantje Loske Intensivstation Corona
+
Swantje Loske in ihrer normalen Arbeitskleidung

Wie sieht es auf einer Corona-Intensivstation aus? Schwester Swantje Loske aus Lüdenscheid nimmt uns mit und erzählt von ihrem knochenharten Alltag.

Lüdenscheid - Es ist noch stockdunkel. Frühschicht. Swantje Loske erreicht um kurz vor 6 Uhr das Klinikum Lüdenscheid. Sie ist Fachkrankenschwester auf der Intensivstation. Und damit hat sie buchstäblich hautnah mit dem Covid-19-Virus zu tun. Was ist das für eine Arbeit, wie fühlt sich die junge Frau dabei?

Die 41-jährige Lüdenscheiderin betritt durch eine Glastür die Station 8.7. Durch diese Tür kommen auch Besucher – wenn sie dann irgendwann wieder dürfen. Hinter der Tür befindet sich direkt der Wartebereich, aus dem die Besucher vom Personal abgeholt und zu den Patienten geführt werden. In diesen Tagen ist er verwaist. Es ist sehr still hier.

Aus der Zivilistin wird die Krankenschwester

Swantje Loske hat noch ihre Privatkleidung an. Sie steuert einen der Schränke im Eingangsbereich an, entnimmt ihm eine blaue Hose und einen blauen Kasack in ihrer Größe und geht in den Gemeinschafts-Umkleideraum. Hier legt sie ihre Alltagskleidung ab, deponiert sie in ihrem Spind und zieht die Arbeitskleidung an. Aus Frau Loske ist auch optisch Schwester Swantje geworden. Sie ist bereit, die eigentliche Station zu betreten.

Die Zentrale Intensivstation (ZIS) ist – genau wie der OP-Trakt samt Aufwachraum – auf der optisch sehr nüchtern anmutenden Etage U 2 zu finden, also im 2. Untergeschoss.

Die Zentrale Intensivstation (ZIS)

Auf der Station 8.7 der Zentralen Intensivstation (ZIS) im Klinikum Lüdenscheid lagen vor Corona Intensivpatienten aus allen chirurgischen Fächern. Die 8.9 war dagegen die internistische Intensivstation. Wegen der Corona-Pandemie hat sich das allerdings geändert. Derzeit ist die Station 8.7 den Covid-Patienten vorbehalten, während die 8.9 alle anderen Patienten beherbergt. Insgesamt werden laut Klinikum – inklusive Aufwachraum – 50 Intensivbetten vorgehalten. Zugunsten des Betriebs der Corona-Station sind das OP-Programm bereits reduziert und OP-Säle stillgelegt worden.

Der Intermediate-Care-Bereich (IMC) mit acht Betten stellt eine Zwischenstufe zwischen intensivmedizinischer und allgemeiner stationärer Versorgung dar. Hier werden Patienten behandelt, die nicht mehr intensivpflichtig sind, aber noch einer erhöhten Überwachung bedürfen.

Alle intensivpflichtigen Patienten mit bestätigter Covid-Infektion oder mit Verdacht darauf kommen automatisch auf die Station 8.7. Die Verdachtsfälle werden innerhalb von 15 Minuten per Schnelltest abgeklärt. Wer keine Symptome aufweist, wird auf die 8.9 gelegt.

Heute wird Swantje Loske also auf der 8.7 arbeiten. Vom Wartebereich aus schaut sie auf die Station. Links und rechts eines Ganges befinden sich Lager-, Funktions- und Aufenthaltsräume. Es schließen sich die ersten fünf Patientenzimmer an, bevor sich der Raum quadratisch erweitert.

Blick vom Eingangsbereich auf die Station 8.7. Im Hintergrund das „Cockpit“.

Wir sehen – umgeben von weiteren Patientenzimmern und einer großen Schrankwand mit Arbeitsmaterial – das Herzstück der Station: das sogenannte Cockpit. Es besteht aus einem Pult mit großer Monitoranlage zur Überwachung der Vitalfunktionen aller Patienten auf den Zimmern. In diesem Bereich sind auch die Arbeitsplätze der Pflege, der Ärzte und der Sekretärin zu finden.

Die Farbe Grün an den Wänden dominiert die Station hier wie in alten Zeiten. Es geht erkennbar nicht um Aufenthaltsqualität; es geht ums Überleben.

Vorbereitung auf die Patienten

Im Sozialraum findet ab kurz nach sechs Uhr zunächst die Übergabe durch den Nachtdienst statt: „Die ist kurz und knackig. Ich muss erst einmal über den aktuellen Status der Patienten informiert werden. Was haben sie, wie aufwendig ist die Pflege? Sind Untersuchungen oder diagnostische Maßnahmen geplant?“

Nach der kurzen Übergabe teilen sich die pflegerischen Kollegen, mit denen Schwester Swantje heute zusammen Dienst hat – möglichst gerecht nach Intensität des voraussichtlichen Arbeitsaufwands – die Patienten auf.

Das Personal der ZIS

Stationsleiter der ZIS ist Sascha Hügel; seine beiden Stellvertreter sind Barbara Sadowski und Olaf Mähler. Die ZIS/IMC wird als eine Einheit betrachtet, sodass es auch einen gemeinsamen Personal-Stamm für die beiden Intensivstationen plus IMC-Station gibt. Wie viele Ärzte und Pflegekräfte gehören zur ZIS? Darüber gibt das Klinikum keine klare Antwort.

Wie viel Personal ist pro Schicht für beide Stationen zusammen im Einsatz? Swantje Loske: „In der Früh- und der Spätschicht waren es jeweils vor Corona – wenn wir gut besetzt waren – 12 bis 13 Pflegekräfte sowie pro Station jeweils ein Oberarzt und ein bis zwei Assistenzärzte. Nachts haben wir mit neun bis zehn Schwestern und Pflegern gearbeitet.“

Pro Station muss in jeder Schicht mindestens eine Intensiv-Pflegekraft anwesend sein. Nur eine? Es wird doch ständig beklagt, dass man mehr Intensivpatienten betreuen könnte, gäbe es mehr Intensivpfleger. Wie passt das zusammen? Swantje Loske: „Unser Team wird ergänzt durch Kolleginnen und Kollegen, die sich auf dem Weg zur zweijährigen Weiterbildung als Fachpflegekraft für Intensivpflege und Anästhesie befinden. Sie sammeln in der ständigen Alltagsarbeit bei uns praktische Erfahrungen – so wie ich es damals an der Kölner Universitätsklinik ja auch gemacht habe.“

Swantje wird heute und an den folgenden Tagen speziell für zwei Corona-Patienten auf der Station 8.7 zuständig sein. Der Vorteil dieser Regelung: Sie kann sich auf die Probleme dieser Patienten konzentrieren, und die Patienten sehen – soweit sie bei Bewusstsein sind – ein vertrautes Gesicht. Wenn sie auf der 8.7 arbeitet; wird sie die Nachbar-Intensivstation 8.9 nicht betreten.

Nun geht die Schwester mit einer Nachtdienst-Kollegin vor die einzelnen Zimmer ihrer beiden Patienten. Durch die verglaste Front kann sie sich einen ersten Eindruck verschaffen von deren Zustand. Zusätzlich bekommt Schwester Swantje von ihrer Kollegin detaillierte Informationen über die beiden Patienten, und Fragen werden geklärt. Es geht zum Beispiel darum, welche Besonderheiten und Untersuchungen heute anstehen.

Dementsprechend hat sie jetzt einen Ablaufplan im Kopf und weiß, wie sie den Frühdienst mit ihren Schützlingen gestalten kann.

Ab sieben Uhr sind dann auch die Ärzte der Frühschicht an Bord, schauen nach den Patienten, geben Anordnungen an die Pflegekräfte. Dabei gleicht kein Tag dem anderen, denn zwischendurch kann jederzeit das Telefon klingeln, weil die Zentrale Notaufnahme oder die Ebene 1 im Haus einen Covid-Patienten auf die Intensivstation verlegen muss. Den ganzen Tag über finden zudem Verlegungen innerhalb des Hauses auf die ZIS statt, und es gibt Neuaufnahmen von außerhalb.

Ein Zeitplan wie auf anderen Stationen – egal ob zur Versorgung der Patienten oder zu Neuaufnahmen – hat auf einer Intensivstation immer nur sehr bedingte Gültigkeit. Dass etwas dazwischenkommt, ist hier Normalität.

In voller Schutzmontur

Als erstes führt Schwester Swantje einen Check-up vor dem Zimmer durch. Sie macht sich mit der Dokumentation vertraut und beschäftigt sich mit der Krankengeschichte der beiden Patienten. Vor Betreten des Zimmers zieht sie über ihre blaue Arbeitskleidung ihre persönliche Schutzkleidung. Nun betritt sie das Doppelzimmer in voller Schutzausrüstung. Diese besteht aus Schutzkittel, FFP2/FFP3-Maske, Schutzbrille, Schutzvisier, Schutzhaube und Handschuhen.

Swantje Loske in voller Schutzmontur.

Meist findet ein zweiter Check-up im Zimmer statt. Dieser beinhaltet die Patientenbeobachtung, um festzustellen, in welchem Zustand sich der Patient befindet. Zudem überprüft die Krankenschwester das Monitoring und stellt die Alarmgrenzen ein. Sie kontrolliert gegebenenfalls die Beatmungs- und die Dialyseparameter, checkt die Medikamente und beobachtet die Vitalparameter.

Zur Person: Swantje Loske

Swantje Loske ist 41 Jahre alt, in Lüdenscheid geboren und hat bis zu ihrem Abitur am Bergstadt-Gymnasium im Jahr 1999 in Lüdenscheid gelebt. Dann absolvierte sie an der Universitätsklinik Köln ihre dreijährige Krankenpflegeausbildung und arbeitete dort anschließend auf einer neurochirurgischen Intensivstation. Nach drei Jahren, mit 24 Jahren, begann sie ihre zweijährige Weiterbildung zur Fachschwester für Intensiv- und Anästhesiepflege. Später machte sie eine Weiterbildung zur Praxisanleiterin, um Schüler und Mitarbeiter zu begleiten während ihrer Ausbildung beziehungsweise ihrer Einarbeitung. Im Jahr 2008 ging sie aus privaten Gründen zurück nach Lüdenscheid. Seitdem arbeitet sie auf der Intensivstation im Klinikum. Swantje Loske ist alleinerziehende Mutter eines neunjährigen Sohns. Sie arbeitet 145 Stunden – 17 bis 18 Tage – im Monat.

Die Intensiv-Schwester beginnt mit der Versorgung ihrer Patienten: Grundpflege, Medikamentengabe, Spritzen aufziehen und wechseln, Sondenkost (flüssige Nahrung) anhängen, Lagern, Mobilisieren, Essen anreichen und bei ärztlichen Tätigkeiten assistieren – das alles ist nur ein kleiner Ausschnitt der Aufgaben von Swantje Loske und ihren Kolleginnen und Kollegen im Frühdienst.

Blick in ein Zimmer der Intensivstation 8.7

Wenn sie die erste Runde im Patientenzimmer beendet hat, zieht sie ihre Schutzkleidung noch im Zimmer aus. Draußen legt sie neue frische blaue Arbeitskleidung an und macht eine kurze Trinkpause. Die Schutzkleidung entsorgt sie – außer Brille und Visier. Diese werden in einer Desinfektionslösung aufbereitet.

Nun kümmert sich Schwester Swantje um die Vorbereitung der ärztlichen Visite. Telefonate müssen entgegengenommen und Verlegungen beziehungsweise Entlassungen organisiert werden.

Für Swantje Loske ist der Frühdienst um 14.12 Uhr beendet, aber auf der Intensivstation kehrt natürlich noch lange keine Ruhe ein: „Erst abends wird es meistens ruhiger bei uns – oder es sollte jedenfalls so sein. Es ist nicht mehr so laut, das Telefon geht seltener. Die Therapeuten sind alle im Feierabend, und die Visiten der konsiliarischen Ärzte sind auch erledigt. Diese Ärzte aus den Fachkliniken des Hauses kommen jetzt nur noch, wenn sie gebraucht werden.“

Also alles ganz entspannt? Swantje Loske lacht: „Theoretisch ja. Es kann aber eben auch sein, dass in der Nacht drei, vier oder fünf Aufnahmen kommen oder bei unseren Patienten auf der ZIS Notfälle eintreten. Dann ist es wieder trubelig und lauter.“

Auf der Intensivstation gibt es Doppel- und Einzelzimmer. Bis auf je einen Raum haben die Zimmer auf beiden Stationen Tageslicht. Sie sind zum Gang hin teilweise verglast, um dem Personal jederzeit einen Einblick zu ermöglichen. Allerdings können zum Schutz der Privatsphäre der Patienten Lamellen-Rollos heruntergelassen werden. In die Zimmer führen – anders als auf den Normalstationen – Schiebetüren.

Im Patientenzimmer

Schauen wir in einen dieser Räume: Zu einem Intensiv-Behandlungsplatz gehört neben einem elektrisch bedienbaren Intensiv-Pflegebett ein Monitor zur Überwachung des Patienten. Er verzeichnet unter anderem Herzfrequenz, Blutdruck, Puls und Sauerstoffsättigung. Zudem sind dort ein Beatmungsgerät und eine Infusionseinheit mit Spritzenpumpen, sogenannten Perfusoren, zu finden. Über diese werden Medikamente an den Patienten abgegeben. Bei Bedarf ist hier auch noch ein Dialysegerät zu finden.

So wie hier beschrieben sah es auch schon vor der Pandemie auf der Intensivstation in Lüdenscheid aus. Doch wie hat sich das Arbeiten unter Corona-Bedingungen verändert?

Swantje Loske zögert: „Lassen Sie uns mal zunächst gar nicht von Corona reden. In der Öffentlichkeit wird allzu leicht vergessen, dass wir auch die – ich nenne es mal – ganz normalen Intensivpatienten haben, die wir versorgen müssen. Das sind ja nicht etwa weniger geworden. Diese Patienten liegen jetzt alle auf der ZIS 8.9. In der Zeit, in der ich einen bis zwei Covid-Patienten versorge, betreut meine Kollegin auf der 8.9 zwei bis vier normale Intensivpatienten, die nicht weniger aufwendig zu versorgen sind. Es gab jedenfalls vor Corona schon reichlich zu tun für uns, und daran hat sich nun wirklich nichts geändert.“

So sieht das „Cockpit“ auf der Station 8.7 aus.

Nun reden wir aber doch über die Arbeit mit Covid-Patienten. Was ist bei ihnen anders als bei den anderen Patienten? „Allein schon dieses Erkrankungsbild. Was das Virus bei den Patienten anstellt – so etwas habe ich noch nie vorher gesehen. Eigentlich kann man wegen des sehr hohen notwendigen Versorgungsaufwands nur eine 1:1-Versorgung – also eine Pflegekraft pro Patient – machen. Auch die Krankenbeobachtung erfordert großen Aufwand. Man muss sehr schnell auf Komplikationen eingehen. Der Zustand eines Patienten kann sich innerhalb von Stunden massiv verschlechtern.“

Wie zeigt sich das? „So ein Patient kommt ja schon zu uns mit Kurzatmigkeit, mit beschleunigter Atmung, mit einem schlechten Allgemeinzustand. Das kann binnen Stunden dazu führen, dass er beatmet werden muss – entweder mit einer unterstützenden Maskenbeatmung oder durch Intubation.“

Groß ist auch der Aufwand, den die Pflegekräfte durch das Anlegen ihrer bereits beschriebenen Schutzkleidung treiben müssen. Diese behindert sie sehr stark bei der Arbeit. Swantje Loske erzählt: „Solange der Patient stabil ist und ich bei meinem Standardablauf bleiben kann, geht das noch. Aber sobald er instabil wird und Komplikationen auftreten, kann es sein, dass ich drei oder vier Stunden in voller Montur in seinem Zimmer stehe und ihn gemeinsam mit dem Arzt versorge. Er muss dann möglicherweise intubiert werden, bekommt zusätzliche Medikamente und muss stabilisiert werden.“

Die Belastung der Intensiv-Pflegekräfte ist auf der Covid-Station noch höher als ohnehin schon. Swantje Loske nennt uns ein Beispiel:

„Es gab mal fünf Nächte hintereinander, in denen ich zwei Corona-Patienten in einem Doppelzimmer zu betreuen hatte. Bei beiden Patienten liefen Dialysemaschinen. Beide befanden sich in Bauchlage. Beide hatten zehn bis zwölf Perfusoren laufen. Nach diesen Nächten war ich fix und fertig. Ich habe pro Nacht bis zu 70 Spritzen aufgezogen. In der Regel sind es etwa 20.“

Den ganzen Tag mit Schutzmaske

Sie ergänzt: „Egal wie lange ich in dieser Schutzkleidung stecke: Ich bin anschließend nassgeschwitzt von oben bis unten. Dann muss ich mich umziehen. An solchen Tagen gehe ich hundemüde nach Hause.“

Verlässt eine Pflegekraft das Patientenzimmer, legt sie die Schutzausrüstung zwar ab, aber mindestens fünf bis sechs Stunden am Tag verbringt sie – nicht zuletzt zur eigenen Sicherheit – eben doch darin. Hat sie besonders komplizierte Fälle zu betreuen, kann das noch deutlich mehr Zeit sein. Das alles ist nicht zuletzt auch deshalb ermüdend, weil sie die ganze Zeit im Zimmer ihr eigenes CO2 einatmet: „Wenn ich aus dem Zimmer komme, mache ich sofort eine Trinkpause. Man muss sich erst mal hinsetzen und durchatmen.“

Nicht zu vergessen: Außerhalb der Zimmer trägt das Pflegepersonal ständig eine FFP2-Maske. Wer eine solche Maske in diesen Zeiten schon einmal länger getragen und sich dabei bewegt hat, der weiß, wie schwer das Atmen darunter fällt.

Extrem hoher Medikamentenverbrauch

Stichwort Arzneien. Die Krankenschwester erläutert: „Der Medikamentenverbrauch bei Covid-Patienten ist extrem hoch. Das habe ich vorher auch so noch nie erlebt. Da laufen manchmal gleichzeitig drei Infusionen, und ich muss 12 oder 13 weitere Medikamente überwachen, die über die Perfusoren verabreicht werden. Die müssen natürlich alle aufgezogen werden, die müssen rechtzeitig verabreicht und gewechselt werden. Ich kann nicht die ganzen acht Stunden in diesem Zimmer sein. Also muss ich, bevor ich aus dem Zimmer gehe, schauen, dass alles gewechselt ist und lebensnotwendige Medikamente nicht in der Zeit leerlaufen, in der ich nicht im Zimmer bin und das dann auch nicht mitbekomme.“

Was ist bei einem intubierten Patienten besonders zu beachten? „Dieser Patient wird zur Verbesserung seiner Sauerstoffaufnahme regelmäßig in die Bauchlage gebracht. Ich muss darauf achten, dass er eine angemessene Narkose hat, dass er ruhig schläft und die unangenehme Bauchlage toleriert. Er darf gar nicht merken, dass er auf dem Bauch liegt.“

Bauchlage strengt alle Beteiligten an

Wenn ein Patient also auf den Bauch gelegt wird, sind drei Personen im Einsatz. Swantje Loske: „Zu vier oder fünf Personen – im Fernsehen sind sogar sechs zu sehen – drehen wir nur schwer übergewichtige Patienten. Beim Drehen steht der Arzt am Kopf und sichert die lebensnotwendigen Zugänge, also Beatmungsschlauch, Tubus und den zentralvenösen Katheter, über den alle Medikamente zugeführt werden. Wir achten vorher darauf, dass der Patient in einer tiefen Narkose ist. Zwei Pflegekräfte drehen ihn dann in Ruhe, langsam und bedächtig.“

Erfährt ein Intensiv-Patient persönliche Ansprache? Die Schwester nickt. „Im Patientenzimmer ist es ganz still – bis auf die leisen Geräusche der Maschinen. Eine gute Pflegekraft spricht mit dem Patienten – egal ob er wach ist oder in Narkose beatmet wird. Pflege ist Kommunikation.“

Und Kommunikation ist wichtig, ganz besonders in diesen Tagen ohne Besuchsmöglichkeiten durch Angehörige: „Ich wasche den Patienten, versorge ihn. Wenn er wach ist, unterhalte ich mich mit ihm. Durch das Gespräch bekomme ich wertvolle Informationen von dem Patienten. Wie fühlt er sich? Weiß er, wo er sich befindet? Was sind seine Sorgen und Ängste? Hat er Schmerzen? Dadurch kann ich meine Pflege individueller gestalten und dementsprechend reagieren und planen.“ Swantje Loske weiß aber auch: „Nach anderthalb Stunden bin ich wieder weg, und dann ist der Patient für zwei Stunden wieder ganz allein. Das belastet ihn sehr, das belastet seine Angehörigen, das belastet auch uns.“

Glücksmomente per Videotelefonie

Ab und zu können die Pflegekräfte den Patienten, die bei Bewusstsein sind, zu kleinen Glücksmomenten verhelfen. Das Zauberwort heißt Videotelefonie. Per Smartphone stellen sie die Verbindung zu den Angehörigen her. Swantje Loske erinnert sich an einen solchen Moment: „Alle haben geweint, und es war für alle ein schönes Erlebnis. Das sind Glücksmomente für jeden – für den Patienten, für die Angehörigen und für das gesamte therapeutische Team. Durch solche Erlebnisse wird einem bewusst, warum man diese Arbeit macht. Eben genau für diese Augenblicke!“

Abgesehen von der rein körperlichen Belastung durch das Tragen der Schutzkleidung sind Schwestern und Pfleger auch psychisch stark gefordert. Der Umgang mit Leiden und Tod ist ihr Alltag, doch Corona bringt hier eine neue Dimension.

Swantje Loske schaut nachdenklich: „Ein wacher Patient kommt zu uns auf die Intensivstation, und ich bin für seine Versorgung zuständig. Ich spreche mit ihm, baue eine Beziehung zu ihm auf. Er ist ganz allein, darf keine Angehörigen empfangen. Da sind wir die einzigen Ansprechpartner. Der Patient erzählt von seiner Familie, vertraut mir seine Ängste an. Und plötzlich verschlechtert sich der Zustand dieses Menschen rapide. Er muss intubiert werden. Er verstirbt drei Wochen später, in denen ich auch immer wieder bei ihm war, an ganz heftigen Komplikationen, die diese Krankheit mit sich bringt. Und das ist wirklich traurig. Man hat seine Geschichte noch in Erinnerung, seine Stimme noch im Ohr.“

Und wenn der Patient schon beatmet auf die Station gekommen ist? „Dann ist das anders, aber nicht leichter. Man kennt seine Stimme nicht und zunächst auch nicht seinen persönlichen Hintergrund. Dann baut man aber vielleicht über die Angehörigen eine persönliche Beziehung auf. Die Ehefrau oder der Sohn rufen häufig an, erkundigen sich nach dem Zustand ihres Ehemanns, ihres Vaters. Auch sie lernen wir dadurch kennen, trösten sie. Versuchen, ihnen Hoffnung zu machen.“

„Der Job war schon vorher hart“

Ist die Arbeit durch Covid härter geworden? Die Schwester denkt nach, schüttelt schließlich den Kopf: „Nein, der Job war vor Covid auch schon hart und anstrengend. Unsere Arbeit ist durch das Interesse der Öffentlichkeit nur viel transparenter geworden.“ Swantje Loske sagt aber auch: „Das Arbeiten unter Corona-Bedingungen ist ein sehr interessantes Arbeiten und eine große Herausforderung. Man bleibt fit im Kopf und muss sich mit dem neuen Krankheitsbild intensiv auseinandersetzen.“

Wie steht’s mit der Angst, wenn man tagtäglich mit Covid-19 zu tun hat? Swantje Loske lacht: „Wenn ich Angst habe vor irgendwelchen Infektionskrankheiten, dann darf ich nicht Krankenschwester werden. Ich habe keine Angst. Ich habe Respekt vor diesem Virus. Aber ich weiß, wie ich mich schützen kann.“

Wenig später sagt sie dann aber doch leise: „Natürlich habe auch ich Angst, mich zu infizieren. Das kann schließlich überall passieren. Und dann erkranke ich unbemerkt und gefährde meine Lieben, meine Familie, meine Freunde und andere Menschen in meinem Umfeld – vielleicht sogar meine Kollegen. Und dann?“

Würde sie einem jungen Menschen heute noch raten, eine Pflegeausbildung zu absolvieren? „Ja, natürlich! Wir können individuell auf unsere Patienten eingehen, uns selbst und unsere Erfahrung einbringen. Der Beruf ist toll. Es ist ein kommunikativer Beruf und er ist niemals eintönig. Jeder Tag in der Pflege ist anders. Du kannst von den Menschen lernen. Ich mache diesen Beruf gerne!“

Kekse von einer dankbaren Patientin

Plätzchen von einer dankbaren Patientin

Jeder Tag in der Pflege ist anders? „Ja, ich muss nicht dieses Schema ‚Patienten wecken, Patienten waschen’ durchlaufen. Ein Patient sagt mir: ‚Swantje, mir geht es heute nicht gut. Ich bin völlig am Boden zerstört. Ich kann nicht mehr und habe so große Schmerzen!’ Dann kümmere ich mich um die Schmerzen, rede mit dem Patienten, höre ihm zu. Dann lasse ich das Waschen auch einmal sein und biete ihm lieber an, ihm nur den Mund frisch zu machen.“ Wenn der Patient mir hinterher sagt, dass ihm das gutgetan hat und er keine Schmerzen mehr hat, dann habe ich meine Arbeit gut gemacht. Das macht mich zufrieden“

Das verdient man

Die Ausbildungsvergütung einer Schwesternschülerin beträgt laut Klinikum im ersten Jahr rund 15 000 Euro (darin enthalten: Weihnachtsgeld und Zulagen). Das Jahres-Einstiegsgehalt einer Krankenschwester beträgt gut 38 000 Euro (darin enthalten: alle Zulagen und eine Weihnachtssonderzahlung). Eine Intensivschwester mit Zusatzqualifikation erhält knapp 52 000 Euro im Jahr (darin enthalten: alle Zulagen und eine Weihnachtssonderzahlung).

Swantje Loske hat noch einen anderen Grund, ihren Beruf zu empfehlen: „Wo sollen denn künftig die Pflegekräfte herkommen, wenn wir davon abrieten, diesen Beruf zu ergreifen?“ Ich möchte ja später – wenn es nötig sein sollte – auch von Menschen gepflegt werden, die das gut und gerne machen.“

Erfahren die Pflegekräfte für ihre schwere Arbeit überhaupt genug Wertschätzung? „Wir bekommen tatsächlich viel Post von ehemaligen Patienten und von Angehörigen. Darin wird uns oft gedankt und die Atmosphäre bei uns gelobt. Besonders schön war es, als uns mal eine frühere Patientin etliche selbst gebackene Plätzchen geschickt hat – wunderbar verziert mit medizinischen Symbolen.“

„Ich kann diese Leute nicht verstehen“

Schließlich kommen wir – wie könnte es anders sein –noch auf die Corona-Leugner und Masken-Verweigerer zu sprechen. Swantje Loske bleibt ganz ruhig, wird aber sehr deutlich: „Ehrlich gesagt, ich kann und will diese Leute nicht verstehen, die so eine ignorante Einstellung haben. Sie verschließen die Augen vor dieser schrecklichen Krankheit und davor, dass Infizierte auf der Intensivstation um ihr Leben ringen.“

Und sie sagt: „Ich würde am liebsten einen von den Corona-Leugnern mit auf die Station nehmen – auf ein Zimmer mit beatmeten Patienten. Ich wette: Nach zehn Minuten würde er das Zimmer mit Schrecken in seinen Augen verlassen und ganz anders über die Krankheit denken!“

In eigener Sache

Dieser Text ist der besseren Lesbarkeit halber in Form einer Reportage geschrieben – also so, als hätten wir Swantje Loske tatsächlich einen Tag auf der Intensivstation begleitet. Dies ist derzeit allerdings natürlich nicht möglich. Swantje Loske war so freundlich, sich viel Zeit zu nehmen und uns in einem Gespräch ausführlich zu schildern, wie es auf der Intensivstation aussieht und zugeht. Hierfür ein herzliches Dankeschön!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare