„Die einzige Rettung ist die Bildung“

Die Mädchen erhalten das Geld und können darüber verfügen – im März 2004 muss Dr. Nabiyar die Männer erst davon überzeugen, dass dies sinnvoll ist. Ein Jahr später ist das kein Thema mehr.

LÜDENSCHEID - Punktlandung: Genau zum 10. Geburtstag der Atefa-Mädchenschule in Estalef sind die ersten sieben Studentinnen mit ihrer Ausbildung fertig und beginnen ihre berufliche Laufbahn als Lehrerinnen. „Das es mal so weit kommt, hätten wir vor zehn Jahren nicht gedacht“, sagt Dr. Anwar Nabiyar.

Als er im Frühjahr 2002 erstmals nach 30 Jahren seinen Geburtsort besuchte, beobachtete er, wie einige Mädchen unter einem Baum unterrichtet wurden, nachdem ihnen unter den Taliban der Schulbesuch verboten war. Die Idee für den Bau einer Mädchenschule war geboren. Schon im September 2002 erfolgte die Grundsteinlegung, im März schon die Eröffnung der ersten Schule nach dem Krieg, zunächst als Grund- und Mittelschule, inzwischen mit gymnasialer Oberstufe. Das Grundstück wurde aus dem privaten Besitz von Dr. Nabiyar an den Staat überschrieben. „Ich kenne dort über meine Verwandten sehr viele Leute und natürlich die Mentalität. Ohne Beziehungen wäre das alles nicht möglich gewesen. Aber ohne meine Freunde Dr. Arnhild und Rolf Scholten auch nicht“, betont der fast 69-Jährige, dessen Engagement als Vorsitzender des Vereins Eschan auch von seiner Frau Parwin unterstützt wird.

Die Scholtens warben vor Ort als Lehrer des Bergstadt-Gymnasiums (BGL), das Patenschule der Atefa-Schule wurde, für das Projekt, sammelten über ihre Kontakte und Aktionen Spenden und vermittelten Patenschaften. So haben alle BGL-Klassen seit 2004 Patenschaften übernommen. Für diesen Part ist Dr. Arnhild Scholten zuständig, ihr Mann Rolf kümmert sich um die Buchhaltung und die regelmäßig erscheinenden Infoblätter, die genau über die Entwicklung in Estalef informieren und über die Verwendung der Spenden.

„Für die Spenden und deren Verwendung gilt das Sechs-Augen-Prinzip. Die Dokumentierung und eine doppelte Kontoführung garantieren den genauen und zielgerichteten Einsatz der Spenden. Transparenz ist uns sehr wichtig“, betonen die Scholtens. Die Spender konnten daher durch die Infoblätter und auch durch Briefe der Mädchen aus Estalef genau verfolgen, wie die Schule nach und nach wuchs. Geplant zunächst 140 Schülerinnen und Klassen von 1 bis 5, sind es inzwischen weit mehr als 500 bis zur Klasse 12.

Außerdem gibt es einen „Betriebskindergarten“ und für die oberen Jahrgänge nachmittags zusätzliche Kurse, zum Beispiel in Nähen und Hygiene. 2010 absolvierte der erste Jahrgang sein Abitur. Inzwischen studieren 22 ehemalige Schülerinnen, 13 auf Lehramt, sechs werden Hebammen, eine medizinische Assistentin, eine Jura und eine Medizin.

Fördermittel gab es von der deutschen Botschaft in Kabul für den Bau eines Wasserreservoirs, einer hygienischen Toilettenanlage und für einen Erweiterungsbau aus Frankreich. Der Verein Eschan arbeitet mit dem Verein Malalay aus Rennes zusammen. „Wir danken allen Spendern, ob privaten oder von verschiedenen Organisationen, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre“, sagt Dr. Anwar Nabiyar, der im April wieder nach Estalef fahren wird. „Die einzige Rettung ist die Bildung. Sie schafft Selbstbewusstsein und einen anderen Blick auf die Welt, eine friedlichere Welt.“

 ‘ Kommentar

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare