Wahlkreis 149

Die Bundestagskandidaten: Der Traum von einer anderen Gesellschaft

Portrait Bundestagskandidatin Die Basis Welz
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Dagmar Welz ist über die Querdenker-Bewegung zur Partei Die Basis gekommen. Sie sieht die Querdenker-Bewegung aber inzwischen kritisch.

Im Wahlkreis 149 (Olpe/Märkischer Kreis I) bewerben sich neun Kandidaten um das Bundestagsmandat. Eine davon ist Dagmar Welz, die für die neue Partei „Die Basis“ kandidiert.

Lüdenscheid – Es ist nicht schwer zu erraten, in welcher Wohnung an der Parkstraße in Lüdenscheid Dagmar Welz zu Hause ist. Sie hat die Fenster ihrer Wohnung dieser Tage nämlich durchaus bemerkenswert, für den Fußgänger gut sichtbar, dekoriert. Mit Wahlplakaten der Partei Die Basis, deren Bundestagskandidatin Welz ist im Wahlkreis 149. Zum ersten Mal. Natürlich, so alt sind die Partei und auch das politische Engagement der stellvertretenden Sprecherin des Kreisverbandes ja noch nicht.

Dagmar Welz vertritt damit diese Partei, die aus der Querdenker-Bewegung hervorgegangen ist. Auch im Märkischen Kreis. Erst die Mahnwachen am Rosengarten, später die Parteigründung in der Lüdenscheider Oberstadt. Es ist eine sehr aktuelle Partei, quasi ein Produkt der Pandemie oder zumindest der gesellschaftlichen Folgen derselben.

Für Welz ist Corona eine Art Sichtbarmacher gewesen für das, was eigentlich auch so beim sensiblen Hinschauen hätte gesehen werden können. „Das Maximalprinzip? Wir haben doch gewusst, dass es nicht mehr so weitergehen kann. Schauen wir auf die Umwelt: Wir sägen an unserem eigenen Ast“, sagt Welz, „aber wir stehen nun davor und können das Beste daraus machen. Das finde ich gut!“

Die Bundestagskandidaten: Welz und der Traum von einer anderen Gesellschaft

Probleme zu benennen, aber auch voller Zuversicht und Mut Lösungen ins Visier zu nehmen: Diese Herangehensweise wird sich im Laufe des Gesprächs wiederholen. Vielleicht auch deshalb, weil die 55-Jährige Analyse und Beratung inzwischen zu ihrem Beruf gemacht hat: Als die Pandemie ihr in der Probezeit bei der neuen Firma den Job gekostet hat, hat sich Dagmar Welz entschieden, etwas Neues zu machen.

Nun lässt sie sich zur Heilpraktikerin und Psychotherapeutin ausbilden. Kurse, Vorlesungen, und parallel läuft im Online-Format schon die Lebensberatung, die sie anbietet. Ein großer Markt. „Davon lebe ich gut“, sagt sie, „es geht mir darum, den Menschen Möglichkeiten aufzuzeigen und beim Reflektieren zu helfen.“ Für sich selbst hat sie eine eigene Praxis als Zielvorstellung, um dann auch den Menschen mit Sitzungen in Präsenz helfen zu können.

Bei Dagmar Welz ist vieles fließend, ihre Ansätze fürs Leben sind auch ihre Ansätze für die Politik. Dazu gehört, sich immer wieder selbst zu hinterfragen, das eigene Tun zu reflektieren. „Wir müssen auch zu dem, was wir falsch machen, stehen können“, sagt Welz, „man geht einen Weg und stellt nachher fest, dass er falsch war. Dann muss man dazu stehen, muss sagen: Okay, ich habe falsch gelegen, aber ich habe es nicht besser gewusst. Genau das habe ich aber zuletzt bei den Querdenkern nicht gesehen. Sie stehen nicht dazu, wenn etwas schiefläuft. Deshalb habe ich mich da auch distanziert.“

Treffen am Rosengarten gegen Ängste, Isolation und Depression

Am Anfang ist es Welz in der Corona-Pandemie vor allem wichtig gewesen, die Leute am Rosengarten zu treffen. Sie saß zu Hause, allein mit ihrer Angst, die auch eine Existenzangst war. Sie dachte viel nach. „Irgendwas fühlt sich nicht richtig an“, stellte sie fest, wenn sie die Berichte über Corona anschaute, die Zahlen. Sie wollte mehr wissen. Und sie wollte Menschen treffen, die auch Zweifel hatten.

„Man sollte mit seinen Gedanken nicht allein sein“, erinnert sie sich, „Isolation löst Depressionen aus. Viele hatten Ängste, wie sie da rauskommen.“ So ist sie der in Lüdenscheid sehr moderat aufgestellten Gruppe treu geblieben und über die Querdenker zur Basis-Partei gekommen. Auf einmal war sie politisch aktiv.

„Ich bin immer ein politischer Mensch gewesen“, sagt Dagmar Welz. Die Zeit für Politik indes muss man sich auch leisten können. Welz konnte sich keine Politik leisten. Als eines von sieben Kindern am Wehberg aufgewachsen, wurde Welz bereits im Alter von 15 Jahren schwanger. „Ein einschneidendes Ereignis“, sagt Welz, „auf einmal bin ich mir meiner Verantwortung bewusst geworden für mein Kind.“ Vorher hatte sie sich eher lustlos und unterfordert durch die Hauptschule am Wehberg gequält. „Es war die erste Wende in meinem Leben“, sagt Welz. Sie begann, gesund zu leben, erzog gemeinsam mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Brüdern ihre kleine Tochter und machte einen guten Abschluss auf der Handelsschule. Ihr Vater war nur vier Monate nach der Geburt ihrer Tochter verstorben. Es war keine leichte Zeit.

Wir müssen auch zu dem, was wir falsch machen, stehen können. Dann muss man sagen: Okay, ich habe falsch gelegen, aber ich habe es nicht besser gewusst. Genau das habe ich aber zuletzt bei den Querdenkern nicht gesehen...

Dagmar Welz über die Querdenker-Bewegung

Dagmar Welz kämpfte sich durch, machte bei Kostal eine Ausbildung zur Industriekauffrau, lernte einen neuen Mann kennen, wurde wieder schwanger, schloss die Ausbildung – nun verkürzt – aber ab. 1994 folgte das dritte Kind, nun ein Sohn. Eine glückliche Familie, doch als ihr Mann ein gutes Berufsangebot in Porta Westfalica bekam und gen Ostwestfalen ging, Welz aber in Lüdenscheid bleiben wollte, folgte nach einer Zeit der Entfremdung die Trennung.

Dagmar Welz arbeitete nun halbtags bei einem Wirtschaftsprüfer, kümmerte sich danach um ihre Kinder und ging abends im Gasthaus Budde kellnern. Ihre Kinder sollten es gut haben. Da gab es keine Reserven mehr für politisches Engagement. Das Leben war gut ausgefüllt, sehr gut sogar. Später folgte eine Zeit im Vertrieb von VDM Metals in Werdohl und dann bei Otto Fuchs in Meinerzhagen, doch des Fahraufwands wegen suchte sie sich danach einen neuen Job in Lüdenscheid, trat ihn an – und dann kam mitten in der Probezeit Corona. Der Betrieb trennte sich von den Arbeitnehmern, bei denen dies einfach möglich erschien.

Es sind immer wieder einschneidende Erlebnisse gewesen in ihrem Leben, die für Neuausrichtung gesorgt haben. Vor sieben Jahren hat sie sich von ihrem zweiten Mann getrennt. „Danach habe ich mir viele Fragen gestellt“, sagt sie. Fragen, die auch zu ihrem politischen Leitbild passen. „Wie leben wir in der Gemeinschaft, im Land, mit unseren Freunden?“, sagt sie, „viele Menschen sind traurig und leiden. Sie schauen zu viel auf andere und sehen, was ihnen nicht gefällt. Aber sie müssen fragen: Was kann ich selbst tun?“

Fundamentalkritik: „Das Land ist in einem schlechten Zustand“

Dagmar Welz hat ihr Leben neu geordnet, ihr neuer Job ist erfüllend, ihre politische Tätigkeit auch. Es geht ihr um eine neue Grundlage für ein Miteinander in der Gesellschaft. „Die Querdenker sind als Ventil für Unzufriedenheit in dieser Zeit eine gute Geschichte gewesen“, sagt sie, „aber sie sind in die falsche Richtung gegangen.“

Ihr Politikansatz ist ein fundamentaler. „Das Land“, sagt Welz, „ist in einem schlechten Zustand.“ Wenn sie dann den Finger in die Wunde legt, dann klingt sie mal wie eine Grüne, mal wie eine Linke und manchmal wie eine Christdemokratin. Das findet sie auch gar nicht schlimm. „Die machen ja nicht alles falsch“, sagt sie. Welz hat ihre Mutter in den letzten sechs Wochen ihres Lebens eng begleitet. Die Mutter lag im Krankenhaus, aber so schwer krank, dass eine würdevolle Sterbebegleitung von den Pflegekräften gar nicht zu leisten war. Welz und ihre Schwester halfen. „Da habe ich erkannt, wie desolat unser Gesundheitssystem ist“, sagt Welz, „meine Tochter arbeitet in der Altenpflege. Die Älteren sind allein und isoliert. Und wenn ihnen das Essen warmgemacht wird, dann mit der Mikrowelle, obwohl man weiß, dass das dann doch keine vernünftige Nahrung mehr ist.“ Welz ist nachdenklich. „Man könnte ganz anders agieren in diesem Umfeld. Die Älteren haben Besseres verdient. Es ist so vieles desolat. Aber das Geld wird in dieser Gesellschaft bei wenigen gehäuft. Da, wo es gebraucht wird, kommt es nicht an.“

Was Welz indes über allen anderen Dingen stört und was sie deshalb zu ihrem Wahlkampfthema gemacht hat, ist der Lobbyismus in der Politik. Den möchte sie am liebsten ganz abschaffen. „Wenn ein Politiker eine Entscheidung treffen muss und er bei der Lösung abzuwägen hat, ob er den Vorteil für alle wählt oder vielleicht die andere Lösung, die einen Vorteil für ihn hat, was tut er dann?“, fragt Welz, findet an der Partei Die Basis vor allem gut, dass man derlei Interessenkonflikte von vornherein ausschließen will. Sollte Welz ein politisches Mandat erhalten, so müsste sie als stellvertretende Sprecherin des Kreisverbandes abtreten. Klare Regeln. Die wünscht sich Welz für alle. „Bei der ARD machen sie Christine Strobel zur Programmdirektorin“, sagt sie, „ihr Vater ist Wolfgang Schäuble, ihr Mann auch in der CDU. Das finde ich schon sehr schwierig…“ Dagmar Welz würde dies und so vieles andere gerne ändern und findet, dass sich gerade jetzt in der Corona-Zeit die Chance auf Veränderung bietet.

Ich rate jedem zu mindestens einer Meditation am Tag: Es hilft, aus dem Aufgebrachtsein zur Ruhe zu kommen

Dagmar Welz über ihre Freizeitinteressen

Wahrscheinlich ist sie viel mehr Querdenkerin als, im negativen besetzten Sinne, viele Querdenker, die in Berlin auf die Straße gehen. Aber eine, die nicht spalten will, sondern zusammenführen. „Wir hatten ein Treffen, da haben Leute aus der Gruppe Befürworter des Tragens einer Maske wütend angegriffen“, erzählt Welz, „da habe ich gesagt: Hört auf! Die haben das Recht, diese Meinung zu haben. So wie wir das Recht haben, unsere Meinung zu haben. Ich wollte immer Vermittlerin sein. Was ich selbst einfordere, darf ich anderen nicht nehmen.“

In diesem Sinne macht sie Politik. Neben dem Job und ihren Hobbys. Schreiben, Malen, Bogenschießen und auf jeden Fall mindestens einer Meditation am Tag. „Ich rate das jedem, es hilft, aus dem Aufgebrachtsein zur Ruhe zu kommen“, sagt Welz. Gläubig (aber ohne Kirche), weltoffen (mit vielen Freunden, die als Ausländer in Lüdenscheid leben) und optimistisch, irgendwann das System aus Neid, Hass und Wut zu überwinden. „Ich kann mich doch nur einmal satt essen und auf eine Uhr schauen“, sagt Welz. Der Traum von einer Gesellschaft, in der die Menschen nicht traurig, sondern glücklich sind, an der Parkstraße lebt er… 

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