Wahlkreis 149

Die Bundestagskandidaten: Klaus Heger und die Geschichte einer Entfremdung

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Klaus Heger ist der Bundestagskandidat der AfD im Wahlkreis 149.

Im Wahlkreis 149 (Olpe/Märkischer Kreis I) bewerben sich neun Kandidaten um das Bundestagsmandat. Einer davon ist Klaus Heger. Der Wendener kandidiert für die AfD.

Kreisgebiet - Die Gemeinde Wenden im Kreis Olpe ist die südlichste des Sauerlandes. Knapp 20 000 Einwohner, aber mehr als ein halbes Dutzend Fußballvereine, davon einer in der Westfalenliga, zwei in der Landesliga und zwei in der Bezirksliga. Ein kleines Fußball-Paradies.

Klaus Heger kennt jeden dieser Vereine und zu jedem eine Geschichte. Auch über die Vereine, die es heute nicht mehr gibt. Er hat ja lange genug mitgemacht beim SV Rothemühle, der heute in der Bezirksliga spielt. Erst im Jugendvorstand, weil sein Sohn Oliver dort Fußball spielte, später dann als Kassierer. „Eigentlich Schatzmeister“, sagt Heger, „klar, ich war ja kaufmännischer Leiter einer IT-Firma in Olpe. Da wird man schnell für so etwas ausgeguckt. Das konnte ich ja auch…“

Aber 2015 hat er sein Engagement am Rothenborn beendet. Heger hatte etwas Neues vor, und vielleicht hat der heute 65-Jährige damals gespürt, dass das Neue mit dem Alten nicht kompatibel sein würde. Vielleicht hat er seinem Fußballverein Diskussionen ersparen wollen. Heger wurde 2015 Mitglied der Alternative für Deutschland (AfD) und ist nun bereits zum zweiten Mal der Bundestagskandidat im Wahlkreis Olpe/Märkischer Kreis I für die Partei vom rechten Rand des Parlaments.

Die Bundestagskandidaten: Klaus Heger und die Geschichte einer Entfremdung

Ortstermin im „Wirtshaus“ in Meinerzhagen. Dunkles Hemd, dunkles Sakko, frischer negativer Schnelltest: Klaus Heger ist bereit für ein Gespräch, in dem es um ihn gehen soll, den Menschen Klaus Heger. Heger erzählt von seiner behüteten Kindheit mit drei Geschwistern im Duisburger Wasserviertel, von seiner bis heute währenden Leidenschaft für den MSV („Einmal Zebra, immer Zebra…“) und davon, dass die Familie dann bald nach Ratingen zog.

Nach dem Abitur schlug er erst die Unteroffizierslaufbahn bei der Bundeswehr (am Ende als Fähnrich) ein, damals Anfang der 70er-Jahre. Köln, Hilden und Bremen waren seine Stationen bei der Armee. Hegers Vater war zu dieser Zeit CEO bei der Kaufring AG, der Einkaufsgenossenschaft Rheinisch-Westfälischer Kaufhäuser. Kleine, eigenständige Kaufhäuser waren in dieser Zeit noch verbreiteter als heute. Sie waren eine Art Amazon des alten Jahrtausends. Heger selbst kam nach dem Bund bei Horten unter und ging für den Warenhauskonzern nach Hongkong. Er lernte dort erst bei Horten, fand dann aber im Büromaschinenhersteller Olympia einen neuen Arbeitgeber, der eine spannende Aufgabe mit einem spannenden Absatzmarkt in Asien für ihn bereithielt. Parallel machte er sein Fernstudium, lernte seine heutige Frau kennen, eine Hongkong-Chinesin. Sein Sohn Daniel kam zur Welt. Heger spielte in Hongkong auch Fußball. „In einer Freundschaftsliga. Einmal im Jahr ging es nach Thailand, auf die Philippinen oder nach Taiwan“, erzählt der Hobbykicker, „der Fußball hat mir den Einstieg dort sehr erleichtert.“

13 Jahre waren es am Ende in Hongkong, von Ende 1982 bis 1996. Dann sollte es zurückgehen. „Dafür gab es zwei Gründe“, erinnert sich Heger, „zum einen die Übergabe von Hongkong an China durch die Briten. Ich hatte einen Onkel, der hatte es unterschätzt, als die DDR die Grenzen zugemacht hat. Der ist dann aus Thüringen nicht mehr herausgekommen...“ Angst. Der andere Grund: Sohn Daniel sollte normal aufwachsen. „Die Kinder von Führungskräften in Hongkong werden doch sehr verwöhnt“, erzählt Heger. Diesen Weg wollte er dem Sohn ersparen.

Also fand die junge Familie ihr neues Glück in Wenden. „Das war sicherlich riskant, von der Weltmetropole in so einen kleinen Ort“, sagt Heger, der kaufmännischer Geschäftsführer eines Familienunternehmens der IT-Branche wurde. Wieder half der Fußball. In diesem Fall der SV Rothemühle. Und Heger passte gut hinein in einem Fußballklub wie diesen.

Ich war immer ein Verfechter der Marktwirtschaft. Und wenn ich es nicht vorher schon gewesen wäre, wäre ich es in Hongkong geworden. Nur die Marktwirtschaft schafft Wohlstand!

Klaus Heger

Klaus Heger war dazu auch schon in den 90er-Jahren ein politischer Mensch, war es auch in seiner Jugend schon gewesen. Er wurde nun Mitglied der CDU. Sohn Daniel trat in der neunten Klasse auch der Jungen Union bei. Ein im besten Sinne bürgerliches Leben im beschaulichen Rothemühle war es, nebenan der vollintegrierte Nordafrikaner, daheim eine Hongkong-Chinesin als Ehefrau und einen Sohn wurde, der beim Türkei-Urlaub optisch für einen türkischen Landsmann gehalten wurde, wie es Klaus Heger im „Wirtshaus“ erzählt. Wie aber passt das zusammen mit einem Engagement in der Partei, die von der Gesellschaft vor allem als fremdenfeindlich und rassistisch wahrgenommen und gebrandmarkt wird?

Hegers politische Geschichte ist die Geschichte von vielen Enttäuschungen. „Mein politischer Standpunkt ist der Standpunkt der CDU in den 90er-Jahren“, sagt er, „diesen Standpunkt habe ich noch immer, aber die CDU ist nicht mehr da. Ich bin nicht nach rechts gerutscht, aber die CDU ist hinterm Horizont verschwunden.“ Der Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima, die Abschaffung der Wehrpflicht, die Demontage von Friedrich Merz, den Heger für einen guten Mann hält. All das ließ die Erkenntnis reifen, dass die CDU nicht mehr seine Partei war.

Dazu kam, dass Berlin 2004 in den Wendener Bürgermeisterwahlkampf eingriff. So jedenfalls hat es Heger in Erinnerung. Er hielt CDU-Mann Peter Brüser für einen guten Bürgermeister in Wenden, doch dann wollte die CDU stattdessen Antonius Halbe installieren. Halbe hatte in Berlin bei der Partei und wohl auch im Umkreis von Angela Merkel gearbeitet. Merkel kam seinerzeit zum Wahlkampf nach Wenden und warb für den neuen Mann. Die CDU stellte Halbe auf, doch Brüser gewann als parteiloser Kandidat mit Zwei-Drittel-Mehrheit. „Das alles hat mich von Merkel entfremdet“, sagt Heger, „und als dann noch die Euro-Rettung nach der 
Griechenland-Krise dazukam, war es der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.“ Er verabschiedete sich von den Christdemokraten.

Parteieintritt in die AfD im Mai 2015

Es sollte indes Jahre dauern, bis er den Schritt zum Parteieintritt in die AfD wagte. Heger hatte diese neue Gruppierung mit Lucke und Henkel an der Spitze eher als Honoratiorenpartei wahrgenommen. Wobei die Themen Henkels und Luckes – also die Europa-Kritik und die Finanzmarkt-Politik – seine Themen waren und noch heute sind. Im Mai 2015 entschied er sich zum Parteieintritt. „Im Mai“, betont Heger, „also noch vor den Flüchtlingsströmen.“ Ihm ist wichtig, dass diese Ströme nicht seine Motivation gewesen ist.

Heger („Ich war immer ein Verfechter der Marktwirtschaft. Und wenn ich es nicht vorher schon gewesen wäre, wäre ich es in Hongkong geworden. Nur die Marktwirtschaft schafft Wohlstand!“) kann sich dann gerne in Details zur Geldpolitik der Europäischen Zentralbank im Verhältnis mit der Deutschen Bundesbank vertiefen. Es ist das Thema, bei dem er in seinem Element ist. „Wenn’s die AfD nicht gäbe, müsste sie bei diesem Thema erfunden werden“, sagt er. Heger hat es in der NRW-AfD zum Leiter des Landesfachausschusses Finanzen, Währung und Steuern gebracht und sitzt in der Programm-Kommission, die die Landtagswahl fürs nächste Jahr vorbereitet. Dazu sitzt er im Bundesfachausschuss für Finanzen. Ein Bundestagsmandat in Berlin allerdings wird kein Thema, auf der Landesliste in NRW steht er dafür nicht. Und ein Direktmandat ist, nun ja, ausgeschlossen. „Ich will da auch keine alten Schlachten schlagen“, sagt er, „es geht mir darum, für eine gute Zukunft zu argumentieren.“

Aber wird die Protestpartei AfD wegen seiner Themen gewählt? Und wie steht Heger selbst zu den Ausländerfragen? Es ist ein heikles Thema. „Wenn ich mit Freunden zusammensitze, können sie meinen Argumenten oft folgen, aber viele sagen dann auch: Ich kann die Partei nicht wählen und verweisen auf die Flügellaner im Osten“, sagt Heger. Der Flügel sei zwar offiziell abgeschafft, aber die Flügellaner gebe es eben immer noch, gesteht er ein und erzählt dann die Geschichte von einem Termin in Siegen. Es war die Zeit, kurz nach der Fliegenschiss-Rede des AfD-Ehrenvorsitzenden Gauland. „Da saßen zwei Bundestagsabgeordnete an meinem Tisch. Denen habe ich gesagt, dass sie Herrn Gauland ruhig sagen sollen, dass er auf so etwas verzichten kann“, erzählt Heger. Er mag den Populismus vom rechten Rand nicht. Die Aussprüche eines Mannes wie Björn Höcke nennt er bedenklich. „Aber man darf Herrn Höcke nicht überschätzen“, sagt Heger, „er wirkt nur in seinem Bundesland, gehört in der AfD keinem einzigen Bundesfachausschuss an.“

Heger glaubt, dass die Partei ohne das Ausländerthema und die Zuspitzungen der Flügellaner noch besser dastehen könnte. Aber stimmt das? Ist die AfD nicht gerade im Osten, wo die Flügellaner besonders stark sind, auch besonders stark? Heger hat hier eine ganz eigene Theorie. „Im Osten haben die Menschen erlebt, wie ein Land vor die Wand gefahren worden ist“, sagt der Mann aus Wenden, „und nun sind wir wieder dabei, ein Land vor die Wand zu fahren. Deshalb wählt man dort die AfD, nicht wegen Höcke…“

Eine besondere Situation in der Familie

Und wie hält Heger es mit dem Ausländerthema? Der 65-Jährige erzählt dann von seinem gut integrierten Nachbarn, einem Nordafrikaner. Davon, dass er den qualifizierten Zuzug von Arbeitskräften mitgemacht hat in Hongkong, er war ja selbst eine („Da musste ich beweisen, weshalb ich den Job machen muss und kein Einheimischer…“). Und er sieht die Flüchtlingsfrage auch durch die Brille des Finanzexperten, kritisiert die Kosten – und auch die Kriminalitätsrate. Das AfD-Thema ist in einer Familie mit einer Hongkong-Chinesin als Ehefrau und einem Sohn mit halb-asiatischem Aussehen natürlich kein einfaches. „Ich habe meinen Sohn gefragt, ob er im Beruf Nachteile befürchten würde, wenn ich in die AfD eintrete“, erzählt Heger, „aber er hat das verneint. Es gebe in Deutschland keine Sippenhaft…“

Der Sohn ist inzwischen als Wirtschaftsinformatiker in Köln gelandet. Seiner Frau gegenüber ist er auch mit sich im Reinen. „Ich habe ihr 1996 versprochen, dass sie hier in ein sicheres Land kommt“, sagt er, „das habe ich nach 2015 gefährdet gesehen…“

Sie haben es akzeptiert, aber ob es Wählerstimmen aus der Familie gibt? Die Geschwister seien in den 70er-Jahren eher nach links unterwegs gewesen, sagt Heger, so sei die Zeit gewesen. Und bei seinem Sohn könne er sich gut vorstellen, dass er die CDU wähle. Klaus Heger, schon in den 70ern konservativ und patriotisch unterwegs, findet sich trotzdem genau richtig aufgehoben in seiner Partei. Natürlich, sonst würde er sich den Wahlkampf-Stress nicht antun.

Stress, den er ganz gut schafft, weil seine zweite Leidenschaft im Ruhestand inzwischen das Radfahren ist. Nach Rothemühle geht es immer den Berg hinauf. Er schafft das noch ohne Hilfsmotor und ist stolz darauf, auch wenn er hier und da von älteren Damen auf E-Bikes überholt wird. „Daran habe ich mich gewöhnt“, sagt er. Man gewöhnt sich an vieles. „Ein Zeitungskollege hat gesagt, ich sei mehr Lucke als Höcke“, erzählt Heger am Ende des Gesprächs über den Menschen Heger. Er lächelt, der Gedanke gefällt ihm. Wenn er sich seine Parteifreunde aussuchen dürfte – der VWL-Professor wäre wohl eher dabei als der Landeschef aus Thüringen.

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