Wahlkreis 149

Die Bundestagskandidaten: Holger Thamm, ein Verfechter für mehr Offenheit 

Politiker vor dem Geschichtsbrunnen in Olpe
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Holger Thamm vor dem Geschichtsbrunnen am Kurkölner Platz in Olpe: Seit zehn Jahren ist der Bundestagskandidat der Grünen in Olpe zu Hause.

Im Wahlkreis 149 (Olpe/Märkischer Kreis I) bewerben sich neun Kandidaten um das Bundestagsmandat. Einer davon ist Holger Thamm. Der Olper kandidiert für die Partei Bündnis 90/Die Grünen.

Kreisgebiet – Es ist die hohe Zeit des Wahlkampfes, eines besonders spannenden Wahlkampfes. Doch der läuft nicht immer so, wie ihn sich seine Protagonisten wünschen. „Es bleibt oft bei Schubladen“, sagt Holger Thamm und schaut in diesem Moment ein wenig traurig drein in Schröder’s Café am Rande der Olper Innenstadt.

Thamm bedauert das. Einerseits aus fester Überzeugung, dass es nie gut ist, in Schubladen zu denken. Andererseits aber vielleicht auch, weil der Bundestagskandidat der Partei Bündnis 90/Die Grünen selbst in keine Schublade zu passen scheint.

Den Tag hat der 48-Jährige bis zu diesem Punkt gemeinsam mit dem Bundestagsabgeordneten Oliver Krischer beim Finnentroper Sägewerk Vente und danach beim Lennestädter Unternehmen Tracto verbracht. Tracto steht für die Maulwurf-Technologie, mit der Rohrleitungserweiterungen ohne Aushub- und Wiederherstellungsarbeiten möglich werden. Es geht um Innovationen.

Die Bundestagskandidaten: Holger Thamm, ein Verfechter für mehr Offenheit 

„Das macht einfach Spaß“, sagt Thamm mit Blick auf diese Termine. Wahlkampf, der den Horizont erweitert. Schon allein deshalb bereut er es nicht, als Kandidat angetreten zu sein. „Aber es war auch notwendig, weil wir thematisch etwas ändern wollen“, sagt er, „es geht darum, Themen voranzubringen. Wir kommen auf jeden Fall Schritt für Schritt weiter mit dieser Wahl.“

Nun soll es gar nicht so sehr um Inhalte und politische Themen gehen an diesem Nachmittag, sondern um Holger Thamm selbst, der erst seit 2019 bei den Grünen dabei ist – und nun direkt für den Bundestag kandidiert. Um diesen sportlichen Hünen mit Hemd und Sakko, der mit seiner ruhigen Art offenkundig keiner ist, der die Herzen im Sturm erobert. Eher ein sachlicher Analytiker, aber mit Tiefgang.

Thamms Heimat ist der Kreis Holzminden. Im Dreiländereck Niedersachsen/Hessen/NRW ist er groß geworden: Schule, Fachabitur, und nach der Ausbildung zum Industriekaufmann ging es weiter nach Höxter, um Technischen Umweltschutz zu studieren. Höxter, das war nur um die Ecke, aber ein neues Bundesland: NRW. Thamm schloss das Studium als Diplom-Ingenieur ab.

„Es war damals eine sehr bewusste Entscheidung, das Umweltthema aus den 80er-Jahren hat mich umgetrieben“, sagt er. Bei den Grünen war er längst noch kein Mitglied zu dieser Zeit, aber bei Greenpeace. Und er bewunderte einen Christdemokraten: Klaus Töpfer, den Mann aus Höxter, der als Bundesumweltminister im Kabinett Kohl Akzente setzte. „Er war für mich ein Vorbild bei diesem Thema“, sagt Thamm, „aber auch von seiner Art: integer, sachlich und verlässlich.“

Wenn man die optimalen Schnittmengen einer Ampel-Koalition finden würde, wäre das vielleicht keine schlechte Geschichte!

Holger Thamm über mögliche Regierungs-Koalitionen

Wer Thamm in Schröder’s Café beobachtet, sieht auch einen reflektierten Mann, dem man diese Attribute gut zutraut. Und vielleicht auch den Fußballtorwart, der Thamm gewesen ist in dieser Zeit, als Töpfer in Berlin die Strippen beim Umweltschutz zog. Das Portal transfermarkt.de weist für Holger Thamm immerhin 2700 Regionalliga-Minuten (ohne Nachspielzeit) aus oder 30 Spiele. Die Regionalliga war in den 90er-Jahren die dritthöchste Spielklasse im deutschen Fußball – die 3. Liga gab es noch nicht.

In Göttingen und in Paderborn kickte Thamm auf diesem Niveau, in der ostwestfälischen Bistumsstadt unter anderem eine Saison lang mit Dieter Hecking, Pavel Dotchev und Daniel Farke. „Sie haben einen anderen Weg eingeschlagen als ich“, sagt Thamm und lächelt. Der langjährige Bundesliga-Trauner Hecking ist heute Sportvorstand in Nürnberg, Farke trainiert Norwich City und Dotchev den MSV Duisburg.

Sportbegeisterung: Gummersbach, Ferndorf und die Roosters

Thamm hat sein Talent auf andere Weise genutzt: Er ging mit einem Fußballstipendium in die USA und weiter nach Südafrika, studierte noch „Business Administration“. Zwei Jahre in der Fremde. „Über den Sport ins Ausland zu gehen, dazu kann ich jedem nur raten“, sagt der Ex-Keeper. Nach dieser Zeit im Ausland war indes mit dem Fußball Schluss. „Von Hundert auf Null“, sagt er, was den BVB-Anhänger nicht daran gehindert hat, sich die Begeisterung für den Sport im Allgemeinen zu bewahren. Zum VfL Gummersbach fährt er gerne, auch zum TuS Ferndorf oder den Iserlohn Roosters. Die Augen leuchten, wenn er davon erzählt.

Seine drei Kinder (sieben, neun und elf Jahre alt) spielen allesamt beim TV Olpe Handball. Vater Fußballer, Mutter Schwimmerin – da ist Handball ein guter Kompromiss. Holger Thamm sitzt bei den Spielen gerne am Zeitnehmertisch. „Schalksmühle, Halver oder Lüdenscheid, da kenne ich die Sporthallen vom Handball“, sagt er, nun lernt er die Städte auch im Wahlkampf kennen.

Als Thamm sich vom aktiven Fußball verabschiedete, ging es beruflich für ihn nach Berlin. Er suchte seinen ersten Job und fand ihn als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag. 2005 war das. „Ich habe Stellen bei der FDP oder den Grünen durchgeschaut“, erzählt der Niedersachse, „und bin dann bei Angelika Brunkhorst von der FDP gelandet. Die kam aus Delmenhorst, also Niedersachsen, das machte vieles leichter.“ Brunkhorst war in dieser Zeit Mitglied des Umweltausschusses im Bundestag. Im Büro an der Dorotheenstraße im Bezirk Mitte beackerte Holger Thamm für sie die Umweltthemen. „Es ging um Natur- und Artenschutz, aber auch um Stromleitungen für erneuerbare Energien“, erinnert er sich, „aber eigentlich gab es von allem ein bisschen…“

Thamm denkt gerne an die Zeit in Berlin zurück. Seine Partnerin aber lebte in Karlsruhe, man schmiedete neue Pläne und zog 2008 nach Hannover. Thamm heuerte beim Holzmindener Unternehmen Stiebel-Eltron an. Er war nun auf einmal Lobbyist, übernahm die Interessen-Vertretung des Unternehmens gegenüber Verbänden und der Politik – im Bund, im Land und in der EU. Heizungen, Wärmepumpen, Wohnungslüfter auf Basis erneuerbarer Energien. „Man kann über Interessenvertretungen und darüber, was bei diesem Thema richtig und was falsch läuft, lange diskutieren“, sagt Thamm, „aber im Moment regelt die Politik den Markt, auf dem wir unterwegs sind. Mit Förderungen und Vorschriften.“ Mit anderen Worten: Stimmen die Rahmenbedingungen nicht, wird es schwierig für ein Unternehmen wie jenes, dessen Interessen Thamm vertritt.

Mehrgenerationenhaus-Modell am Standort in Olpe

Hannover blieb nur eine Durchgangsstation, was mit den privaten Planungen zu tun hatte: Die Familie plante mit einer Immobilie und in diesem Kontext mit einem Mehrgenerationenhaus – so kamen die Thamms nach Olpe, in die Heimat seiner Frau. Seit zehn Jahren nun lebt man mit drei Generationen unter einem Dach. In Olpe fühlt sich Holger Thamm wohl, nur die schlechte Bahnanbindung empfindet er als wenig optimal. Aber vom Freizeitwert schätzt er seine neue Heimat sehr.

Auch beruflich war der Umzug nach Südwestfalen kein Problem für Holger Thamm, der mit der Geburt seiner Kinder ohnehin seine Arbeit auf vier Wochentage (80 Prozent) reduziert hatte. „Mein Schwerpunkt lag inzwischen in Brüssel – und der Weg von Olpe nach Brüssel ist kürzer als nach Berlin“, sagt er, „durch die Pandemie ging dann ohnehin nur noch alles online. Ich glaube auch nicht, dass sich dies wieder ändern wird.“

Und damit zurück zur Politik: Seit seiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter war Thamm FDP-Mitglied gewesen. Bis ins Jahr 2017. Der Koalitionsvertrag von CDU und FDP in NRW war es, der ihn endgültig heraustrieb aus der Partei, in der er sich schon länger nicht mehr richtig zu Hause fühlte. Wieder dauerte es zwei Jahre – dann entschied sich Thamm, bei den Grünen einzutreten. „Die Art und Weise, wie die Partei aufgestellt ist, von den Strukturen, aber auch den Personen, hat mich überzeugt“, sagt der 48-Jährige. Inzwischen ist er in Olpe Kassierer des Ortsverbandes und auch Kassierer des Kreisverbandes. Und nun auch noch der Bundestagskandidat.

„Ich bin noch nicht lange genug dabei, um auf der Landesliste zu stehen“, sagt er. Nach Berlin wird es ergo nicht gehen. „Aber über die Arbeit als Kandidat kann man bekannter werden“, sagt er und schaut in die Zukunft. In der Gegenwart erfreut er sich am Wahlkampf, an den Begegnungen und jenen Terminen, die den Horizont erweitern. Aber er verzweifelt auch ein bisschen daran, wenn es nicht gelingt, die Menschen zu erreichen.

Katrin Göring-Eckhardt als großes Vorbild

„Wir hatten einen Termin organisiert zur sozialen Infrastruktur“, sagt Holger Thamm, „mit unserem Bundestagsabgeordneten Markus Kurth und anderen Experten auf diesem Gebiet, unter anderem von der Caritas. Es sollte um die Rente gehen, um die Gesundheitsversorgung in der Region, um Krankenhäuser. Das geht doch irgendwie jeden etwas an. Aber das Interesse war dann doch nicht so ausgeprägt. Man erreicht immer nur die eigenen Leute.“ Kurze Pause, dann sagt er diesen Satz: „Es bleibt oft bei Schubladen…“

Mehr Offenheit für den Diskurs, mehr Reflektion würde sich der Grüne wünschen. Auch im Umgang mit seiner Partei. „Fakt ist doch: mit oder ohne die Grünen – das E-Auto kommt auf jeden Fall. Schon allein, weil VW sonst in Kalifornien keine Autos mehr verkaufen kann. Aber auch, weil die Technik überzeugt“, sagt Thamm, „aber die Leute machen es sich einfach. Sie zeigen auf die Grünen und sagen: Die verbieten alles. Sie wollen gar nicht konkreter in die Diskussion einsteigen.“

Thamm hätte für diese Diskussionen auch gerne Katrin Göring-Eckhardt in seinem Wahlkreis begrüßt, aber das hat nicht geklappt. Thamm schätzt Göring-Eckardt, die für die Grünen schon Vizepräsidentin des Bundestags war, die die Bundestagsfraktion geführt hat und fernab der Politik auch Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland war. Göring-Eckardt steht für Thamm auf einer Stufe mit Klaus Töpfer: ein Vorbild eben. Vielleicht auch deshalb, weil auch Holger Thamm ein gläubiger Protestant ist. Die Oma Küsterin, der junge Holger Thamm „handfest mit der Kirche verbunden“ – ein Thema, das ihn wie die Politik immer beschäftigt hat. „Eine gute Orientierung in allen Dingen“, sagt der 48-Jährige. Der Glaube ist sein Fundament.

Kritik am Politik-Stil: überheblich oder wenig kompetent

In einer Regierung mit den Christdemokraten („Für eine Erneuerung des Landes und auch einer Erneuerung der CDU wäre das nicht gut…“) sieht er seine Partei trotzdem nicht so gerne, auch nicht mit der Linken. „Wenn man die optimalen Schnittmengen einer Ampel-Koalition finden würde, wäre das vielleicht keine schlechte Geschichte“, sagt Thamm, „es gibt so viel zu tun in diesem Land, und dafür muss man sich zusammenraufen. Digitalisierung, Pflege, Demographie, Bildung, Klimaschutz – wir brauchen gute Ergebnisse für dieses Land.“

Thamm ist nun noch ernster geworden. Er hat im Bundestag gearbeitet und vielen Politikern als Interessenvertreter gegenüber gesessen. „Es müsste sich auch im Stil etwas ändern“, sagt er, „ich kenne nun genug Abgeordnete, ohne Namen und Parteien zu nennen.“ Manche hat er als überheblich kennengelernt, andere als wenig kompetent in den Fragen, um die es ging. Thamm hält inne, dann sagt er: „Ich denke manchmal: Das kann nicht sein, dass die mich nun vertreten.“ Wieder hält er inne, dann sagt er: „Dann mache ich es doch lieber selbst…“

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