Wahlkreis 149

Die Bundestagskandidaten: Ein Liberaler auf der Überholspur

Bundestagskandidat Vogel Portrait
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Johannes Vogel gut gelaunt beim Wahlkampf in Lüdenscheid: „Man muss Wahlkampf mögen, dann treibt einen die Energie da hindurch...“

Im Wahlkreis 149 (Olpe/Märkischer Kreis I) bewerben sich neun Kandidaten um das Bundestagsmandat. Einer davon ist Johannes Vogel, der für die Freien Demokraten kandidiert.

Kreisgebiet – „Lassen Sie uns bohren“, sagt Johannes Vogel, als er einen Platz auf den Steintreppen am Sternplatz in Lüdenscheid eingenommen hat. Es ist ein Sonnentag, die Steintreppchen laden zum Verweilen ein, in diesem Sommer keine Selbstverständlichkeit.

Es soll um den frisch gewählten stellvertretenden Bundesvorsitzenden der FDP gehen. Um den ehemaligen Chef der Jungen Liberalen in Deutschland, um den früheren Chefredakteur des Mitgliedermagazins „jung & liberal“. Um den Generalsekretär der NRW-FDP, der für seine Kampagne für den letzten FDP-Wahlkampf in NRW 2017 sogar einen Preis gewonnen hat. Neben dem Preis, dass die FDP mit Laschets CDU wieder regieren durfte. Und um den FDP-Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises 149, der nun wieder in den Bundestag will. Natürlich.

Also um Johannes Vogel, 39 Jahre alt, seit einem Jahr glücklich verheiratet, Hund und Katze, (noch) keine Kinder. Johannes Vogel, der all das war oder ist. Aber es soll in den nächsten 60 Minuten um den Menschen gehen, nicht um das unbestrittene Polittalent, den Senkrechtstarter der liberalen Bewegung in Deutschland. Vielleicht auch um das, was noch nicht im Lebenslauf auf der eigenen Internetseite oder der Seite der Partei steht. In diesem Sinne: „Lassen Sie uns bohren!“

Die Bundestagskandidaten: Ein Liberaler auf der Überholspur

Johannes Vogel ist keiner, der viele Stichworte benötigt. Ein paar Stunden später, bei einer Wahlarena im Kulturhaus, werden die Moderatoren am Ende erleichtert feststellen, dass sich Vogel an die vorgegebenen Zeiten gehalten hat. Keine Selbstverständlichkeit. Am Sternplatz gibt es keine Stoppuhr.

Ein Leben vor der Politik hat jeder Politiker gehabt. Das von Vogel spielte sich in Wermelskirchen ab. Beim Fußballklub TuRu Wermelskirchen zum Beispiel. Torwart in der E-Jugend, ab D-Jugend rechtes Mittelfeld. „Es gab ja zwei Vereine am Ort“, sagt Vogel, „aber ich wollte unbedingt zu TuRu. Das hatte ich mir in den Kopf gesetzt. Der Name klang einfach besser…“

Auch wenn es über TuRu nicht zum Profifußballer reichte und das Kicken bei den B-Junioren irgendwann seinen Reiz verlor, bleibt Vogel die Zeit bestens in Erinnerung. „Ich war teilweise der einzige in der Mannschaft, dessen Familie seit Generationen in Deutschland lebte“, sagt er, „ich habe soviel dazugelernt an Vielfältigkeit.“ Er erzählt dann die Geschichte von seinem Mitspieler Kamil, streng muslimisches Elternhaus. Von der Fastenzeit und dem Sandwich, auf das sich Kamil stürzte, wenn es während des Trainings dunkel wurde. Und danach ging es auf dem Platz weiter. Dinge, die sich eingebrannt haben in Vogels Erinnerung.

Alles, was ich an der FDP gut fand, fanden sie auch gut. Alles, was ich verbesserungswürdig fand, fanden sie auch verbesserungswürdig!

Johannes Vogel (FDP) über seine Anfänge bei den Jungen Liberalen

Vogels Vater hatte mit 16 Jahren eine Ausbildung bei Bayer begonnen und war dem Chemiekonzern über Jahrzehnte treu geblieben. Es erklärt die Verbundenheit zu den Fußballern des Werksklubs. Ins Stadion mitgenommen vom Vater wurde auch der junge Johannes Vogel zum Bayer-Anhänger. Der FDP-Mann spricht von einer emotionalen Bindung zum Verein. „Bayer-Fans sind eine noch kleinere Minderheit als FDP-Anhänger“, sagt Vogel und lacht. Heute schafft es Vogel selten ins Stadion, die Zeit ist knapp, wie auch für andere Hobbys – das Reisen, Kinobesuche oder das Lesen.

Früher war er bei „allen wichtigen Spielen“ des Klubs dabei. 2001 in Unterhaching, wo Ballack & Co. die Meisterschaft am letzten Spieltag vergeigten. Und auch im Champions-League-Finale in Glasgow, das verloren ging. Nur 1988, als Bayer mit Erich Ribbeck den UEFA-Cup gewann, da war er erst sechs Jahre alt und noch nicht im Stadion. „Aber ich erinnere mich noch, wie mein Vater nach dem Spiel nach Hause kam, jubelnd und trötend“, sagt er, „aber sonst: Am Ende immer Vizekusen, am Ende haben wir noch alles verloren.“ Er hält inne, dann ergänzt er: „Irgendwann wird sie kommen, die Meisterschaft…“

Vogels Interesse verlagerten sich derweil schon während der Schulzeit vom Fußball zur Politik. „Mein Elternhaus war im besten Sinne politisch“, sagt er, „wir schauten die Tagesschau und diskutierten. Ohne Zynismus. Und ohne Parteimitgliedschaften – bis heute. Aber ich glaube schon, dass meine Eltern und meine Schwester inzwischen die FDP wählen. Ich habe sie überzeugt...“ Irgendwann ermutigte ihn ein Mitschüler, doch mal bei einer Jugend-Organisation vorbeizugehen. Es war auslaufende Kohl-Ära. Die FDP stützte Kohl. Vogel empfand Kohl als Teil des Problems, und die FDP gehörte irgendwie dazu. Er ging zu den Grünen.

In den 90er-Jahren von den Grünen zu den Julis

Auch deshalb, weil der Umweltschutz zum grünen Markenkern zählte, und weil sie bei Vogels Kernthemen in der Gesellschaftspolitik große Schnittmengen hatten mit seiner heutigen Partei. „Es war die Zeit des großen Lauschangriffs, wir hatten noch keine eingetragenen Lebenspartnerschaften. Es ging ums Staatsbürgerrecht“, erinnert er sich. Das Thema der Grund- und Bürgerrechte ist bis heute eines seiner Kernthemen geblieben – gerade in der Pandemie sieht er für die FDP als Bürgerrechtspartei eine ganz wichtige Rolle. Zum Beispiel, wenn es um die Ausgangssperre im Rahmen der Bundesnotbremse geht, gegen die er sich auch selbst deutlich positioniert.

Doch zurück zu den Anfängen: Ein Jahr lang klebte er für die Grünen Plakate, Mitglied wurde er nicht. „Mich hat auch keiner angesprochen“, sagt er. Aber er beschäftigte sich immer intensiver mit Politik, wollte sich mit der Wirtschaftspolitik der Grünen gar nicht anfreunden, las das Grundsatzprogramm der Jungen Liberalen und stellte fest: „Alles, was ich an der FDP gut fand, fanden sie auch gut. Alles, was ich verbesserungswürdig fand, fanden sie auch verbesserungswürdig.“

Also wechselte Johannes Vogel das Lager: Mit den Julis in Wermelskirchen setzte er Seite an Seite mit den Jusos „gegen die grauen Herren der CDU“ ein Jugend-Parlament durch und später den Nachtbus nach Köln. „Eine Forderung, die man als 16-Jähriger in Wermelskirchen für wichtig hält…“

Ein sinnvolles, erfüllendes Jahr. In wenigen Jahren meines Lebens bin ich so gereift wie in diesem. Ich würde das sofort wieder machen!

Johannes Vogel über seinen Zivildienst als Rettungssanitäter

Vogel blieb am Ball, weil er die „Wirkmächtigkeit“ seines Tuns spürte. „Ich habe gemerkt: Es lohnt sich, sich zu engagieren.“ So wurde er Bundesvorsitzender der Julis, 2009 mit 27 Jahren bereits Bundestagsabgeordneter. Er hatte als Juli-Vorsitzender einen Wahlkreis gesucht und war über Jens Holzrichter nach Lüdenscheid und Olpe gekommen. Vogel wohnte erst in Lüdenscheid, dann in Olpe. Es war eine Geschichte wie im Märchen. Und dann scheiterte die FDP 2013 krachend bei der Bundestagswahl, auch für den jungen Abgeordneten Johannes Vogel ein Schlag.

Nach dem Zivildienst als Rettungssanitäter auf der Feuerwache in Wermelskirchen („Ein sinnvolles, erfüllendes Jahr. In wenigen Jahren meines Lebens bin ich so gereift wie in diesem. Ich würde das sofort wieder machen!“) hatte Johannes Vogel in Bonn Politikwissenschaften, Geschichte und Öffentliches Recht studiert. Nun ging es darum, wie es ohne Parlamentstätigkeit weitergehen würde. „Ich habe den Rat eines Freundes angenommen und bin erst einmal gereist“, sagt Vogel heute, „ein Vierteljahr China.“ Sprachurlaub, aber nicht nur. „Ich brauchte den Abstand, um mir klar zu werden, wie es weitergehen sollte.“

Als er zurück war, zog er nach Köln, nahm ein Jobangebot der Agentur für Arbeit an, erst in Bonn bei der internationalen Abteilung, später in Wuppertal als Leiter der 400-Mann-Behörde. Parallel arbeitete er in Düsseldorf als NRW-Generalsekretär und arbeitete 2014 intensiv beim Leitbildprozess an der Erneuerung der Partei mit. „Es war eine harte Zeit, aber ich habe dran geglaubt. Ich war der Meinung, dass es weiter eine liberale Partei geben muss. Es ging Länder, in denen das nicht mehr so ist…“

Neue Glaubensheimat am Gendarmenmarkt

Wieder lohnte es sich: 2017 ging es über den Wahlkreis 149 zurück in den Bundestag und nach Berlin. Das Sauerland und Berlin: Vogel empfindet es als Privileg, beides zu haben. „Berlin muss man mögen. Ich habe das Glück, dass ich’s mag“, sagt er, „ich habe die Stadt mit ihrer rotzigen Art ins Herz geschlossen.“ Berlin ist inzwischen sein Lebensmittelpunkt. Hier hat der reformierte Protestant, der 2020 seine Frau geheiratet hat, am Gendarmenmarkt auch seine neue Heimat im Glauben gefunden – bei der französischen Kirche, der alten Hugenottengemeinde.

Zu Hause im Westen in Charlottenburg, joggt der Ex-Fußballer morgens im Tiergarten oder am Lietzensee, nachdem er die erste Hunderunde mit seiner erst fünf Monate alten Beagle-Hündin geschafft hat. Fünfmal die Woche. „Das brauche ich für die Fitness. Wenn es mal nicht geht, fehlt es mir, auch für die Denkleistung am Tag“, sagt er. Vogel, der sich in den ersten Jahren erst zum Laufen disziplinieren musste, ordnet heute beim Joggen seine Gedanken für den Tag, holt sich die Kondition, die ihn auch im Wahlkampf sehr frisch und gar nicht gestresst erscheinen lässt.

„Als ich ganz neu war in Berlin, hat mich ein Sicherheitsmitarbeiter am Eingang des Jakob-Kaiser-Hauses, in dem die Abgeordneten ihre Büros haben, gemustert“, erzählt er, „er habe schon viele Abgeordnete so schlank hier reingehen sehen, aber mit den Jahren und den vielen Sitzungen…“ Vogel hat es sich zu Herzen genommen. Er könnte heute als Schlussläufer einer erfolgreichen Mittelstrecken-Staffel durchgehen, auch in Stoffhose und weißem Hemd auf dem Lüdenscheider Sternplatz würde man ihm das zutrauen.

Demokratie heißt Kompromiss, aber wir gehen auch diesmal nur in eine Regierung, wenn wir unseren Wählern die Richtung erklären können…

Johannes Vogel über Regierungsoptionen

So biegt er nun im Endspurt auf die Zielgerade des Wahlkampfes ein. Mit Spaß. „Man muss Wahlkampf mögen, dann treibt einen die Energie da hindurch“, sagt er, wohl wissend, dass der Wahlkampf für ihn – nicht nur aufgrund der Corona-Pandemie, die mehr zulässt, als er befürchtet hatte – noch nie so facettenreich, aber auch anstrengend gewesen ist wie diesmal. Als stellvertretender Bundesvorsitzender geht er auch auf Nord- und Südtour. Mit klarem Ziel. Am Ende soll seine dritte Amtszeit in Berlin stehen. Vielleicht mit Regierungsverantwortung angesichts der unklaren Verhältnisse in diesem Jahr?

„Demokratie heißt Kompromiss“, sagt der Politik-Tausendsassa, „aber wir gehen auch diesmal nur in eine Regierung, wenn wir unseren Wählern die Richtung erklären können…“ Johannes Vogel hat große Zweifel, ob so etwas zum Beispiel in einer Koalition mit zwei linken Partnern möglich wäre. Jamaika oder eine Deutschland-Koalition scheinen ihm da aus FDP-Sicht die erstrebenswertere Variante.

Und persönlich? Johannes Vogel wird nicht mehr das Nesthäkchen sein. Er ist noch jung, aber die Rolle ist trotzdem eine andere. „Für Berliner Verhältnisse bin ich noch immer ein jüngerer Politiker“, sagt er, „aber klar: Man wächst mit der Verantwortung. Ich empfinde es als Privileg, was ich schon erleben durfte. Man muss Bock haben auf die Sachen, die man macht, und neugierig bleiben. Und man muss der Verantwortung gerecht werden, auch daran wächst man.“

Letzte Bohrung: Was aber soll dann nun der nächste Schritt sein? Womöglich ein Ministeramt? Vogel lächelt. „Über so etwas spekuliert man nicht. Da bin ich Profi genug“, sagt er. Kurze Pause. Dann sagt er. „Aber ich habe Bock, noch etwas zu gestalten. Ich habe noch nicht das Gefühl, am Ende meiner Leistungsfähigkeit zu sein…“

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