Wahlkreis 149

Die Bundestagskandidaten: Die Kämpfernatur zwischen Ankara und Attendorn

SPD Politikerin vor SPD Wagen
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Nezahat Baradari gehört seit 2019 dem Bundestag an. Am 26. September möchte sie wieder den Sprung nach Berlin schaffen.

Im Wahlkreis 149 (Olpe/Märkischer Kreis I) bewerben sich neun Kandidaten um das Bundestagsmandat. Eine davon ist Nezahat Baradari. Die Attendornerin kandidiert für die SPD.

Lüdenscheid - Der Latte Macchiato ist einer mit laktosefreier Milch, das Bruschetta Caprese eines ohne Fleischanteil. Nezahat Baradari ist gekommen, um im Eiscafé am Rathausplatz in Lüdenscheid über Nezahat Baradari zu sprechen, aber es geht auch darum, die Speicher aufzufüllen in den Mittagsstunden, denn der Tag ist ein langer.

Er hat um 6 Uhr am Bahnhof in Finnentrop angefangen. Dort, wo sich in den Morgenstunden im Pendelverkehr so viele Menschen begegnen. In Lüdenscheid ist Markttag, Baradaris nächster Termin. Wahlkampf pur, nonstop. Vom Eiscafé aus wird es weitergehen nach Meggen – im Lennestädter Stadtteil soll es von Haustür zu Haustür gehen. Da kommt eine Stärkung ganz recht.

„Wir kämpfen ja auch“, sagt Baradari. Das Thema ist gerade der Aufschwung, diese doch ein wenig überraschend immer wahrscheinlicher werdende Chance für ihre Partei, womöglich nach dem 26. September den Kanzler stellen zu können. Baradari sagt, und es klingt mahnend: „Langsam, kontinuierlich, nicht überdrehen…“ Sie hat den Schulz-Hype noch in Erinnerung aus dem Jahr 2017. Und den schlimmen Absturz. „Ich hoffe“, sagt sie, „dass wir diesmal die Früchte unserer Arbeit ernten können. Dafür kämpfen wir.“

Die Kämpfernatur und ihr Leben zwischen Ankara und Attendorn

Kämpfen ist der Kinderärztin nicht fremd: Eine Kämpfernatur ist Baradari immer gewesen, wahrscheinlich hat das Leben sie dazu gemacht auf ihrem Weg zwischen Ankara und Attendorn. Baradari hat am 15. August gerade ihren 56. Geburtstag gefeiert. Geboren in der türkischen Hauptstadt, aufgewachsen erst in Heilbronn, wo ihre Brüder zur Welt gekommen sind, dann in Kiel. Die klassische Gastarbeiter-Familie aus der Türkei in den 60er-Jahren. Eigentlich hatte der Tischler-Beruf in der Familie Tradition gehabt, auch ihr Vater hatte diesen Beruf erlernt, dann aber in Kiel in der Schweißerei der Werft gearbeitet. Und die Mutter, sie hatte in Akkordarbeit am Band Tilly-Strumpfhosen produziert, daran erinnert sich Baradari noch genau.

1976 hatte die Familie so viel gespart, dass die Eltern sich entschieden, es wieder in der Türkei probieren zu wollen. „Es ging um 
die Schule für meine Brüder“, sagt sie, „wir zogen in ein gutes Viertel von Ankara in eine große Wohnung, sogar schon mit Badewanne. Das war Luxus in dieser Zeit.“ Doch die Dinge liefen nicht so wie erhofft. Der Vater versuchte es mit einer Möbelfabrik, die aber pleite ging. Er ging zu den Staatlichen Wasserwerken, wurde Gewerkschafter. 1980 floh erst er wieder nach Deutschland, dann seine Ehefrau. Und schließlich kamen die drei Kinder nach.

Zurück in Kiel, aber diesmal in neuer Rolle: als Asylbewerber. Fünf Personen, eineinhalb Zimmer. „Unterm Dach, die Schräge war voller Schimmel. Meine Mutter hat sich kaum noch raus getraut“, sagt Nezahat Baradari, „und zum Einkaufen gab es Essensmarken von ENO.“ Es sind Dinge, die sich einbrennen ins Gedächtnis. So wie die Geschichte aus ihrer ersten Zeit als Grundschülerin in Kiel, als ihr eine Lehrerin eines Tages vor der Klasse einen Sack voller Second-Hand-Anziehsachen überreicht hatte. „Ich weiß, dass das sehr nett gemeint war“, sagt Baradari, „aber meine Eltern arbeiteten, wir waren nicht arm.“ Es war eine gut gemeinte und doch demütigende Geste. So demütigend wie die Situationen, als Lehrer sie überaus freundlich als Gücer ansprachen. Gücer war der Familienname, sie hatten Vor- und Nachname nicht zuzuordnen gewusst.

Es tat mir in der Seele weh. Es war wie ein Stich in mein Herz...

Nezahat Baradari über das Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt

Es ist nicht überraschend, dass sich eine Politikerin mit dieser Vita bei Migrations- und Integrationsfragen besonders einbringen will. Wenn man so will, bringt sie eine Expertise mit, die man auf keiner Universität erlernen kann. Und Baradari ist ja auch selbst ein Beispiel einer geglückten Integration. Nach der Rückkehr nach Kiel lebte die Familie sieben Jahre lang mit unsicherem Aufenthaltsstatus von der Sozialhilfe.

Die Kinder machten in der Schule ihren Weg, und die junge Nezahat fand auch den Weg zur Politik. Der Vorsitzende des türkischen Arbeitnehmervereins, Achmet Akkaya, der später das Bundesverdienstkreuz erhalten sollte, ermutigte sie. „Die SPD ist eine gute Partei für dich“, sagte er. Sie glaubte ihm – und erlebte, wie der Kanzler Helmut Schmidt mit einem Misstrauensvotum zu Fall gebracht wurde. Sie hat noch heute die Bilder im Kopf. Schmidt war eine besondere Figur gewesen für die gerade 17-Jährige. „Es tat mir in der Seele weh“, sagt sie, „es war wie ein Stich in mein Herz.“

Am 19. Januar 1984 trat sie ein in die SPD. Baradari schaut es im Eiscafé kurz nach, so viel Zeit muss sein. „Ich habe dann auch in Mädchen- und Frauenrunden mitdiskutiert“, erinnert sie sich. In der Schule machte sie erst als Schulbeste ihren Hauptschulabschluss, dann als Schulbeste den Realschulabschluss. „Ich war wissbegierig und fleißig“, sagt sie. Beim Abitur 1987 war sie „nur“ die Siebtbeste ihres Jahrgangs, auch das weiß sie noch. „Aber da hatte ich viel Zeit in die Schülerzeitung gesteckt…“ Es klingt wie eine Entschuldigung, ehrgeizig ist Baradari immer gewesen.

Nach sieben Jahren war Deutschland bezüglich des Aufenthaltsrechts der Gücers zu einem Ergebnis gekommen. Die Familie wurde abgelehnt. Doch weil die drei Kinder sehr gute Schüler waren und die Eltern gut integriert, durften sie am Ende doch bleiben. Für Nezahat ging es nun um die berufliche Zukunft: „Ich hatte viele Ideen, wollte erst Hostess werden, dann Journalistin, dann Bankkauffrau.“ Dass es die Medizin wurde, lag am Philosophielehrer, dessen Söhne sie kannte. Beide schlugen 
diesen Weg ein, sie fand Medizin auf einmal auch ganz gut. Übers Ausländerkontingent erhielt sie ihren Platz an der Universität in Kiel. Es war erst einmal der Knock-out für alles Politische. Neben dem Studium jobbte sie als Krankenschwester, in den Semesterferien auch. Da blieb keine Zeit für andere Dinge.

Nach dem Studium geht es nach Attendorn

Beim Studium lernte sie auch ihren Mann kennen. Ramin Baradari war Mitte der 80er-Jahre aus dem Iran geflohen. Eine ähnliche Lebensgeschichte. Sie heirateten, schlugen medizinisch unterschiedliche Wege ein – Ramin Baradari ist heute niedergelassener Chirurg in Werdohl – und kamen ins Sauerland. Nezahat Baradari hatte in Itzehoe und Eutin gearbeitet nach dem Studium, ihren Facharzt-Abschluss machte sie erst nach dem Umzug nach Attendorn. Ihr Ehemann hatte dort eine Stelle als Chirurg im 
Krankenhaus bekommen.

Der Wechsel von Kiel nach Attendorn ist Nezahat Baradari nicht so schwer gefallen. „In Kiel ist das Wetter meistens miserabel“, sagt sie, „und Attendorn habe ich direkt am Anfang vor allem als besonders kinderfreundlich empfunden. Ich habe die Stadt inzwischen ins Herz geschlossen.“

In Attendorn stand der Beruf auch lange im Vordergrund. 2008 eröffnete sie ihre eigene Kinderarztpraxis. Mitglied der SPD war sie da noch immer. Aber still. Als sich dann der Arbeitskreis Migration und Vielfalt bei ihre meldete, dachte sie: „Toll, dass ich mal eine Einladung bekomme…“

Sie ging hin und ist nun schon zum zweiten Mal zur AG-Vorsitzenden gewählt worden. Baradari wurde bald Sachkundige Bürgerin 
für die SPD im Stadtrat, ging in den Ortsvereinsvorstand, wurde Sprecherin der SPD für Soziales und Gesundheit im Olper Kreistag.
Es gibt diese Fügungen im Leben, die eine lange vergessen geglaubte Leidenschaft wieder wachküssen. Die Dinge nahmen ihren Lauf. 2016 fragte die Partei Baradari, ob sie Bundestagskandidatin werden wolle. „Das war nie meine Intention“, sagt sie, „ich habe mir eine Woche Bedenkzeit ausgebeten und nach fünf Tagen zugesagt.“

Zu Hause hilft die Mutter, damit auch im Wahlkampf alles läuft

Damit steckte sie im Abiturjahr der älteren Tochter auf einmal mitten im Wahlkampf. So wie jetzt wieder, im Abiturjahr der jüngeren Tochter. Ihr Mann ist inzwischen Kassierer des Ortsvereins. Daheim kümmert sich die Mutter, wenn Nezahat Baradari sich nicht kümmern kann in stressigen Wahlkampfzeiten: „Ohne sie wäre es nicht gegangen…“

2017 verpasste Nezahat Baradari knapp den Zug nach Berlin, doch als 2019 ein Platz frei wurde, weil ihr Vorgänger zum Datenschutzbeauftragten berufen wurde, ging es doch an die Spree. Nun wurde die Mutter daheim noch dringender gebraucht. Für die Praxis fand sie einen Kollegen, der einstieg. „Ein Glücksfall“, sagt sie, „anfangs musste ich noch intensiv begleiten, doch inzwischen läuft alles ganz routiniert.“

In Berlin hat sich Baradari eingelebt, die Arbeit im Bundestag macht ihr Spaß, auch wenn es mitten in der Regierungsperiode ein Start von Null auf Hundert gewesen ist. „In der Fraktion bin gut aufgenommen worden, aber man ist in dieser Stadt allein“, sagt sie und reflektiert die zwei Jahre, „klar geht man abends auch mal mit Kollegen essen. Die Distanz ist mir aber immer wichtig gewesen. In der Politik sind Freundschaften Zweckbündnisse auf Zeit.“

Wenn Sie wüssten, wie sehr wir die Nase voll haben davon, in der Regierung der Juniorpartner zu sein...

Nezahat Baradari über Regierungsoptionen

Nun wartet dieser 26. September: Wieder Bundestag? Oder Rückkehr in die Arztpraxis? Ihrem neuen Kollegen in Attendorn hat sie 2019 die feste Zusage gegeben, dass es auch nach der Bundestagswahl weitergehen wird für ihn in der Praxis. Ihren Mitarbeitern im Abgeordnetenbüro Baradari kann sie solche Zusagen nicht machen. Ihr Platz auf der Landesliste garantiert ihr keineswegs den erneuten Einzug ins Parlament. „Da hängt was dran“, sagt sie, „natürlich wäre es nicht schön, wenn es nicht weiterginge. Man hat viel investiert – Zeit und Arbeit, hat Mitarbeiter.“

Es ist nicht so, dass Baradari daheim in ein Loch fallen würde. „Ich habe viele Projekte“, sagt sie, „meine zweite Doktorarbeit. In der 
Kinder- und Jugend-Psychotherapie bin ich mitten in der Weiterbildung steckengeblieben. In der Akupunktur auch.“ Dazu die politischen Aufgaben, es würde nicht langweilig. Aber trotzdem hofft sie, dass es für sie weitergeht im Bundestag. Der Aufschwung ihrer Partei nährt diese Hoffnung.

Sport, Shoppen und ein Essen mit der Familie als größter Luxus

Dafür kämpft sie und stellt dieser Tage Hobbys wie den Sport (Fitnessstudio, Karate), die Familie („Ein Essen mit der ganzen Familie 
ist für mich der größte Luxus…“) oder auch das Shoppen, das sie als ihre „große Schwäche“ bezeichnet, in den Hintergrund. Noch drei Wochen lang.  Und gerne auch schon um 6 Uhr in der Früh, wie an diesem Tag in Finnentrop. „Was ich dort gesehen habe, das ist eine fleißige Gesellschaft“, sagt Baradari und erzählt von dem Busfahrer, den sie dort wiedergetroffen hat. Ein Flüchtling aus Syrien, der nun seinen Platz gefunden hat. „Wenn die Integration klappt und der Wille da ist, können alle profitieren“, sagt sie, „es muss nicht jeder Arzt oder Ingenieur werden. Auch in anderen Positionen kann man ein wertvoller Teil der Gesellschaft sein.“ Einer Gesellschaft, die sie nun mit ihrer Partei gerne in die Zukunft führen möchte. Tonangebend: „Wenn Sie wüssten, wie sehr wir die Nase voll haben davon, in der Regierung der Juniorpartner zu sein...“

„Wenn etwas nicht klappt, zeigt man auf uns“, führt Nezahat Baradari weiter aus, „und wenn Frau Merkel in Harvard die Ehrendoktorwürde bekommt, dann wird sie dort für den Mindestlohn gefeiert. Das ist doch unser Thema…“ Sie ist nun ganz im Wahlkampfmodus, überaus vital, energisch und irgendwie auch voller Zuversicht. „Schauen Sie auf Biontech, den Impfstoff, oder die Testverfahren“, sagt Baradari, „alles aus Deutschland. Wir haben gezeigt, dass wir es können. Vielleicht können wir die Welt nicht alleine retten, aber wir können einen Teil dazu beitragen.“

Sie hält inne, dann sagt sie: „Deutschland muss jetzt mutige Wege gehen. Wer soll es machen, wenn nicht Deutschland?“ Mit 
dieser Frage, die eine Botschaft ist, geht es gestärkt weiter nach Meggen. Weiter mit Rückenwind auf die Zielgerade eines Wahlkampfes, der ein besonderer ist. Vor allem ein besonders intensiver.

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