Wahlkreis 149 (Olpe/Märkischer Kreis I)

Die Bundestagskandidaten: Der Mann mit der Schiebermütze

Politiker und der Leser im Stadtgarten
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Otto Ersching und der Zeitungsleser im Stadtgarten: Neben der Regionalzeitung liest der Lüdenscheider regelmäßig die Junge Welt und das Neue Deutschland. Die taz dagegen goutiert er nicht. Sie ist für ihn die „Bild-Zeitung der Linken“.

Im Wahlkreis 149 (Olpe/Märkischer Kreis I) bewerben sich neun Kandidaten um das Bundestagsmandat. Einer davon ist Otto Ersching. Der Lüdenscheider kandidiert für die Partie Die Linke.

Lüdenscheid – Als es vor einem Jahr in Nordrhein-Westfalen um den Einzug in die Kommunalparlamente ging, da zog auch ein Lüdenscheider Gewerkschafter mit Schiebermütze in diesen Wahlkampf. Otto Ersching stellte sich den Menschen im Wahlbezirk Kalve/Berliner Straße auf einem Flugblatt mit dieser markanten Kappe vor, die in den 1930er-Jahren vor allem Vorarbeiter bekannt machten und die nun auch der Kölner Fußballvorarbeiter Steffen Baumgart zu seinem neuen Markenzeichen gemacht hat. Bei Ersching pappte noch ein Che-Guevara-Sticker an der Mütze. So zog er auf Listenplatz zwei für Die Linke in den Lüdenscheider Stadtrat ein.

Dieser Tage nun ist der 56-jährige Lüdenscheider Bundestagskandidat für die Partei Die Linke im Wahlkreis 149, also in seiner Stadt, im Volmetal und im Raum Olpe. Es ist aber nun ein Wahlkampf ohne Schiebermütze. Ersching trägt bei offiziellen Terminen zumeist schwarzes Sakko und weißes Hemd, auf der Straße gerne statt des Hemdes ein rotes T-Shirt. Und dazu immer die roten Turnschuhe. So viel Rot muss sein. Der markante Kopf indes, der kommt dieser Tage ohne die Mütze aus.

Bei Wahlen sollte es immer um Inhalte gehen, doch natürlich geht es auch immer um Äußerlichkeiten. Ersching hat sowohl hier als auch da seinen Weg gefunden, äußerlich ohne die Schlägerkappe. Inhaltlich ganz fest verwurzelt bei seinen Themen. Gewiss, er wird nicht nach Berlin in den Bundestag einziehen, steht gar nicht auf der Landesliste seiner Partei. Umso mehr möchte er aber in seinem Wahlkreis liefern – für ein gutes Ergebnis sorgen. Mit klaren Überzeugungen. Überzeugungen, die Die Linke eben nicht zwangsläufig in eine rot-rot-grüne Regierung, von der zuletzt immer wieder die Rede ist, führen sollen.

Die Bundestagskandidaten: Der Mann mit der Schiebermütze

Ersching benennt in diesem Kontext die für ihn kritischen Themen: Auslandseinsätze mit der Bundeswehr, eine Grundsicherung statt Hartz 4. Darum geht es dem Mann, der einst 84/85 die Bundeswehr erlebt hat („Erst war ich Feuer und Flamme, aber das hatte sich nach drei Monaten erledigt. Das ist eine ungesunde Welt…“). Heute nennt er das Friedensthema sein „Grundsatzherzthema“. Nicht sein einziges, aber eben doch ein ganz wichtiges. Seit Ende des kalten Krieges sei er Pazifist, sagt Ersching. Dies für eine Regierung in Berlin aufzugeben, hat er nicht vor.

„Auf diese beiden Themen geht keine Koalition ein“, sagt Ersching, „aber wenn wir die rote Haltelinie verlassen, dann sind wir auch keinen Deut besser als die SPD. Wir müssen Haltung bewahren. Unser Programm in der Außenpolitik ist gut. Punkt!“

Keine Frage, wenn der Wahlkampf eine Autobahn wäre, dann wäre Otto Ersching immer auf der ganz linken Spur unterwegs. Wagenknecht oder Wissler? „Wissler!“, sagt Ersching, und wie er es sagt, gehören eigentlich drei bis fünf Ausrufezeichen hinter den Namen der neuen Parteivorsitzenden, die als besonders Linke unter Linken gilt. Dass in NRW Sahra Wagenknecht („Sie war früher mal anders, jedenfalls habe ich sie anders in Erinnerung…“) die Partei in den Wahlkampf führt – Ersching hätte es sich anders gewünscht. „Die Genossen im Nordkreis sind auf dieser Linie und haben sie auch gewählt“, sagt er, „ich hätte das nicht getan…“

In den 1980er-Jahren kurz vor dem Eintritt in die SPD

In den 80er-Jahren, als der junge Otto Ersching nach der Hauptschule eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann machte und danach zur Bundeswehr ging, hat er auch mal kurz überlegt, in die SPD einzutreten. Ein politischer Mensch sei er schon da gewesen. „Die Weltpolitik, aber eben auch die Arbeitspolitik haben mich damals sehr interessiert“, sagt er. Ersching hat sich seinerzeit am SPD-Wahlkampfstand den Kopf heiß diskutiert. „Aber gottseidank habe ich dann den Absprung geschafft“, sagt er heute.

Keine SPD, auch keine Arbeitsleben als Einzelhandelskaufmann. Der gebürtige Lüdenscheider (Mutter aus Ihmert, Vater nach dem 2. Weltkrieg aus Ungarn geflohen) schloss 1987 eine Ausbildung als Werkzeugmechaniker bei der SIHK am Lehmberg an und landete bei der Firma Erco. Es war die Lebensphase, in der wenig Zeit blieb für Politisches. Heirat, zwei Söhne, später noch als Nachzügler ein dritter. Und parallel ab 1996 die Ausbildung zum Techniker. „Da hatte Politik keine Priorität“, sagt er, „da musste ich erst mal eine Familie ernähren...“

In der wenigen Zeit, die daneben blieb, ging er mit dem mittleren Sohn zum Fußball. Beim SC Lüdenscheid spielte der. „Ich habe kaum ein Spiel verpasst“, sagt Ersching. Er fand auch mal den BVB ganz gut. „Aber den Profifußball habe ich mir abgewöhnt“, sagt er und ist kein Fan mehr, „zu viel Kommerz.“

Wenn wir die rote Haltelinie verlassen, dann sind wir auch keinen Deut besser als die SPD. Wir müssen Haltung bewahren. Unser Programm in der Außenpolitik ist gut. Punkt!

Otto Ersching über die Möglichkeit einer rot-rot-grünen Regierung

Politisch folgte ein Spätstart. Wie es häufig so ist, gab es dafür einen Katalysator, ein einschneidendes Ereignis: Ersching, der inzwischen als Werkzeugkonstrukteur bei Erco einen sehr guten Job hatte, begleitete als Betriebsrat zwei Kündigungswellen, bei denen fast 100 Arbeitskräfte gehen mussten. Er saß mit dabei, als den Menschen, die seine Kollegen waren, die Nachricht von der Kündigung überbracht wurde. Er lernte viel über ihre Ängste und Nöte. Es waren Erlebnisse und Erfahrungen, die man nicht an der Firmentür abgab, wenn man nach Hause ging. „Jetzt musst du dich stärker engagieren, habe ich mir damals gesagt“, erzählt Ersching, der heute nur noch Ersatzmitglied im Erco-Betriebsrat ist, dafür aber in der Angestellten-Gruppe der IG Metall mitarbeitet.

Es war in den Jahren 2013 und 2014, als die AfD stärker wurde: Ersching, der sich inzwischen in seiner Freizeit zu einem begabten Hobbyfotographen (Architektur, Landschaften) entwickelt hatte, suchte etwas Neues und ging zum „Bündnis gegen rechts“. Dort traf der Gewerkschafter unter anderem Michael Thomas-Lienkämper, der inzwischen im Wahlkreis 150 (Lennetal, Märkischer Nordkreis) für Die Linke kandidiert. Über Thomas-Lienkämper fand Otto Ersching den Weg in die Partei. 2016 war das, erst vor fünf Jahren. Es folgte ein beachtlicher Aufstieg: Ersching durfte schon bald als Delegierter zur NRW-Listenaufstellung nach Gütersloh, lernte die inzwischen verstorbene Kreisgeschäftsführerin Eva Schütte und andere interessante Parteimitglieder kennen. Drei Jahre lang arbeitete der Lüdenscheider in der Folge auch im Kreisvorstand mit.

In Lüdenscheid selbst fand Otto Ersching in Jupp Filippek einen Genossen, der inzwischen zu einem guten Freund geworden ist. „Wir ticken gleich, verstehen uns gut“, sagt Ersching, der zuletzt vom 72-Jährigen das Amt des Sprechers im Ortsverband „geerbt“ hat. Gemeinsam sitzen Ersching und Filippek im Stadtrat, gemeinsam hängen sie dieser Tage die Wahlplakate an den Laternenmasten auf.

Ersching empfindet die Partie Die Linke inzwischen als zu etabliert

Ersching macht der Wahlkampf Spaß, vor allem auf der Straße im Kontakt mit den Bürgern („Wir werden anders als noch 2017 nicht mehr als die Mauerschützenpartei beschimpft…“). Das ist seine Sache. Aber auch die Runden mit den anderen Kandidaten, die man so besser kennenlerne, gefallen ihm. Der Lüdenscheider bleibt dabei ein Mann der Basis. Ersching ist kein linker Theoretiker, kein eloquenter Redner, der auf jede Frage eine Antwort kennt oder zumindest so wortreich ripostiert, dass man diesen Eindruck gewinnen könnte.

Ersching ist Praktiker: Arbeit, Armutsbekämpfung, bezahlbares Wohnen, Klimaschutz im Einklang mit der sozialen Frage. Dort, wo bei vielen nicht so Privilegierten in dieser Gesellschaft der Schuh drückt, will Ersching an deren Seite stehen. Das ist ihm im Zweifel wichtiger als Parteiräson. Der Lüdenscheider ist kein Mann, mit dem es das eigene Lager immer leicht hat.

Er liest neben der Regionalzeitung auch die Junge Welt („Gibt es in Lüdenscheid nur an einem Kiosk...“) und das Neue Deutschland und findet, die taz sei eigentlich nur eine Bild-Zeitung der Linken. Das ist kein Lob, die Bild-Zeitung hält er für, nun ja, verzichtbar. Er formuliert es anders, weniger zitierbar. Klare Worte, klare Kante.

Kurzum: Unbequem zu sein, Kritik zu üben, wo es nötig ist: Das ist Ersching wichtig. „Die Linke war mal eine Protestpartei“, sagt er, „aber sie wird inzwischen immer mehr als etabliert wahrgenommen. Da gibt es aber bereits die Grünen und die SPD als Konkurrenz. Der Platz ist doch schon besetzt...“

Wahlplakate zu weich, zu wenig provokativ

Ersching hätte sich einen anderen Wahlkampf gewünscht. Provokativer auf den Plakaten. „Da fordern wir den Mindestlohn und stellen das Bild einer lächelnden Frau dazu“, sagt er empört, „das passt doch nicht. Die Plakate werden immer weicher. Wir trauen uns nichts mehr.“ Mit der IG Metall geht er genauso ins Gericht: „Wir haben seit viereinhalb Jahren keine Tabellenentgelt-Erhöhungen mehr. Bei den letzten Tarifverhandlungen haben wir vier Forderungen gehabt, und dann wird eine akzeptiert, und die Gewerkschaft stimmt zu.“ Ersching ist an diesem Tag aus allen Wolken gefallen. „Die Kampfbereitschaft war da“, sagt er, „da wäre mehr rauszuholen gewesen.“

Er hat dies auch im Arbeitskreis, in dem er mitarbeitet, klar benannt. Bei seinen Herzthemen macht er aus seinem Herzen keine Mödergrube, da ist er kein Mann der Kompromisse. Die hat Otto Ersching nur bei der Optik im Wahlkampf gemacht. Schade eigentlich. Die Schiebermütze mit dem Konterfei des Commandate, sie passt eigentlich besser zu ihm als weißes Hemd und Sakko.

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