Dicke Luft im Gerichtssaal: Keine Strafe für Krakeeler

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Kaum ein Ton, vor allem aber keine Frischluft darf in die Sitzungssäle des Amtsgerichtes eindringen. ▪

LÜDENSCHEID ▪ Einem 69-jährigen Angeklagten droht die Einweisung in die Psychiatrie. Wegen Sachbeschädigung, Bedrohung, Diebstahl und immer wieder Beleidigungen ist er deshalb vom Lüdenscheider Amtsgericht ans Hagener Landgericht weiterverwiesen worden.

„Alle waren da, nur der Sauerstoff war weg.“ Diesen Satz sagen sie derzeit gerne am Amtsgericht – und lachen dann. Seit Direktor Peter Alte mit dem Vermerk „Wichtigkeit: Hoch“ eine Anweisung herumgemailt hat, ist dicke Luft in den Sitzungssälen. Alle Fenster sind zu – und abgeschlossen. Aber wohl nicht deshalb macht der Angeklagte einen schlappen Eindruck. Weißhaarig, krumm und mit apathischem Gesichtsausdruck sitzt der 69-Jährige zwischen seinem Verteidiger Frank Peter Rüggeberg und seinem Betreuer. Der hat ihn aus der Psychiatrie herbegleitet.

Für den stillen alten Mann, vielen Lüdenscheidern eher als aggressiver und krakeelender Säufer nur allzu bekannt, geht es um eine ganze Menge. Für Amtsrichter Thomas Kabus geht’s erst einmal darum, Zeugen loszuwerden. 43 hat er geladen. Er ruft sie alle in den Saal – und schickt 23 gleich wieder nach Hause. Sie werden nicht gebraucht, dürfen sich aber ihr Zeugengeld abholen. Der Rest: Bitte, draußen warten!

Oberstaatsanwalt Wolfgang Rahmer braucht eine knappe viertel Stunde, um alle 23 Anklagepunkte vorzulesen. Sachbeschädigungen, Bedrohungen, Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Diebstähle, Widerstand – und, vor allem, immer wieder Beleidigungen übelster Sorte. Rahmer zitiert ungerührt. „Bullensau“, „Nutte“, „Nazi-Schwein“ oder „Missgeburt“ sind die harmloseren Ausdrücke. Auch die wirklich harten Kraftausdrücke bleiben außerhalb des Saales ungehört. Das ist einem vorbestraften Dachdecker aus Iserlohn zu verdanken, der am 3. Februar aus einem Fenster des Landgerichts Hagen gesprungen und abgehauen ist. Seither sind die Fenster im Justizgebäude am Dukatenweg dicht, „damit ähnliche Vorfälle sich nicht in Lüdenscheid ereignen“, wie Peter Alte seinen Mitarbeitern am 4. Februar schrieb.

Doch der blasse Angeklagte, dem zwischendurch immer mal wieder die Augen kurz zufallen, springt nirgendwo hin. Er wird wohl niemandem mehr mit der Russen-Mafia drohen und auch kein Auto, keinen Zaun, keinen Mülleimer mehr beschädigen. und auch keine Stiefmütterchen aus den Beeten reißen und auf der Straße verteilen.

Seine zwölf Einträge im Vorstrafenregister haben ihm teils empfindliche Geldstrafen und zuletzt eine Gesamtstrafe von neun Monaten eingebracht. Die hat er abgesessen. Richter Kabus liest beispielhaft aus drei Urteilen vor. Die Frühlingssonne heizt den Saal 125 langsam auf. Es wird deutlich, was „einschlägig“ bedeutet: Sachbeschädigungen, Bedrohungen, Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Diebstähle, Widerstand – und, vor allem, immer wieder Beleidigungen übelster Sorte. Das Gericht vernimmt drei der Zeugen, die anderen 17 dürfen nun auch unverrichteter Dinge nach Hause gehen. Immerhin: Sie bringen etwas kühle Luft mit in den Saal, aber auch Nikotin-Aroma. Die Zeugen berichten über steigende Gewalttätigkeit und uferlosen Alkoholismus des Angeklagten.

Im September 2008 hat ein Richter dem selbst ernannten „Diplom-Ökonom“ und „Biologie-Lehrer“, der in den Akten als Gelegenheitsarbeiter und Sozialhilfeempfänger geführt wird, ins Urteil geschrieben, er sei „sozial derangiert“ und verfalle „immer mehr dem Trunke“. Oberstaatsanwalt Rahmer weist auf weitere 21 noch unerledigte Verfahren hin: Sachbeschädigungen, Bedrohungen, Hausfriedensbruch, Beleidigungen – das übliche eben.

Wie soll so ein Mann, der sich bislang von keiner Strafe hat beeindrucken lassen, auf den rechten Weg gebracht werden? Nicht mit Strafe, da sind die Juristen mit dem Sachverständigen, dem Psychiater Stefan Schriml, schnell einig. Der Arzt liest aus seinem Gutachten vor. Die Temperatur im Saal steigt, der Sauerstoff wird knapp, der Angeklagte nickt wieder ein. Dr. Schriml spricht dem 69-Jährigen jegliches Unrechtsbewusstsein und jede Krankheitseinsicht ab. Es bleibe nur die Unterbringung in der Psychiatrie.

Doch das darf das Amtsgericht nicht entscheiden, nur das Landgericht. Rahmer: „Das kann für ihn ein sehr sehr langer Aufenthalt werden.“ Der Aufenthalt im Saal 125 ist dagegen beendet. Es hätte schlimmer kommen können. Eine Schulklasse hatte sich zum Luftverbrauchen angekündigt, aber abgesagt. Für den Angeklagten ist alles schon schlimm genug. ▪ Olaf Moos

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