Violine contra Kampfkunst

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Diana Tishchenko hat das Stipendium für Musik der Märkischen Kulturkonferenz gewonnen.

LÜDENSCHEID - Nervös waren sie alle. Immerhin ging es für die vier jungen Musiker um ein Stipendium in Höhe von 12 000 Euro. Aber für Diana Tishchenko hatte der Abend im kleinen Saal des Kulturhauses gleich mehrere Erschwernis-Zulagen parat.

Nicht genug damit, dass während ihres Vortrages permanent dumpfe Schläge aus den Tiefen des Kulturhauses ertönten, die gut einem Proberaum einer Heavy-Metal-Band hätten entstammen können. Mitten in der Interpretation Niccolo Paganinis „Le Streghe“ riss an ihrer Violine eine Saite. Die Farbe wich augenblicklich aus dem Gesicht der jungen Violinistin, Bestürzung, ein verlegenes Lächeln in Richtung Jury. Doch das Herrenquartett nahm’s gelassen. „Sie gehen jetzt nach hinten und wechseln die Saite“, wies Professor Frank Zabel Diana Tishchenko den Weg. Und: „Ist ja nur die e-Saite, das geht schnell“, legte Jury-Mitglied und Violinist Philipp Wenger nach.

Die Märkische Kulturkonferenz hatte einmal mehr eingeladen, um in den Bereichen Musik, Literatur und Kunst das Stipendium für das kommende Jahr auszuloben. In einem öffentlichen Konzert stellten vier Kandidaten, die von ursprünglich 16 im Auswahlverfahren übrig geblieben waren, ihre Kunst an der Violine vor: Lara Boschkor, Kira Kohlmann, Georg Sarkisjan und eben Diana Tishchenko. Nach dem Saitensprung nutzte Kulturdezernent Wolff-Dieter Theissen eilig die Gunst der Zwangspause, um den hämmernden Geräuschen auf den Grund zu gehen. In der Kampfsportschule unter dem Kulturhaussaal hatten die Sportler Sandsäcke an die Wände montiert und bearbeiteten diese zeitgleich, wenn auch nicht im Takt, mit dem virtuosen Violinenspiel Tishchenkos.

Lara Boschkor vom Detmolder Jungstudenteninstitut, erst bewundernswerte 15 Jahre alt, eröffnete den Reigen des Vorspiels mit einer Komposition Johann Sebastian Bachs und legte feurig mit Pablo de Sarasates „Carmen Fantasie op. 25“ nach. „Da können die anderen ja gleich nach Hause gehen“, raunte es nach dem Vortrag der jungen Dame leise im Publikum. Aber Diana Tishchenko legte nach. Erst mit Debussy und artigem Applaus des Publikums, dann mit der Zwangspause und danach mit Paganini und aufbrandendem Beifall. Kira Kohlmann, mit Jahrgang 1983 die älteste Interpretin, widmete sich Mendelssohn-Bartoldy, begleitet von Ruben Meliksetian am Klavier. Brillant interpretierte die Musikerin anschließend die „Fantaisie brillante sur Faust“ aus der Feder des polnischen Komponisten. Hendryk Wieniawski. Neben seinen zahlreichen Salonstücken komponierte er drei Violinkonzerte und konnte als Komponist den slawischen Einfluss seiner polnischen Heimat überzeugend in seine Musik weiterreichen. Zeitweilig schien es, dass mit Kohlmann und Meliksetian ein ganzes Orchester auf der Bühne stand. Die Musikerin versank mit sich und ihrer Geige in einer Welt aus Tönen. Den Schlussakkord spielte schließlich Georg Sarkisjan mit einer Komposition von Paul Hindemith und „Paganiniana“ von Milstein.

Im Anschluss zog sich die Jury zu einer knapp halbstündigen Beratung zurück. Das Stipendium der Märkischen Kulturkonferenz wurde anschließend an Diana Tishchenko vergeben, wenngleich das Publikum lieber Kira Kohlmann auf dem Spitzenplatz gesehen hätte. - rudi

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