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Der steinige Weg zu mehr Klimaschutz: Mann will zweite Solaranlage bauen - abgelehnt

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Sollten neue Solarpaneele auf dem Dach des Hauses an der Honseler Straße 44 (links) in Lüdenscheid gebaut werden, darf keine Stromleitung zur Nr. 46 gelegt werden. Das untersagt eine VDE-Richtlinie, da die Gebäude nicht durch ein durchgehendes Dach verbunden sind.
Sollten neue Solarpaneele auf dem Dach des Hauses an der Honseler Straße 44 (links) gebaut werden, darf keine Stromleitung zur Nr. 46 gelegt werden. Das untersagt eine VDE-Richtlinie, da die Gebäude nicht durch ein durchgehendes Dach verbunden sind. © Hans-Georg Gottfried Dittmann

Ein Lüdenscheider plant mit einer zweiten Photovoltaik-Anlage nicht nur etwas für den Umweltschutz zu tun, sondern auch unabhängiger von den steigenden Strompreisen werden. Doch eine Richtlinie macht dem 74-Jährigen einen Strich durch die Rechnung.


Lüdenscheid – Heinz Wacker will etwas für den Klimaschutz tun und für seinen Geldbeutel. Daher plant er eine zweite Solaranlage – und handelt damit ganz im Sinne von Politik und Verwaltung, die in ihrem Klimaschutzkonzept 2019 den Ausbau der Solarenergie festgeschrieben haben. Doch bislang sind die Investitionen überschaubar – und diejenigen, die wie Heinz Wacker eine Photovoltaik-Anlage installieren wollen, dürfen nicht.

Wacker ist Eigentümer von zwei Häusern am Honsel. Sie liegen direkt nebeneinander, verbunden durch einen Flachbau, in dem sich Garage und Wohnräume befinden. Im etwas höher gelegenen Gebäude wohnt er, das untere ist vermietet. Auf seinem Wohnhaus liefern bereits seit geraumer Zeit Solarzellen Strom. „Die Anlage wurde damals noch in D-Mark gefördert“, erinnert sich der 74-Jährige. Jetzt will Wacker seine Energieproduktion fürs Klima mindestens verdoppeln – auf seinem Miethaus. „Eine Anlage, die 10 Kilowattstunden produziert, kostet mich 25 000 Euro“, zitiert der Rentner aus dem Kostenvoranschlag. Das Geld will er investieren. Auch baulich und technisch sei die Idee leicht zu realisieren, attestiert der beauftragte Elektrotechniker, der bereits einen Plan erstellt hatte. Über ein Kabel soll der geerntete Strom der neuen Anlage ins Wohnhaus überführt und dort eingespeist werden.

VDE-Richtlinie untersagt Kabelkonstruktion

Bei Enervie Vernetzt – zuständig fürs Lüdenscheider Stromnetz – wird der Tatendrang für den Klimaschutz aber jäh ausgebremst. Keine Genehmigung. Der Stolperdraht, der die Idee zu Fall bringt, ist nach Meinung des Netzbetreibers die geplante Stromleitung zwischen den Häusern – Brandgefahr. Das hat mit der baulichen Situation an der Honseler Straße zu tun – mit einem Eigentümer, zwei Häusern auf zwei benachbarten Grundstücken und jeweils eigenem Stromnetzanschluss. Auch wenn sie durch einen Zwischenbau miteinander verbunden sind, haben sie nach offizieller Lesart keine durchgehende Dachfläche.

Im Juli stoppt der Netzbetreiber das Vorhaben. Enervie teilt dem Installateur mit, dass die beabsichtigte Konstruktion mit einem Kabel zur vorhandenen Einspeisevorrichtung „gemäß Abs. 4, Ziff. 5.1 der VDE-AR-N 4105 unzulässig“ sei. Der zitierte Abschnitt der Richtlinie ist der E-Mail beigefügt. Wacker wundert sich über das Dokument, das das Kürzel VDE im Namen trägt. Dahinter steht der Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik. „Ein Verein kann doch nicht Richtlinien aufstellen, die als rechtliche Grundlage für eine Entscheidung herangezogen werden“, wundert sich Wacker.

Der VDE ist mehr als nur eine Interessenvertretung mit etwa 36 000 Mitgliedern. Der Verband ist – vereinfacht gesagt – zudem Teilnehmer mehrerer Kommissionen, die in Deutschland Normen und Standards für Elektronik und Informatik erarbeiten. Seit dem sogenannten Normenvertrag im Jahr 1975 sind die VDE-Richtlinien als gemeinsame Standards bei Unternehmen, Herstellern und Kunden anerkannt. Wer außerhalb dieser Richtlinien handelt, darf das theoretisch tun, trägt dafür aber ein deutlich höheres Haftungsrisiko, beispielsweise bei einem Brandschaden. In der zitierten Richtlinie ist die vom Eigentümer gewünschte Konstruktion untersagt.

„Ich könnte an fast jeder E-Ladesäule meinen Wagen aufladen, wenn ich denn ein E-Auto hätte“, sagt der Lüdenscheider Heinz Wacker.
„Ich könnte an fast jeder E-Ladesäule meinen Wagen aufladen, wenn ich denn ein E-Auto hätte“, sagt Heinz Wacker. © Hans-Georg Gottfried Dittmann

Von einer neuen Solaranlage auf dem Mietshaus will sich Wacker trotz der aufgestellten Hürden aber nicht abbringen lassen. „Es gibt die Möglichkeit, die erzeugte Energie wie in einer Cloud zu speichern“, sagt Wacker. Dabei werde sein Strom gegen eine monatliche Grundgebühr in das Stromnetz eingespeist und könne zum Nulltarif jederzeit und vielerorts wieder entnommen werden. Auch das hat für den Lüdenscheider seinen Reiz: „Ich könnte dann an fast jeder E-Ladesäule meinen Wagen aufladen, wenn ich denn ein E-Auto hätte.“.

Bei einer Investition von 25 000 Euro für die neue Anlage kalkuliert er – ohne Kosten für die Energie-Cloud – einen Verdienst von knapp unter 1000 Euro pro Jahr ein. Für ihn ein guter Deal und für die nachfolgenden Generation eine lohnenswerte Investition – auch wenn der 74-Jährige mit Blick auf sein Alter scherzt, dass er zu Lebzeiten „die Summe wahrscheinlich nicht vollständig refinanziert bekommt.“

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